Interview

„Man kann den Bürgern etwas zumuten“

Der Kommunikationsexperte Frank Lenk spricht im Interview über die Eigenwerbung der Landesregierung und beurteilt die Kommunikation des Senats.
09.08.2017, 21:07
Lesedauer: 5 Min
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„Man kann den Bürgern etwas zumuten“
Von Silke Hellwig

Herr Lenk, die bremische Landesregierung hat es derzeit nicht gerade leicht beziehungsweise tut sich schwer. Sie kennen sich mit Krisen-Kommunikation und -PR aus. Wie beurteilen Sie die Kommunikation des Senats?

Frank Lenk: Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Zumal eine schwierige Lage, in der sich Bremen zweifellos befindet, noch keine Krise ist. Eine Krise setzt eine plötzliche Zuspitzung und einen Wendepunkt voraus, wie wir ihn beispielsweise gerade in der Autoindustrie erleben oder wie wir es in Hamburg während des G-20-Gipfels erlebt haben. Die bremische Finanzkrise stellt sicher ein gravierendes Problem dar, ist aber keine Krise im klassischen Sinne, zumindest nicht aus der Sicht meiner Branche.

Vielleicht erklärt das auch das laute Schweigen: Der Senat sieht gar keine Krise. Keine Krise – keine Krisenkommunikation.

So ist es. Die desolate Finanzlage, die Arbeitslosenzahlen, die Pisa-Ergebnisse sind sicher sehr belastend, sie haben aber eine andere Dimension, als wenn mit einem Knall beispielsweise viele Stellen verloren gehen, wie damals bei der Werften-Krise. Grundsätzlich kann man sagen, dass jede Regierung gut beraten ist, die Lage unverblümt zu schildern, den Bürgern reinen Wein einzuschenken und keine Versprechungen zu machen, die womöglich nicht gehalten werden können. Schweigen ist nicht Gold. In der Politik muss man jederzeit sprechfähig sein.

Würden Sie Politikern empfehlen, einzugestehen, dass manche Probleme nur sehr schwer zu lösen sind, schon gar nicht von heute auf morgen, oder gar, dass man selbst ratlos ist?

Ratlose Politiker haben in ihrem Amt nichts zu suchen. Es wäre sicher zu begrüßen, wenn Politiker eine klarere Sprache finden, was das Ausmaß von Problemen und die Dauer von Umsteuerungsprozessen betrifft. Aber keine Antwort auf Probleme zu haben, das kann man sich in einer verantwortungsvollen Position nicht leisten. Die Bürger erwarten Antworten. Wenn man sie ihnen schuldig bleibt, löst man große Verunsicherung aus.

Fällt Ihnen ein Beispiel ein, wo sich Bremens Politiker in Krisenkommunikation bewährt haben oder eben auch nicht?

Die Schieflage der Bremer Landesbank, das war eine echte Krise. Es ging um Arbeitsplätze, es ging um viel Geld, es ging um Fehlentscheidungen. Die Kommunikation von Karoline Linnert, Finanzsenatorin und Aufsichtsratsvorsitzende, war akzeptabel. Allerdings hat niemand klar die Verantwortung übernommen. Es hieß: Niemand ist schuld. Es fielen Sätze wie: Hinterher ist man immer schlauer. So kann man nicht überzeugen. Ich bin mir sicher, dass man in der öffentlichen Wahrnehmung besser dasteht, wenn man die Fakten klar benennt und mögliche Fehler eingesteht, statt drum herum zu reden.

Diese Haltung ist in der Politik nicht allzu weit verbreitet, oder?

Offenbar nicht, das sieht man auch gerade in Hamburg in der Aufarbeitung des G-20-Gipfels durch Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz.

Gibt es auch positive Beispiele in Bremen?

Meiner Meinung nach haben der Innensenator und der Polizeipräsident beim Anti-Terror-Einsatz Anfang 2015 klug und besonnen reagiert. Sie haben zügig und unmissverständlich Fehler eingestanden. Ich denke, man kann den Bürgern durchaus etwas zumuten. Man kann ihnen vermitteln, dass auch im politischen Geschäft, gerade was das heikle Thema Innere Sicherheit betrifft, Fehler passieren können, obwohl man seine Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen trifft.

Vor einigen Wochen hat die Landesregierung eine Halbzeit-Bilanz in Form einer Hochglanz-Broschüre veröffentlicht. Was halten Sie von dieser Form der Kommunikation? Muss man nicht davon ausgehen, dass Leser von vornherein skeptisch sind, wenn sie so etwas in die Finger bekommen, weil sie nichts erwarten außer Selbstlob?

Eigenwerbung ist erlaubt. Es spricht nichts dagegen, in einer Imagebroschüre darauf zu verweisen, was man richtig gemacht hat. Es kann gut sein, dass Leser solcher Broschüren gewisse Abstriche machen, weil sie wissen, dass sich jemand in gutes Licht rückt. Dennoch werden Informationen vermittelt, die ja jeder nach Belieben ergänzen kann.

Welches sind die Kardinalfehler, die gemacht werden, wenn es in der Politik oder in Unternehmen zu Krisen kommt?

Zu glauben, dass man mit Lügen oder der halben Wahrheit durchkommt, das halte ich für einen Kardinalfehler. Offensichtliche Missstände zu beschönigen, die Krise auszusitzen, sich der Verantwortung zu entziehen, auch damit kann man auf Dauer nicht bestehen. Außerdem ist es meiner Meinung nach unverzichtbar, dialogbereit zu bleiben – ob mit Bürgern, mit Verbrauchern oder Wählern. Wichtig ist es auch, eine Perspektive aufzuzeigen, zu verdeutlichen, welche Konsequenzen man ziehen oder wie man Abhilfe schaffen will.

Man sollte meinen, dass sich Unternehmen und Politiker in den vergangenen Jahren enorm professionalisiert haben, was Krisen-Kommunikation betrifft. Ob Lebensmittel-, Abgas- oder Plagiatsskandal, ob außereheliche Affären oder Korruption, es kommt vieles ans Licht, nicht zuletzt durch das Internet.

Eigentlich sollte man davon ausgehen, gerade heute, wo sich Informationen in Windeseile verbreiten und man oft sehr schnell reagieren muss. In der Realität sehe ich allerdings oft Defizite. Denken Sie nur an das Verhalten von Christian Wulff vor seinem Rücktritt als Bundespräsident oder an das von Karl-Theodor zu Guttenberg, beides gestandene Politprofis. Die Kommunikation war in beiden Fällen desaströs. Für mich ist das bis heute unerklärlich, und man hat gesehen, dass das falsche Verhalten wie ein Brandbeschleuniger gewirkt hat.

Offenbar entwickelt politische Kommunikation durch soziale Netzwerke eine besondere Dynamik – es vergeht kaum eine Woche, in der kein Politiker wegen unbedachter Äußerungen bei Twitter von sich reden macht. Kürzlich traf es SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, der Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt quasi mit einem Pferd verglichen hat.

Leichter ist geschickte Kommunikation sicher nicht geworden. Man kann sich heute nicht mehr beliebig Zeit lassen, um zu reagieren, dann dominieren andere die Debatte. Die große Kunst ist, schnell und überlegt zugleich zu reagieren, gerade wenn es brennt.

Ob es überlegt ist, weiß man nicht genau, aber schnell ist sie schon – die neue Form des Dialogs, deren Erfinder US-Präsident Donald Trump ist. Was sagen Sie dazu?

Trump ist ein absolutes Phänomen. Seine Kommunikation ist außergewöhnlich, wenn man überhaupt von Kommunikation sprechen kann. Als PR-Experte kann man nur die Hände über den Kopf zusammenschlagen, das System Trump – ungeschliffen, rabiat und platt – scheint bisherige Mechanismen in gewisser Weise außer Kraft zu setzen und auf seine Weise erfolgreich zu sein, zumindest bei Trumps Stammwählern.

Muss man befürchten, dass sich die Kommunikation nach Art des Donald Trump in der Bundesrepublik etabliert, womöglich im Bundestagswahlkampf?

Es mag sein, dass es Tendenzen dazu gibt, vor allem bei Populisten. Aber grundsätzlich haben politische Debatten hierzulande eine andere Qualität, auch wenn es mal etwas hitziger zugehen mag. Die Bundeskanzlerin kommuniziert beispielsweise auf einer völlig anderen Ebene, sehr überlegt und taktisch klug. Sie lässt sich nicht treiben. Das muss man ihr einfach lassen, selbst wenn man ihr politisch nicht nahestehen mag.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Zur Person

Frank Lenk war 25 Jahre lang Sprecher der bremischen Handwerkskammer. 2007 machte er sich selbstständig. Heute ist er geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur Neusta Communications.
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