Kegeln in Bremen „Man muss die Bahn lesen können“

Ute Wachtendorf kegelt seit Kindheitstagen. Die Bremerin spielt seit vielen Jahren in der Bundesliga, ist aber auch international erfolgreich. Im Interview spricht sie über ihre Leidenschaft.
13.07.2019, 20:02
Lesedauer: 7 Min
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„Man muss die Bahn lesen können“
Von Ruth Gerbracht

Frau Wachtendorf, sind Sie erst im fortgeschrittenen Alter zum Kegelsport gekommen?

Ute Wachtendorf: Nein. Unsere Nachbarin hat mit mich einfach mal mitgenommen. Wir haben in Gröpelingen gewohnt, wo es gegenüber dem Depot eine Kegelhalle gab. Da war ich zehn. Mit elf habe ich dann richtig mit dem Kegelsport angefangen.

Haben Sie in dieser Zeit denn auch andere Sportarten betrieben?

Ein bisschen Turnen bei Tura Bremen.

Gab es in der Familie schon jemanden, der kegelaffin war?

Nein, da gab es keinen. Mit Papa bin ich schwimmen gegangen, aber nicht zum Kegeln.

Und wie war das dann, als sie zum ersten Mal auf der Kegelbahn standen?

Das war richtig gut. Es waren alles nette Leute, das hatte mir gefallen. Eine tolle Gruppe. Da habe ich auch gleich gesagt, dass ich wiederkomme.

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Waren da auch Kinder oder nur Erwachsene?

Das war die Jugendmannschaft, die ich dort getroffen habe. Meine Nachbarin, die mich mitgenommen hatte, war ja nur zwei Jahre älter als ich, also auch keine Erwachsene.

Gab es viele jugendliche Kegler?

Es war der absolute Kegelboom, als ich 1973 angefangen bin. Es war eine Achtbahn-Anlage in Gröpelingen und ganz viele Kinder waren dort am Start.

Und wie ging es dann los?

Wir sind dann zunächst mit der kleinen Kugel begonnen. Das hat mir gleich viel Spaß gemacht. Und dann habe ich auch gleich meine Klassenkameraden beim nächsten Mal mitgebracht. Ich glaub, ich hab die halbe Klasse mitangeschleppt. Aber nur ein paar Wenige haben weiter gekegelt.

Wie populär war Kegeln denn überhaupt?

Schon sehr, vor allem die ältere Generation hat viel gekegelt, vornehmlich aber im Freizeitbereich. Mal mehr, mal weniger sportlich.

Und was fanden Sie gut am Kegeln?

Die Gemeinschaft, denke ich – und ich habe relativ schnell Erfolg gehabt. Das hat mich stark motiviert. Irgendwie war ich so ein Talent. Der Trainer hat das schnell entdeckt und mir zugeredet, dabei zu bleiben.

Und wie schwierig ist Kegeln? Was muss man da lernen?

Es geht vor allem um eine gute Technik. Zum Beispiel ist es wichtig, die Hand gerade zu halten. Hinzu kommt ein bisschen Kraft und auch Ausdauer. Ich weiß das auch nicht mehr so, das ist schon so lange her.

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Können Sie die Technik noch ein bisschen näher erklären?

Naja, die Hand muss gerade lang hinter der Kugel her gehalten werden, die Bahn ist ja nicht so gerade wie sie aussieht, sie ist gekehlt. Und dann muss man die Hand schön lang hochschieben. Das habe ich schnell begriffen und mit der kleinen Kugel für Kinder und Jugendliche ging es von Beginn an ziemlich gut.

War man auf sich gestellt, oder gab es auch Kegeltrainer?

Klar, die Trainer haben schon Anweisungen für verschiedene Übungen gegeben. Außerdem kümmerte sich eine Mädelwartin um uns. Heute heißen die ja Jugendwartin.

Wir oft haben Sie zu Beginn trainiert?

Einmal die Woche am Samstagnachmittag.

Und was haben ihre Eltern dazu gesagt?

Sie fanden das am Anfang gut, dass ich als Einzelkind in einer Gemeinschaft gut aufgehoben war. Später habe ich ja ganz viel Zeit in der Kegelhalle verbracht und hatte außerdem ein Hautproblem. Meine Mutter meinte dann, dass ich nicht genug an der frischen Luft sei, stattdessen zuviel Zeit beim Kegeln verbringe. Und meine Oma hat immer gesagt, hättest du mal lieber Tennis gespielt, da kann man viel Geld mit verdienen. Da ich jedoch sehr erfolgreich war und oft in der Zeitung stand, war es mir egal, was die anderen gesagt haben. Statt Geld gab’s beim Kegeln eben nur Urkunde und Händedruck. Wenn man Spaß an dem Sport hat, dann denkt man nicht ans Geld.

Haben Sie denn festgestellt, dass je erfolgreicher Sie gekegelt haben, Sie auch besser in anderen Sportarten wurden?

Na, die Ballspiele waren sowieso schon meins in der Schule. Möglich, dass sich da noch etwas verbessert hat.

Sie haben schnell gut gekegelt. Ging das dann auch schon schnell mit Wettkämpfen voran?

Ziemlich schnell. Ich habe im Oktober 1972 angefangen und 1973 war ich schon bei meiner ersten deutschen Meisterschaft und wir sind gleich mit der Mannschaft Dritter geworden.

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Wie war der erste Wettkampf?

Das war irre, dass ich schon dabei sein und helfen konnte. Das war weibliche B-Jugend in Husum. Die erste Meisterschaft vergisst man nicht. Es war total aufregend. Das erste Mal als 11-Jährige im Hotelzimmer. Bis zu dem Zeitpunkt habe ich noch nie im Hotel gewohnt. Das war unglaublich spannend und hat Spaß gemacht. In der Mannschaft waren wir vier Kinder, aber alle zusammen aus dem Verein waren wir so ungefähr 20 Leute.

Welcher Verein war das?

Das war der Bremer Keglerverein. In dem Verein sind ja einzelne Clubs integriert. Mit 14 bin ich dann in einen Club gegangen, der Damenkegelclub Olympia.

Warum gab es Damenkegelclubs und Männerclubs?

Das war damals einfach so. Es gab keine gemischten Clubs, warum auch immer.

Fanden Sie das gut?

Darüber habe ich mir mit 14 keine Gedanken gemacht. Der einzige Gedanke als Jugendliche war, man möchte vor allem die Älteren schlagen. Die älteren Damen, die Cracks. Und das habe ich schnell geschafft.

Wenn Sie sagen, dass Kegeln nicht unbedingt was mit Kraft zu tun hat, warum dann der Unterschied zwischen Männer und Frauenkegeln?

Die Männer sind vom Ergebnis doch besser, obwohl die Kugel gleich schwer ist. Sie scheinen mehr Dynamik in ihre Würfe zu bringen.

Gibt es im Kegeln auch taktische Spielchen?

Klar, man kann enger, loser, härter spielen, oder auch länger oder kürzer.

Wovon ist das abhängig?

Von der Bahn. Man muss die Bahn ein bisschen lesen können. Das hilft und darauf muss man sich spielerisch einstellen. Ich kann das ganz gut.

Wie sieht das aus?

Ich mache dann ein paar Würfe auf der Bahn und stelle ziemlich schnell fest, was die Bahn braucht. Dann weiß ich: Aha, hier muss ich kürzer oder länger spielen. Das heißt, bei Punktspielen oder Meisterschaften muss man zunächst die Bahn kennenlernen. Das ist bei Auswärtsspielen ganz wichtig.

Gibt es Bahnen, die Sie bevorzugen?

Ja, lange schlanke, die nicht so hart sind. Vor allem, wenn man wie ich jetzt schon ein bisschen älter ist, dann kann man nicht mehr so viel Kraft einsetzen. Und wenn man 120 Wurf gemacht hat, dann weiß man schon, wie sportlich Kegeln ist.

Gilt das Motto „alle Neune“ eigentlich beim Sportkegeln?

Wir spielen eigentlich gar nicht auf neun, vor allem beim Wettkampf mit 120 Wurf. Ganz selten nur.

Und wie kegeln Sie?

Wir kegeln auf Schnitt und auf acht. Bei zehn Wurf muss man 70 im Schnitt haben. Und wenn man dann fünf Achten dabei hat, hat man fünf über. Oder mal Sieben über und das ist gut. Möglichst keine Vieren oder Fünfen. Wenn man eine Neun kegelt, freut man sich, aber mehr ist es auch nicht.

Haben Sie eigentlich eine eigene Kugel?

Nein, ich habe keine Lust, die Kugel immer hin und her zu schleppen. Ich glaub auch, dass es auch nicht wirklich einen Unterschied macht, mit der eigenen oder einer fremden Kugel zu spielen. Ich nehm alles immer wie es kommt.

Sie spielen ja ganz oben in der Bundesliga, wie viel Training bedeutet das in der Woche?

Ich spiele einmal in der Woche mit meinem Klub Carat, zusätzlich noch offenes Training.

Sind Trainer dabei?

Wir trainieren uns selbst. Wenn jemand mal nicht klar kommt, dann unterstützen wir uns gegenseitig mit Tipps. Einen Vereinstrainer haben wir nicht. Wenn wir zur deutschen Meisterschaft fahren, betreue ich als Damenwartin mal die Einzelkegler. Die Jugendlichen haben aber auf jeden Fall Trainer.

Werden Sie auch von anderen um Rat gefragt, weil Sie solange schon erfolgreich dabei sind?

Ja auf jeden Fall. Das mache ich dann gerne.

Wie viel Disziplin und körperliche Fitness braucht es im Kegeln?

Wenn man auf Dauer erfolgreich sein will, muss man viel trainieren, aber auch einen Ausgleichssport betreiben. Ich fahre Rad, ich gehe regelmäßig schwimmen, einmal in der Woche ins Fitnessstudio. Und Nordic Walking mache ich auch noch.

Ist Kegeln eigentlich gesund?

Na ja, die Knie sind schon sehr belastet. Wenn man noch im hohen Alter leistungsmäßig kegeln will, sollte man sich schon fithalten. Man kegelt in einem durch, 120 Wurf, das sind immerhin rund 45 Minuten.

Wie viele Durchgänge macht man an einem Tag in der Bundesliga?

Zwei, jeweils 45 Minuten.

Bei Wettkämpfen spielt eine mentale Stärke eine große Rolle. Wie schaffen Sie das?

Im Fitnessstudio gehe ich auf diese Power Plates. Die Gleichgewichtsübungen und die Ruhe helfen mir, ganz bei mir zu sein.

Kegeln Sie eigentlich lieber in der Mannschaft oder im Einzelwettbewerb?

Auf jeden Fall Mannschaft. Ich bin ein Teamplayer. Ich finde es toll, wenn sich alle freuen über gute Leistungen. Die Gemeinschaft ist einfach wichtig.

Wie ehrgeizig sind Sie in ihrem Sport?

Früher wollte ich immer die Beste sein, war ungemein ehrgeizig. Aber im Alter hat sich das geändert. Die Jüngeren sind fitter und ich kann da nicht mehr so mithalten, deshalb gibt es ja auch die Altersklassen und das ist gut so. Heute muss ich mir nichts mehr beweisen.

Sie sind im vergangenen Jahr Keglerin des Jahres geworden. Was bedeutet das für Sie?

Das war eine ganz tolle Sache, weil die Sportler mich gewählt haben. Da war ich richtig stolz. Vor allem, dass ich nach zehn Jahren zum zweiten Mal Keglerin des Jahres geworden bin.

Und wie lange wollen sie leistungsmäßig noch kegeln?

Ich hoffe noch lange. Ich möchte weiter Bundesliga und auch gerne noch Ü 70 spielen. Dabei bleiben ist mir wichtig. Es ist ja auch eine große Kegelfamilie.

Das Interview führte Ruth Gerbracht.

Info

Zur Person

Ute Wachtendorf kegelt seit Kindheitstagen. Die 57-jährige Speditionskauffrau aus Bremen spielt seit vielen Jahren in der Bundesliga, ist aber auch international äußerst erfolgreich.

Info

Zur Sache

Frauen- und Männerclubs

Ute Wachtendorf ist auch 1. Vorsitzende beim KSC Carat Bremen. Die Damen spielen in der 1. Bundesliga und wollen das auch in der Zukunft weiterhin tun. Carat ist der der einzige Bremer Club mit einer Mannschaft in der höchsten Spielklasse. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, braucht der Verein auf Dauer gute Leistungsträger und deshalb hat auch der Nachwuchs hier eine Chance, sportlich auf höchstem Niveau kegeln zu können. Das aber können nur Frauen, denn Carat ist ein reiner Damen-Kegelclub. Der KSC Störtebecker gibt sowohl Frauen als auch Männern die Chance, sich auf der Kegelbahn sportlich zu betätigen. Wer Kegelsport in Bremen anbietet, erfährt man auf der Internetseite: http://www.bremerkeglerverein.de/

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