Kaiserhafen Bremerhaven

Maritime Schatzkiste

Hier gibt es das letzte Bier vor New York. Für Seeleute, Hafenarbeiter und Seefahrtsromantiker ist die urige Kneipe seit Generationen ein beliebter Treffpunkt. Eine Zeitreise mit Verbindung in die Gegenwart.
02.05.2019, 16:26
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Nicole Schulze-Aissen
Maritime Schatzkiste

Mehr Hafenkneipe geht nicht: Die „Letzte Kneipe vor New York“ im Bremerhavener Kaiserhafen.

Nicole Schulze-Aissen

Das Tor zur Welt ist eine Kneipe und hat zwei Eingänge – einen auf der Steuerbord- und einen auf der Backbordseite. Seemänner, die hier hineingehen, trinken oft ihr letztes Bier an Land vor einer Reise von mehreren tausend Seemeilen. Die „Letzte Kneipe vor New York“ im Bremerhavener Kaiserhafen ist seit Generationen Anlaufpunkt für Hafenarbeiter, Seeleute und fernwehgeplagte Seefahrtsromantiker.

Manches maritime Museum wäre wahrscheinlich froh, wenn es einige der Einrichtungsgegenstände dieser Kneipe sein Eigen nennen dürfte. Nicht nur, dass der Eingang der „Letzten Kneipe vor New York“ das Original-Ruderhaus eines Schiffes ist. Kaum öffnet man die Tür zum Schankraum mit seinem dunklem Holz, fällt der Blick auf einen nostalgischen Taucher mit Metallhelm, barbusige Galionsfiguren, Schiffsglocken, Rettungsringe, hölzerne Schiffsruder, Messingschilder, Schiffsgemälde und andere maritime Schätze.

Lesen Sie auch

Die „Letzte Kneipe vor New York“ ist viel mehr als eine Kneipe. Der schlichte Flachdachbau direkt am Hafenbecken ist seit den 1940er-Jahren der Treffpunkt aller Leute im Kaiserhafen, die irgendwie mit der Seefahrt und dem Meer zu tun haben. „Und fast jeder hat irgendwas mitgebracht, das er als Geschenk, als Dank für die Gastfreundschaft oder als Andenken hier lassen wollte“, sagt Pächter Martin Beneke.

Zünftige Zapfanlage

Der 50-Jährige betreibt die Kneipe seit gut 16 Jahren. Er steht hinter dem dunklen Holztresen wie ein Kapitän auf der Brücke und hat sogar hier die passende Technik dazu: zwei Maschinentelegrafen, mit denen früher auf Schiffen die Fahrtgeschwindigkeit in den Maschinenraum durchgegeben wurde.

Nur dass bei ihm „Volle Kraft voraus“ heutzutage „Bier marsch“ bedeutet. Die Maschinentelegrafen sind Teil der Zapfanlage. „Ach das“, lacht Beneke und zapft das Bier zu Ende. „Ja, unsere Gäste mögen das Maritime.“

Offensichtlich, denn sogar der Name „Die letzte Kneipe vor New York“ stammt von Seeleuten. „Eigentlich heißen wir ja ‚Treffpunkt Kaiserhafen‘ “, erzählt Martin Beneke. „Irgendwann meinte aber mal ein Seemann kurz vor der Abfahrt am Tresen, das wäre dann jetzt wohl das letzte Bier vor New York.“

Ein Schiffstischler hat sich daraufhin eine Holzplatte geschnappt und hinein geschnitzt: Die letzte Kneipe vor New York. So ist die Gaststätte im Kaiserhafen zu ihrem Namen gekommen.

Lesen Sie auch

Martin Beneke führt gern herum und erzählt die Geschichten hinter den vielen einzelnen Stücken der Einrichtung. Weit mehr als 1000 Andenken an Besatzungen und Schiffe gibt es hier an den Wänden, der Decke und in Vitrinen zu sehen. Vieles davon ist gelebte Schifffahrtsgeschichte.

„Das hier ist ein Turbinenflügel aus der Maschine der legendären ‚Queen Elizabeth 2‘ “, sagt Martin Beneke und zeigt auf ein schlichtes, langes Metallblatt. Die Mannschaft hat es nach dem viel beachteten Umbau des Schiffes auf der Lloyd-Werft im Jahr 1987 der Kneipe geschenkt – selbstverständlich mit persönlicher Gravur. Persönlich ist vieles in der „Letzten Kneipe vor New York“.

„Wir haben Stammgäste aus der ganzen Welt. Die Wurzel dafür ist die Seefahrt und das ist noch heute so“, erzählt ­Beneke. So sei gerade erst durch die Ausrüstung des Kreuzliner-Neubaus „Spectrum of the Seas“ der Reederei Royal Caribbean am Kreuzfahrtterminal wieder ein Gast aus Australien da gewesen. „Sein Spitzname ist Skippy – wie das Känguru aus der Fernsehserie.

Das letzte Mal war er vor zwei Jahren hier und hat sich gefreut, dass hier alles noch so ist wie immer.“ „Das Zuhause“ wird deshalb der gut 100 Quadratmeter große Hauptraum auch von den Seeleuten genannt.

Das große Salzwasser-Aquarium mit Korallen, bunten Fischen und mehreren hundert Litern Fassungsvermögen tut sicher seinen Teil dazu. Es gibt außerdem das angrenzende „Kapitänszimmer“ für Feiern und Gesellschaften und einen Anbau. Hier stehen neben einem Münzfernsprecher – der nicht mehr angeschlossen ist – sogar zwei komplette Radargeräte mit Monitoren.

Lesen Sie auch

„Wir könnten natürlich überlegen, die mal anzuschließen. Aber abgesehen von dem sehr hohen Sendemast gäbe es ein weiteres Problem: Wir wollen unsere Gäste keiner Röntgen-Strahlung aussetzen“, lacht Martin Beneke

Aus Bremerhaven, der Region, Norddeutschland und der Welt kommen die Gäste in die „Letzte Kneipe vor New York“ in der Franziusstraße 92. Es kann schon mal sein, dass eine 30-köpfige Reisegruppe aus Asien den Schankraum entert und fleißig Fotos von allem macht, bevor sie sich auf die Speisekarte stürzt. „Bei uns gibt es traditionell reichlich was auf dem Teller – vom saftigen Steak bis zum Limandesfilet“, betont Martin Beneke. Das muss wohl auch an der Verbindung zum Hafen, hungrigen Hafenarbeitern und dem hohen Energieumsatz beim „Klotzen“ auf der Werft liegen.

Erinnerungen an früher

Komplett aus Zucker ist das persönliche Lieblingsstück von Martin Beneke – aber kommt nicht aus seiner eigenen Küche. Genauer gesagt sind es sage und schreibe 20 Kilogramm Zucker und gar nicht zum Essen bestimmt, sondern sicher aufgestellt in einer Glasvitrine. „Dieses Modell eines Kreuzfahrtschiffes hat die Küchencrew eines Kreuzliners aus Zucker modelliert und uns zum Abschied geschenkt“, erzählt Beneke sichtlich gerührt. „Passt ja mit der weißen Farbe.“

Manche Begegnungen in der maritimen Ausnahmekneipe könnte sich nicht mal ein Drehbuchautor ausdenken. „Vor ein paar Wochen kam eine ältere Dame aus Bremen hier rein und wollte etwas essen.

Als ich zum Tisch komme, sagt sie plötzlich: Wissen Sie eigentlich, dass das da hinten in der Ecke der Taucheranzug meines Großvaters ist?“, erzählt Martin Beneke. Die Frau hatte durch Zufall davon erfahren, dass der grobe Stoffanzug mit dem Metallhelm jetzt hier steht. Ihr Großvater war lange Zeit Hafentaucher in Bremen. „Die ist dann gleich noch mal mit ihrem Enkel wiedergekommen, damit der auch mal sieht, wie es früher im Hafenbetrieb so war.“

Lesen Sie auch

Die Letzte Kneipe vor New York im Bremerhavener Kaiserhafen ist wie eine Zeitreise mit Verbindung in die Gegenwart. Menschen wie Martin Beneke halten die Hafentradition mit Leidenschaft aufrecht. „Wir haben bis auf zwei Wochen im Jahr rund um Weihnachten und Silvester jeden Tag in der Woche geöffnet“, sagt er. Auch damit wird der Gastronom der Seele und der Bestimmung des authentischen Gebäudes direkt am Kaiserhafen gerecht.

„Ursprünglich wurde das Haus hier mal in den 1940er-Jahren vom Sozialwerk, einem Verein für Hafenarbeit, als Sozialbau und Kantine errichtet“, erzählt er. Das ist lange her, aber trotzdem nicht in den wechselnden Zeiten und vielen Generationen am Kaiserhafen untergegangen. Pächter Martin Beneke hat einen sehr guten Draht zum heutigen Eigentümer der „Letzten Kneipe vor New York“: Es ist immer noch das Sozialwerk für Hafenarbeiter von 1945.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+