Ungewöhnliches Model

Wie eine Bremerin durch ihre Hautkrankheit berühmt wurde

Marika Nagy aus Bremen hat die Hautkrankheit Kongenitaler Nävus. Sie hat große Muttermale am ganzen Körper. Die Pigmentstörung ist ihr Kapital, denn sie modelt für internationale Werbekampagnen.
31.05.2020, 06:00
Lesedauer: 8 Min
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Wie eine Bremerin durch ihre Hautkrankheit berühmt wurde
Von Patricia Friedek
Wie eine Bremerin durch ihre Hautkrankheit berühmt wurde

Anders als noch in der Schulzeit möchte Marika Nagy heute vor allem eines: präsent sein und darauf aufmerksam machen, wie wichtig es ist, sich zu mögen – egal, wie man aussieht.

Kuhaupt

„Du siehst aus wie eine Katze“, ruft ein Flaschensammler Marika Nagy zu. Die 22-Jährige lacht und ignoriert ihn. „Ich habe gemerkt, dass er mich angestarrt hat und habe schon vorher zurück gestarrt“, sagt sie. Das ist Nagys Strategie, wenn Menschen auf der Straße sie angucken. Einfach zurückstarren, dann merken die Leute schon, wie doof sie geschaut haben.

Dass Nagy auf der Straße auffällt, weiß sie. Denn sie sieht anders aus als die meisten Menschen. Ihr ganzer Körper ist mit großen Muttermalen betupft. Die Bremerin hat eine seltene Pigmentstörung, die sich Kongenitaler Nävus nennt. Es ist ein Gendefekt, der nicht vererbbar ist. „Ich habe Glück, dass es nur Farbe ist“, sagt Nagy. Denn gesundheitlich beeinträchtigt sie die Krankheit nicht. Nur in der Sonne muss die 22-Jährige etwas aufpassen, weil das Hautkrebsrisiko für sie höher ist als bei anderen Menschen.

Tränen nach den ersten Fotos

Was wie ein Makel wirken mag, ist Nagys Kapital. Denn die junge Bremerin ist Model und steht für Vielfalt in Werbekampagnen, die fast auf der ganzen Welt ausgestrahlt werden. Zu ihren bislang größten Auftraggebern zählt die Rasierermarke Gilette, die zu dem multinationalen Konzern Procter and Gamble gehört. Auf Instagram wirbt Nagy unter dem Namen „Marynevus“ für Selbstliebe und für die Body-Positivity-Bewegung. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, andere Menschen davon zu überzeugen, dass ihr Körper schön ist, auch wenn dieser nicht der Norm entspricht. Im Internet zeigt sich die 22-Jährige auf Bildern in Unterwäsche und bezeichnet sich in ihrer Instagram-Biographie als „probably the finest chocolate chip cookie“, also den vielleicht besten Schokochip-Keks.

Das erste Unterwäsche-Bild, daran erinnert sich die Bremerin noch gut. „Danach habe ich erstmal geheult“, sagt Nagy. Denn gerade von Männern werde sie oft nicht als Frau, sondern als Kumpel wahrgenommen. „Du bist nicht so mein Typ“ – diesen Satz habe sie schon oft gehört. Mit den Fotos in Dessous habe sie sich zum ersten Mal richtig weiblich gefühlt. „Mir ist egal, bei wem ich ankomme und bei wem nicht. Es ist okay, wenn mich Leute hässlich finden“, sagt die 22-Jährige heute.

Mobbing an der Schule

Es war nicht immer so, dass Nagy derart selbstbewusst mit ihrer Hautkrankheit umgehen konnte. Die seelischen Narben, die ihre Schulzeit hinterlassen hat, werden womöglich für immer bleiben. Die Bremerin sagt, sie sei aufs Übelste gemobbt, gehänselt worden, habe gar sexuelle Übergriffe erlebt – von Schülern, aber auch von Lehrern. Niemand habe etwas mit ihr zu tun haben gewollt, weil ihre Haut anders pigmentiert ist. Nagy sagt, dass sie in dieser Zeit oft darüber nachgedacht hat, sich das Leben zu nehmen.

Eigentlich sei sie immer ein Steh-auf-Männchen gewesen, habe sich nicht lange an Negativem aufgehalten. „Aber wenn einem sowas passiert, bricht selbst die stärkste Person. Irgendwann war ich nicht mehr ich selbst, sondern nur noch, was andere aus mir gemacht haben.“ Heute sagt Nagy, dass die Erfahrungen sie noch stärker gemacht und sie geprägt haben. Und sie sei zielstrebiger geworden, weil sie gemerkt habe, dass sie Ziele haben muss, wenn sie etwas erreichen will.

„Ich wollte immer Schauspielerin werden“, sagt die 22-Jährige. „Tief in mir ist das immer noch mein Ziel.“ Aber im Vordergrund steht für die Bremerin nun das Modeln – „Hauptsache, vor der Kamera. Auch wenn das total mediengeil klingt.“ Aber das Modeln sei vor allem harte Arbeit. „Man muss abliefern und manchmal von morgens bis abends dastehen.“

Es habe sie immer gereizt, in andere Rollen zu schlüpfen. Und genau das begeistert Nagy an ihrem Job: „Es ist so, als würde man immer eine neue Geschichte erzählen.“ Oft muss Nagy selbst Bilder machen, mit denen sie Produkte bewirbt, und diese in den Sozialen Netzwerken in einer Story, also einer Geschichte, verpacken. Dafür müsse sie sich mit dem Produkt auseinandersetzen und sich passende Texte überlegen. Noch gehört „Marynevus“ mit ihren knapp 4000 Instagram-Abonnenten nicht zu den Größen der Social-Media-Welt. „Ich würde mich nicht als Berühmtheit bezeichnen. Aber es würde mich nicht stören, wenn es da irgendwann hin geht“, sagt sie.

Denn Nagy möchte vor allem eines: präsent sein und auf etwas aufmerksam machen. „In meiner Kindheit wusste ich nicht einmal, dass es einen zweiten Menschen auf der Welt gibt, der so aussieht wie ich“, sagt sie. Heute ist sie sich bewusst, dass der Kongenitale Nävus zwar eine seltene Krankheit, sie aber nicht allein damit ist. Und dass es okay ist, dass sie anders ist. „Man muss nicht unbedingt die gleiche Krankheit haben. Ich möchte jeden ansprechen, der seinen Körper nicht so akzeptieren mag wie er ist, weil er anders aussieht, und ihm klar machen, dass es nicht so sein muss.“ Auf ihrem Weg in die Selbstliebe spielten die sozialen Medien für Marika eine große Rolle, egal, was man ihnen vorwerfen möge.

Auf Instagram spricht Nagy in ihren Videobeiträgen häufig Englisch mit britischem Akzent – damit auch ihre fremdsprachigen Abonnenten sie verstehen. „Ich bin bilingual aufgewachsen, meine Mutter kommt aus Großbritannien“, erklärt das Model. Irgendwann, sagt sie, möchte sie vielleicht mal in England leben. So lange fährt Nagy einmal im Jahr nach London, in ihre Lieblingsstadt.

Vor zwei Jahren hat die Bremerin einen Sohn bekommen. Das hindert sie nach eigenen Angaben daran, aus Bremen wegzuziehen. Hier hat die Alleinerziehende ihre Familie, die auf das Kind aufpassen kann, wenn sie ein paar Tage lang dreht. Die Geburt war ein Schlüsselpunkt in ihrem Leben, sagt sie. „Sobald man ein Kind hat, verschiebt man all seine Prioritäten.“ Vieles an ihrem Job mache sie jetzt auch für ihren Sohn. „Damit er niemals an einen Punkt kommt, an dem er denken muss, er sei weniger wert“, sagt Nagy, obwohl ihr Sohn keinen kongenitalen Nävus hat.

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