Marktplatzplaudereien

Seuchen-Haute-Couture

Politiker sind auch nur Menschen. In unseren Marktplatzplaudereien greifen wir die kleinen, bunten Geschichten aus dem Politik- und Behördenalltag auf – Randnotizen, die für den Papierkorb zu schade sind
02.05.2020, 08:30
Lesedauer: 2 Min
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Seuchen-Haute-Couture
Von Jürgen Theiner
Seuchen-Haute-Couture

Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff mit Speckflagge als Mund- und Nasenschutz.

Jürgen Theiner

Es war abzusehen. Der Corona-Mundschutz entwickelt sich in Nullkommanix vom Hygieneartikel zum Lifestyle-Accessoire. Die Medien sind voll mit Bildern irrster Kreationen, von der veganen Maske aus Salatblättern bis zur Sabberbremse mit HSV-Emblem. Sogar Modepapst Guido Maria Kretschmer hat diesen Trend schon ex cathedra beglaubigt: „Wir werden einen Weg finden, wie die Maske zum Sommeraccessoire wird.“

Führende Repräsentanten der bremischen Landespolitik brauchen auf diesem Pfad noch Orientierungshilfe, das ist offenkundig. Im Umfeld des Rathauses waren einige Akteure jedenfalls amüsiert bis schockiert, als sie Ende letzter Woche im ­WESER-KURIER ein Foto des Bürgermeisters mit Corona-Maske sahen. Andreas Bovenschulte (SPD) hatte mit gutem Beispiel vorangehen wollen und anlässlich einer Pressekonferenz im Rathaus sein Modell vorgestellt. Um Bovenschultes untere Gesichtshälfte spannte sich ein etwas willkürlich zugeschnittenes Stück Stoff in Giftgrün mit blauen Punkten. „Wer hat ihm denn diese Kinderunterhose umgehängt?“, fragte sich besorgt ein fachlich versierter Senatsmitarbeiter. Drastische, aber nachvollziehbare Worte.

Vorbildlich dagegen das Stilempfinden in den Reihen der Grünen! Ihr Landesschatzmeister Florian Kommer ist modisch ohnehin schwer zu toppen. Der Mann trägt stets die schicksten Sakkos mit Einstecktuch und erweist sich nun auch in Corona-Zeiten als Benchmark. Zum marineblauen Jackett mit rot-weißen Nadelstreifen trägt Kommer einen marineblauen Mundschutz mit kleinen rot-weißen Rettungsringen und Ankern als bremisch-maritimem Motiv. Mehr geht nicht in puncto Seuchen-Haute-Couture. Obendrein plant Kommer, diese Sonderanfertigung nach dem Abklingen der Pandemie als Einstecktuch zu recyceln. Hygienebewusstsein paart sich also mit urgrünem Nachhaltigkeitsdenken.

Und die Liberalen? Wer jetzt glaubt, die Partei der Besserverdienenden ordere den Mundschutz en Gros bei Stiesing in der Sögestraße, der irrt. Selbst ist der Mann! Das gilt jedenfalls für den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Magnus Buhlert. Der patente Doppeldoktor näht seine Mund-/Nase-Bedeckung selbst, und auf dem Foto sieht sie zumindest funktionstüchtig aus.

Ob Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff (CDU) auch nähen kann, war auf die Schnelle nicht in Erfahrung zu bringen. Aber als erster Mann im Staate hat man für so etwas ja seine Leute. In der Schneiderei des Theaters Bremen, wo derzeit statt ­Kostümen Corona-Mundschutz in großer Stückzahl entsteht, wurde für Imhoff eine kleine Speckflagge mit Gummibändern versehen. Damit ist man immer gut angezogen.

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