Marktplatzplaudereien

Kamm schlägt Feile

Politiker sind auch nur Menschen. In unseren Marktplatzplaudereien greifen wir die kleinen, bunten Geschichten aus dem Politik- und Behördenalltag auf – Randnotizen, die für den Papierkorb zu schade sind.
14.11.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Kamm schlägt Feile
Von Jürgen Theiner
Kamm schlägt Feile

Einen Haarschnitt weiß das Verwaltungsgericht Bremen höher zu schätzen als die Behandlung in einem Kosmetiksalon.

Arne Dedert

Eitler Tand

Die Kosmetiker-Gilde ist auf das Bremer Verwaltungsgericht nicht gut zu sprechen. Vor wenigen Tagen hat dessen 5. Kammer der Branche bescheinigt, nun ja, nicht gerade lebenswichtig zu sein. In dem Verfahren ging es um die praktischen Auswirkungen der 20. Corona-Verordnung des Senats. Darin wird die Schließung aller „Dienstleistungsbetriebe im Bereich der nichtmedizinischen Körperpflege“ bis zum 30. November verfügt. In diese Kategorie fallen Kosmetikstudios, Massagepraxen und ähnliche Einrichtungen, eine Ausnahme gibt es aber für Friseurläden. Die dürfen weiterhin öffnen. Darin erblickte die Besitzerin eines Kosmetiksalons im Stephaniviertel einen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz. Doch das Verwaltungsgericht widersprach dieser Auffassung. Den Kernsatz des Urteils wird die Friseurinnung demnächst wohl in goldene Lettern stanzen lassen. Er lautet: „Ein Haarschnitt stellt im Hinblick auf das gesellschaftliche Miteinander im privaten und beruflichen Umfeld ein Erkennungsmerkmal dar, bei dem eine ausgebliebene Pflege präsenter erscheint und in der Regel ungleich schwerer zu kaschieren ist als nicht in Anspruch genommene Dienstleistungen eines Kosmetikstudios.“

Nabel der Welt

Hanseatisches Understatement, so heißt es immer, sei ein Wesenszug der Bremer. Aber stimmt das auch? Ein Lagebericht des Corona-Krisenstabes aus der vergangenen Woche vermittelt einen ganz anderen Eindruck. Darin findet sich eine Tabelle mit der Überschrift „7-Tage-Inzidenzen Vergleich Umland“. Aufgeführt sind in der Liste allerdings nicht etwa Delmenhorst, Achim und Osterholz-Scharmbeck, sondern Stuttgart, Leipzig, Nürnberg und Frankfurt am Main. Alles Bremer Satellitenstädte, wenn man den Radius nur groß genug bemisst.

Stühlerücken

Die Corona-Krise wird in die Geschichte der Bremischen Bürgerschaft als eine Zeit des maximalen überparteilichen Konsenses eingehen. In den großen Linien der Pandemie-Bekämpfung zeigt sich die CDU staatstragender denn je, Regierung und Opposition sind auf Schmusekurs. Worüber kann man sich überhaupt noch gepflegt zoffen? Auf der Suche nach einem geeigneten Thema sind die Fraktionen jetzt fündig geworden: die Sitzordnung im Parlament. Wenn im kommenden Jahr die Renovierung des Bürgerschaftsgebäudes abgeschlossen ist und die Abgeordneten in ihr angestammtes Domizil zurückkehren, wollen die Grünen endlich mit zwei Tischen in der vordersten Reihe vertreten sein. Diese Forderung haben sie gegenüber der Parlamentsverwaltung und im Bürgerschaftsvorstand erhoben. Es sei nicht länger akzeptabel, dass ihr Frontmann Björn Fecker ganz allein an der Spitze seiner Truppe sitzt. Die CDU stellt zurzeit die stärkste Fraktion und hat schon mal klargestellt, dass ihr aufgrund ebendieser Eigenschaft drei Plätze in der ersten Reihe gebühren (bisher zwei). Das kann die SPD nicht auf sich sitzen lassen. Sie pocht auf Gleichbehandlung mit der CDU und will ebenfalls drei Plätze mit unverbaubarem Blick aufs Rednerpult. Die Parlamentsverwaltung steht also vor der verzwickten Aufgabe, eine Sitzordnung zurechtzubasteln, die fast nur die Pole Position kennt. Drei Vorschläge lagen am Donnerstag bei einer interfraktionellen Gesprächsrunde auf dem Tisch, einigungsfähig war keiner. Am 10. Dezember will man es erneut versuchen.

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