Stadtgespräch: Jannike Stöhr testet in einem Jahr 30 Berufe, um ihren Traumjob zu finden / 28-Jährige spricht am Freitag im Universum „Man muss ehrlich zu sich sein“

Winzerin, Tanzlehrerin, Fernsehproduzentin, Pathologin ..
16.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Winzerin, Tanzlehrerin, Fernsehproduzentin, Pathologin ... – Jannike Stöhr hat sich etwas Besonderes vorgenommen: Binnen eines Jahres probiert sie 30 Berufe aus. Von der Firma, bei der sie als Personalerin beschäftigt ist, hat sie sich für mehrere Jahre freistellen lassen, um anschließend noch Zeit zu haben, in ihrem Traumberuf zu arbeiten – falls sie ihn findet. Während des Telefonats mit Nikolai Fritzsche saß die 28-Jährige in einer Wohngemeinschaft, die für einige Tage ihr Zuhause ist.

Frau Stöhr, wo sind Sie gerade?

Jannike Stöhr:

In München. Ich versuche mich diese Woche als Referentin einer gemeinnützigen Organisation. Das ist meine 23. Station.

Sind Sie noch motiviert?

Ja. Es ist zwar sehr anstrengend, jede Woche woanders zu sein, sich in ein neues Arbeitsfeld einzudenken. Aber auch unglaublich bereichernd.

Wie kamen Sie auf die Idee, 30 Berufe auszuprobieren?

Ich habe fünfeinhalb Jahre bei einem großen Industrieunternehmen in der Personalabteilung gearbeitet. Das war eine gute Stelle, aber irgendwie fühlte es sich nicht stimmig an. Ich habe den Job gern gemacht, aber nicht leidenschaftlich. Dann habe ich das Buch „Wie man die richtige Arbeit für sich findet“ von Roman Krznaric gelesen. Darin fand ich den Vorschlag, 30 Jobs in einem Jahr auszuprobieren, jeweils für eine Woche. Ich habe das Buch zugeklappt und gewusst: Das mache ich.

Wie haben Sie entschieden, welche Berufe Sie kennenlernen wollen?

Ich habe alle meine Kontakte auf Facebook gefragt, ob sie jemanden kennen, der seinen Beruf leidenschaftlich gern ausübt. Darüber habe ich die ersten Praktikumsstellen gefunden. Die meisten davon bei kleineren Firmen, die waren eher für meine Idee offen. Später kamen auch Angebote für Kurz-Praktika über meinen Blog rein.

Ist eine Woche nicht zu kurz, um einen Beruf kennenzulernen?

Es war von vornherein klar, dass ich in der kurzen Zeit nicht genug lerne, um den jeweiligen Job sofort danach ausüben zu können. Aber es reicht, um ein Gefühl für den Beruf zu bekommen.

Gab es Jobs, bei denen Sie am ersten Tag hinschmeißen wollten?

Ja. Als Verkäuferin und als Biobäuerin hatte ich am ersten Abend keine Lust mehr, weil mir alles weh tat. Ich bin aber froh, dass ich die Woche immer durchgezogen habe. In den weiteren Tagen habe ich immer Aspekte an den Jobs entdeckt, die mir am ersten Tag nicht bewusst waren.

Waren Berufe dabei, die etwas für Sie sein könnten?

Die Woche als Online-Journalistin hat mir gut gefallen, weil ich gerne schreibe. Aber ich denke, dass es schwierig ist, da hereinzukommen, und dass der Druck sehr hoch ist.

Ihren Traumberuf haben Sie noch nicht gefunden?

Nein. Aber ich habe für mich Richtungen herausgefunden. Es geht darum, in sich hineinzuhören, auf die eigene Intuition zu achten. Man muss sich selbst gut genug kennen und ehrlich zu sich selbst sein: Finde ich einen Beruf nur attraktiv, weil er mit viel Anerkennung verbunden ist oder als cool gilt? Oder könnte ich mich darin wirklich wiederfinden? Ich kann mir vorstellen, mich in Zukunft beruflich mit der Arbeitswelt zu befassen: Wie arbeiten wir? Könnten Unternehmen auch ganz anders funktionieren? Und was macht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zufrieden?

Ist die Tätigkeit an sich dafür entscheidend, ob ein Job glücklich macht, oder sind es die Bedingungen, unter denen man arbeitet?

Schwer zu sagen. Eine nette Firma und nette Kollegen machen viel aus. Zudem hilft es, einen Sinn in der eigenen Tätigkeit zu sehen. Und wenn man dann noch Erfolgserlebnisse hat, weil man seine Talente einbringen kann, ist es, glaube ich, perfekt. Welche Bestandteile nun wie viel ausmachen – keine Ahnung.

Welche Rolle spielt die Arbeit insgesamt für das persönliche Glück?

Ein sinnstiftender Beruf ist sehr wichtig, weil wir so viel Zeit unseres Lebens bei der Arbeit verbringen. Wenn man eine Familie gegründet hat, steht der Job beim Thema Glück nicht mehr ganz so sehr im Zentrum, glaube ich. Dann verschieben sich die Prioritäten ein bisschen.

Für die Praktika bekommen Sie kein Geld. Wovon leben Sie?

Ich hatte ein bisschen was gespart. Außerdem habe ich meine Wohnung gekündigt und viele meiner Sachen verkauft. Während der Praktika mache ich Couchsurfing, gebe also nichts für die Übernachtungen aus. Dazwischen komme ich bei meinen Eltern unter.

Ende Juni wollen Sie das 30. Kurz-Praktikum abschließen. Was werden Sie am 1. Juli tun?

Eigentlich wäre Ausruhen angesagt. Die vielen Eindrücke sortieren und reflektieren. Das wird aber ein bisschen warten müssen – ein Verlag hat mir einen Vertrag für ein Buch über das vergangene Jahr angeboten.

Und danach?

Danach gehe ich auf Jobsuche. In welchem Beruf – ich weiß es noch nicht.

Jannike Stöhr berichtet im Internet auf www.30-jobs-in-einem-jahr.de über ihre Erlebnisse. Den Blog verfolgen nach Stöhrs Angaben etwa 4000 Menschen. Am morgigen Freitag, 17. April, ist sie ab 19 Uhr bei einem Talkabend im Universum Bremen zu Gast. Das Thema des Abends: „Wie wir Entscheidungen leben – Sinn und Arbeit glücklich verbinden“.

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