Zu wenig Interesse an Impfungen

Masernschutz hat noch Lücken in Bremen

Nur 84 Prozent aller Kita-Kinder zwischen 2,5 und 3,5 Jahren sind vollständig gegen Masern geimpft, sagt eine Krankenkasse. Und Bremer Behörden wie Träger haben noch gar keine Daten dazu.
29.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Masernschutz hat noch Lücken in Bremen
Von Joerg Helge Wagner

Seit dem 1. März müssen alle Kinder beim Eintritt in die Kita oder in die Grundschule gegen Masern geimpft sein. Damit soll die Verbreitung der hoch ansteckenden Vireninfektion gestoppt werden. „Dazu ist eine Impfquote von mindestens 95 Prozent nötig“, erklärt Cornelius Erbe, Bereichsleiter des Versorgungsmanagements bei der Handelskrankenkasse (HKK). Doch diese Marke wird in Bremen nach einer Datenanalyse der HKK noch längst nicht erreicht: „Die Impflücken sind größer als gedacht.“

Die HKK hat in der Zeit zwischen Februar 2017 und Jahresende 2019 die Daten von 614 jüngeren Kindern erhoben, die bei ihren gut 78.000 Bremer Beitragszahlern mitversichert sind. „Nur 84 Prozent aller Kita-Kinder, die zu Beginn des neuen Kita-Jahres zwischen 2,5 und 3,5 Jahre alt sind, sind vollständig gegen Masern geimpft. Nicht viel besser sieht es bei den im Sommer schulpflichtigen Kindern aus. Hier sind es knapp 87 Prozent“, bilanziert die Krankenkasse.

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Aber sind diese Werte auch repräsentativ für alle Bremer Kinder? „Die Zahlen der HKK-Datenanalyse zeigen, dass das Thema Masernschutzgesetz nach wie vor sehr aktuell ist. Wir werden diese Zahlen genau prüfen", sagt dazu Sylla Kahl, Persönliche Referentin von Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke). Über eigenes Datenmaterial verfügt das Gesundheitsressort nämlich derzeit noch nicht. "Das Gesundheitsressort ist seit einigen Monaten durch die Bekämpfung der Corona-Pandemie besonders stark beansprucht worden", erklärt Kahl.

Dennoch sei „die Umsetzung des Masernschutzgesetzes nicht aus dem Augenmerk verschwunden“. Das Ressort stehe hier in der Abstimmung mit der Bildungssenatorin und anderen betroffenen Einrichtungen. Zahlen zur Impfquote der künftigen Kita- und Grundschulkinder hat allerdings auch das Bildungsressort nicht – man verweist auf die Gesundheitsämter. „Schulen und Träger der Kitas melden Kinder direkt an das Gesundheitsamt, nicht an uns“, erläutert Behördensprecherin Annette Kemp. Gleiches gelte für Beschäftigte – alles unter den Auflagen des Datenschutzes.

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Ein dreiköpfiges Team in der der Behörde helfe den stadtbremischen Schulen, den Impf-Status der rund 70 000 Schülerinnen und Schüler, sowie der Beschäftigten, darunter rund 5600 Lehrkräfte, zu registrieren und eine fehlende Impfung dem Gesundheitsamt zu melden. Für alle Personen, die bereits an einer Schule lernen oder lehren, gilt eine Übergangsfrist bis Ende Juli 2021. Kemp: „Es bleibt eine Mammut-Aufgabe.“

Und die Neuen? „Das Gesundheitsamt hatte uns gemeldet, dass sich die Schuleingangsuntersuchungen etwas verzögern, deshalb ist vielleicht auch die Kohorte noch nicht ganz durchgeimpft“, berichtet Kemp. Sie betont auch: „Es besteht Schulpflicht, die Schülerinnen und Schüler müssen geimpft werden – es sei denn, es besteht eine nachgewiesene Unverträglichkeit.“ Unter Umständen müsse eben Überzeugungsarbeit geleistet werden: „Das ist aber Sache des Gesundheitsamtes.“ Beim Lehrkörper gibt es laut Kemp keine Spielräume: „Personen an Schulen, die neu eingestellt werden, müssen den Nachweis bereits gegenüber der Behörde erbringen; sie werden anderenfalls nicht eingestellt.“

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Klare Kante zeigen auch die Kitas bei den Neuzugängen. „Die Einrichtungsleitungen lassen sich von den Eltern den Impfpass vorlegen und entnehmen daraus den Impfstatus. Falls dieser nicht vollständig ist, darf das Kind die Kita nicht betreten“, berichtet Carsten Schlepper, Leiter des Landesverbands Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder. Eines ist ihm dabei wichtig: „Der Platz bleibt selbstverständlich erhalten.“ Doch die entscheidende Stelle ist auch hier das Gesundheitsamt: „Von dort sollte schnell Kontakt zur Familie aufgenommen werden, damit nach erfolgter Impfung das Kind die Kita besuchen kann“, sagt Schlepper.

Der Träger von rund 80 Einrichtungen in Bremen erhebt selbst keine Daten zur Impfquote bei seinen Schützlingen. Deshalb liegen ihm auch keine Informationen vor, „ob und wie viele Kinder den Impfstatus nicht besitzen“. Ebenso wenig wie das Gesundheitsressort oder die Bildungsbehörde kann also auch der Evangelische Landesverband nicht sagen, ob überhaupt schon Kinder wegen einer fehlenden Masernimpfung von Kitas abgelehnt werden mussten.

Schlepper bekümmert das nicht: „Die Corona-Pandemie und Fragen zum fortgesetzten eingeschränkten Regelbetrieb nach den Sommerferien beschäftigen Kita-Leitungen und Eltern gleichermaßen im Moment sehr viel stärker.“ Unterdessen könnte die Impfquote bei Masern sogar noch leicht sinken – wenn es denn mal umfassende Daten gibt. Bei den Schuleingangsuntersuchungen 2018/19 hatten in Bremen schon rund 92 Prozent der Kinder die zweite Impfung.

Info

Zur Sache

Frühe Impfung empfohlen

Die Ständige Impfkommission empfiehlt die erste Masern-Impfung im Alter von elf bis 14 Monaten und die zweite Impfung im zweiten Lebensjahr. Laut Berufsverband der Kinder und- und Jugendärzte heilen Masern in den meisten Fällen aus. Bei zehn bis zwölf Prozent komme es zu Komplikationen. Infektionen könnten Mittelohrentzündungen, Bronchitis, Lungenentzündungen und Durchfallerkrankungen sein. Bei einer von 1000 Masernerkrankungen komme es zu einer Enzephalitis, einer akuten Entzündung des Gehirns mit der Schädigung von Nervenzellen. Bei zehn bis 20 Prozent der Patienten verlaufe diese Entzündung tödlich, 20 bis 30 Prozent der Betroffenen litten unter bleibenden Schäden des Zentralen Nervensystems.

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