Marktplatzplaudereien

Die Tinte ist noch nicht trocken

Politiker sind auch nur Menschen. In unseren Marktplatzplaudereien greifen wir die kleinen, bunten Geschichten aus dem Politik- und Behördenalltag auf – Randnotizen, die für den Papierkorb zu schade sind.
30.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Tinte ist noch nicht trocken
Von Jürgen Theiner
Die Tinte ist noch nicht trocken

Staatsrat Henning Lühr im Haus des Reichs mit einem Tintenglas aus der Zeit der amerikanischen Besatzung.

Christina Kuhaupt

Reality-TV

Scripted Reality – so nennen Fernsehmacher ein Genre des Reality-TV, in dem die Dokumentation realer Ereignisse vorgetäuscht wird. Die Szenen werden dabei zumeist von Laienschauspielern nach Regieanweisung gespielt. In der Baudeputation hat Radio Bremen am Donnerstag eine leicht abgewandelte Form dieses Formats produziert, nur eben mit echten Politikdarstellern. Gezeigt werden sollte, wie Deputationssitzungen unter Corona-Bedingungen ablaufen, nämlich als Videokonferenz.

Die Baubehörde hatte den Deputierten zuvor eine Mail mit gut gemeinten Verhaltenshinweisen geschickt, darunter die Bitte, „Hintergrundaktivitäten“ zu unterlassen und so „eine angemessene Sitzungsatmosphäre“ zu erzeugen. Soweit man das anhand der kurzen Sequenz beurteilen kann, die letztlich ausgestrahlt wurde, sind die Darsteller den Erwartungen gerecht geworden.

Kommandanten-Tinte

Die ausgedehnten Keller im Haus des Reichs sind immer wieder gut für historische Funde. Der heutige Sitz des Finanzsenators hat ja eine wechselvolle Geschichte. Errichtet als Zentrale der Bremer Wollkämmerei, war er nach deren Konkurs ab Mitte der Dreißigerjahre Standort der Reichsfinanzverwaltung. Ab 1946 diente das prachtvolle Kontorhaus dem örtlichen Chef der US-Militäradministration als Hauptquartier. Aus dieser Zeit stammt eine Entdeckung, die Finanzstaatsrat Henning Lühr sogleich einer praktischen Verwendung zugeführt hat.

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Es handelt sich um mehrere Kartons roter Tinte der US-Marke „Liberty“ aus den Bürobeständen des Stadtkommandanten. Lühr zögerte nicht und zog seinen Signierfüller mit der über 70 Jahre alten Tinte auf. Dabei musste er allerdings feststellen, dass Tinte anders als guter Rotwein mit den Jahrzehnten nicht an Qualität zulegt. „Wirkt eher wie ein Gemisch aus flüssigem Klebstoff und rotem Essig“, findet der Staatsrat. Egal – erste Akten, die über Lührs Schreibtisch gewandert sind, tragen inzwischen seinen Namenszug mit Tinte aus der Besatzungszeit. Und auch die Farbe passt ja. In Bremen zeichnen die Staatsräte traditionell mit Rot, die Senatoren mit Grün.

Türkische Heldensagen

In der Redaktion der türkischen Zeitung „Sabah“ muss es einen großen Fan des CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Oguzhan Yazici geben. Vor einem halben Jahr hatte der Kollege schon einmal einen Bericht über eine Bürgerschaftsdebatte abgeliefert, der nicht so recht zu dem passen wollte, was alle anderen Teilnehmer erlebt hatten. Damals zierte ein Bild Yazicis die Titelseite der „Sabah“-Europaausgabe. „PKK-Abgeordnetem wird Lektion erteilt“ hieß es dort. Yazici habe es dem kurdisch-stämmigen Linken-Abgeordneten Cindi Tuncel in einer Bürgerschaftsdebatte mal so richtig gegeben. Zuhörer konnten sich allerdings nur an recht gesittete Zwischenfragen Yazicis erinnern, nicht an eine verbale Niedermache, die der markigen Schlagzeile entsprochen hätte.

Ausriss aus der türkischen Zeitung "Sabah".

Ausriss aus der türkischen Zeitung "Sabah".

Foto: Jürgen Theiner

Nach der Mai-Sitzung der Bürgerschaft hat „Sabah“ dem Heldenepos um Oguzhan Yazici jetzt ein weiteres Kapitel angefügt, allerdings mit noch weniger Faktengehalt. Unter der Überschrift „Er brachte den Faschisten, der den Koran beleidigte, zum Schweigen“ wird dort über eine Debatte berichtet, in der sich der AfD-Abgeordnete Thomas Jürgewitz abfällig über die heilige Schrift der Muslime geäußert hatte. Yazici, so heißt es in der „Sabah“-Story, habe die Schmähungen nicht mehr ertragen, sei aufgesprungen und habe gerufen: „Bringt den Mann zum Schweigen!“

Anschließend habe Yazici beim Parlamentspräsidenten interveniert und einen Ordnungsruf gegen Jürgewitz erwirkt. Wahr ist an dieser Geschichte, dass es eine Rüge für den AfD-Mann gab. An die kernige Intervention Yazicis kann sich indes niemand erinnern, auch das Internet nicht. Dort gibt es eine Videoaufzeichnung der Debatte. Vom kühnen Einschreiten des CDU-Parlamentariers ist dort nichts zu sehen – so oft man die Bilder auch vor- und zurücklaufen lässt.

Sorry, Schreiberlinge!

Die Grünen-Abgeordnete Kai Wargalla ist von Glücksgefühlen übermannt beziehungsweise -fraut. Auf Twitter teilt Bremens führende Feministin ihre Freude darüber, dass sie dem Parlamentsvorstand eine wichtige Änderung bei der Verschriftlichung der Bürgerschaftsdebatten abgerungen hat. „Wenn ein*e Abgeordnete*r gendergerecht spricht, wird es nun auch im Protokoll so wiedergegeben“, berichtet Wargalla ihren 4646 Followern.

Von dort gab es allerdings auch Kritik im Detail. In einem weiteren Tweet hatte Wargalla die Parlamentsstenografen nämlich als „Protokollschreiberlinge“ bezeichnet. Dass der Begriff „Schreiberling“ abwertend ist, war ihr ganz neu. Sie habe das Wort inzwischen gegoogelt und sei nun im Bilde. Eine Herabsetzung der Bürgerschaftsmitarbeiter habe ihr ferngelegen. „Ich weiß es jetzt und für die Zukunft besser“, verspricht die Grünen-Politikerin.

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