Inka Sastalla aus Bockhorn forscht in den USA / Bremen-Nord immer noch Heimat "Manchmal ist es noch wie im Urlaub"

Bremen-Nord·Washington DC. Im März 1974 spielt Bruce Springsteen in der Gaston Hall der Georgetown Universität in Washington DC vor ausverkauftem Haus. Im selben Monat erblickt Inka Sastalla im Vegesacker Hartmannsstift das Licht der Welt. Die Infektions-Biologin aus Bockhorn lebt und arbeitet seit fünf Jahren in der US-Hauptstadt. Gelockt hat sie ein Jobangebot vom National Institutes of Health. Dort erforscht sie den bakteriellen Erreger von Anthrax.
02.09.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Danela Sell

Bremen-Nord·Washington DC. Im März 1974 spielt Bruce Springsteen in der Gaston Hall der Georgetown Universität in Washington DC vor ausverkauftem Haus. Im selben Monat erblickt Inka Sastalla im Vegesacker Hartmannsstift das Licht der Welt. Die Infektions-Biologin aus Bockhorn lebt und arbeitet seit fünf Jahren in der US-Hauptstadt. Gelockt hat sie ein Jobangebot vom National Institutes of Health. Dort erforscht sie den bakteriellen Erreger von Anthrax.

Aus Bremen-Nord ist die 37-Jährige schon 1994 nach dem Abitur weggegangen. "Abenteuerlust und die Freude am Unbekannten" ziehen sie als Au-Pair-Mädchen für ein Jahr nach New York. Zurück in Deutschland studiert Sastalla in Oldenburg und Braunschweig Biologie. Streptokokkeninfektionen sind damals ihr Thema, über das sie auch ihre Doktorarbeit verfasst.

Obwohl sie die Ostlandstraße gegen den Grand Champion Drive getauscht hat, kommt die Mutter eines zweijährigen Sohnes gern alle ein bis zwei Jahre zu Besuch in ihre alte Heimat. "Und das wird auch so bleiben, so lange meine Familie da ist, zu der ich nach Hause kommen kann", sagt die Biologin, die es noch heute liebt, über den Vegesacker Wochenmarkt zu gehen, auf dem sie in ihrer Jugend selbst acht Jahre Eier, Obst und Gemüse verkauft hat. Auch das Haven Höövt besucht sie ab und an, obwohl sie sich noch immer an dessen Existenz gewöhnen muss, sagt die 37-Jährige. Großen Einkaufszentren kann die blonde Frau auch in ihrer neuen Heimat nicht soviel abgewinnen wie einem Bummel durch die Altstadt. "Die Cafés haben ihre Terrassen eigentlich ausschließlich mit Blick auf den Parkplatz oder die Straße, was nicht sehr gemütlich ist. Geht man am Wochenende einkaufen, laufen die meisten Menschen in Shorts, Jogginghose und T-Shirt herum. Als Europäer kommt man sich hier ständig ?overdressed' vor",

sagt Sastalla und fügt hinzu "und ich sehe nach wie vor nicht ein, mich den Amerikanern in Sachen Kleidung anzupassen."

Das war's aber auch schon an Kritikpunkten. Die Nordbremerin lebt und arbeitet gern in Washington DC: "Die Menschen scheinen viel entspannter und kontaktfreudiger zu sein. Manchmal fühlt sich mein Leben noch wie Urlaub an." Das liegt daran, dass in ihrer neuen Heimat häufig die Sonne scheint und der Atlantik fast vor der Tür liegt. Inka Sastalla fährt mit ihrem Mann Volker und Sohn Kilian mehrmals im Jahr übers Wochenende ans Meer.

Wasser spielt auch eine wichtige Rolle, wenn sie in Bremen-Nord zu Besuch ist. Die Wahl-Amerikanerin liebt es, an der Weser auf der Maritimen Meile spazieren zu gehen, entlang am Vegesacker Hafen, der Strandlust, dem Stadtgarten und dem alten Vulkan-Gelände. Es macht ihr ebenfalls Spaß, durch die Nachbarschaften in Bockhorn zu spazieren, wo sie aufgewachsen ist. "Jetzt habe ich entdeckt, dass ich dies auch virtuell machen kann, durch Google Maps Streetview. Das ist aufregend", so Sastalla, die das Kleinstadtgefühl von Bremen-Nord zu schätzen weiß. "Wenn man in größeren Städten gewohnt hat, ist es hier immer wieder nett, weil alles weniger anonym ist. Es gibt einem das Gefühl der Vertrautheit." Heimweh kommt auch manchmal durch, "besonders nach Telefonaten mit der Familie und wenn ich realisiere, dass unser Sohn aufwachsen wird, ohne seine Großeltern, Tanten, Onkel und Cousins richtig kennenzulernen".

Doch alles in allem fiel der aufgeschlossenen Frau der Abschied nicht sonderlich schwer, weil sie schnell neue Leute kennenlernt. "Washington DC ist vielleicht auch eine Ausnahme, da hier wegen der Botschaften und den internationalen Organisationen besonders viele Menschen verschiedener Nationalitäten zusammen kommen." Allein im Forschungslabor treffen neun Kulturen aufeinander, die sehr gut miteinander auskommen und interessiert aneinander seien. "Besonders Feiern sind toll - mit Essen aus verschiedenen Ländern." Sie und ihren deutschen Kollegen erkenne man daran, dass sie in der Mittagspause fast ausschließlich Brot mit Aufschnitt essen.

Sastalla ist seit 20 Jahren Vegetarierin und vermisst nur wenig an der traditionellen deutschen Küche. Doch der Braunkohl hat's ihr angetan: "Wenn ich zu Besuch komme, taue ich mir oft was auf, auch wenn es mitten im Sommer ist."

In ihrem Umfeld wird sie als "typisch deutsch" wahrgenommen. "Die Klischees treffen tatsächlich in vielen Dingen zu: Organisation, Pünktlichkeit, Effizienz", sagt die Biologin. "Am Arbeitsplatz werde ich als eine der effizientesten Mitarbeiter angesehen. Allerdings sind dies nicht nur Tugenden die einem zugute kommen, sondern woran man auch oftmals verzweifelt, zum Beispiel wenn man hier mit den Behörden zu tun hat."

Die Amerikaner arbeiten länger, nicht nur Stunden pro Woche, auch auf die Lebensarbeitzeit gesehen. "Ältere Menschen sind hier ein essentieller und respektierter Bestandteil der Gesellschaft, jedenfalls in den Bereichen, in denen ich arbeite", sagt Sastalla. In der Forschung sei es keine Seltenheit, bis 23 Uhr zu arbeiten. " Die Menschen identifizieren sich mit ihrem Beruf und machen ihn zu einem Lebensinhalt. Morgens in der Metro sieht man eigentlich fast nur Menschen, die ihre Emails oder schon Arbeitsdokumente lesen.

Apropos Metro: die zwingt die berufstätige Mutter zur Frühgymnastik. Nachdem sie ihren Sohn in die Daycare gebracht hat, fährt sie mit der Metro ins Institut. Doch bevor sie dort ankommt, muss sie Treppen steigen, "und das sind wirklich viele. Zudem sind die so alt und anfällig, dass man wirklich alle selber laufen muss." Die fitness- und yogabegeisterte junge Frau nimmts mit Humor, "ist aber guter Frühsport, besonders im Sommer, wenn es - wie jetzt gerade - schon morgens 30 Grad hat."

Im November spielt das National Symphony Orchestra mit George Benson im Kennedy Center von Washington DC. Im selben Monat erblickt Inka Sastallas zweites Kind das Licht der Welt.

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