Corona-Verordnung

Maskenpflicht gilt nicht für alle Bremer

Steffi Kollmann ist von der Maskenpflicht befreit - per ärztlichem Attest. Das stößt in der Öffentlichkeit auch auf Unverständnis, wie sie sagt. Bremens Landesbehindertenbeauftragter warnt vor Ausgrenzung.
01.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karina Skwirblies
Maskenpflicht gilt nicht für alle Bremer

Steffi Kollmann ist von der Maskenpflicht befreit. Sie berichtet über negative Erfahrungen in Bussen, Bahnen und Geschäften.

Frank Thomas Koch

Böse Blicke, Anfeindungen, verbale Angriffe und Diskriminierung: Steffi Kollmann ist es leid. „Es ist schwierig, sich dem immer auszusetzen“, sagt sie. „Und es wird immer schlimmer, irgendwann kann man es nicht mehr aushalten.“ Kollmann ist von ihrem Arzt aus gesundheitlichen Gründen vom Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung per Attest befreit. In der Öffentlichkeit erlebt sie immer wieder belastende Situationen, weil sie keine Maske trägt. „Die Stimmung wird zunehmend aggressiv. Das schränkt das Leben für mich so weit ein, dass ich es vermeide, einzukaufen zu gehen und zur Arbeit zu fahren.“

Besonders ärgert sie, dass sich viele Menschen dazu berufen fühlen, sie auf die Maskenpflicht anzusprechen. „Wir werden täglich mehrfach dazu gezwungen, uns vor Laien zu rechtfertigen, unsere Krankengeschichte offenzulegen und ärztliche Atteste zu zeigen.“ Kollmann spricht für mehrere Leidensgenossen, von denen sie nach eigenen Angaben mehrere kennt. „Viele Kranke, mit denen ich gesprochen habe, setzen trotz Befreiung einen Mund-Nasen-Schutz auf; obwohl sie fürchten, nicht genug Luft zu bekommen und zusammenzubrechen“, berichtet Kollmann.

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Sie kenne eine Frau, die ihr ärztliches Attest für die Befreiung in einer Klarsichtfolie vor der Brust trage. „So weit ist es gekommen. Dort sind Name, Geburtsdatum, Adresse und Diagnose klar und deutlich zu lesen“, sagt Kollmann. Der Datenschutz sei damit komplett ausgehebelt.

Obwohl sie ein ärztliches Attest hat, wurde Kollmann nach eigenen Angaben in zwei großen Geschäften in der Innenstadt gebeten, den Laden zu verlassen. „In dem einen Geschäft hat mich die Security am Eingang nicht hineingelassen. Es sei eine Anweisung des Geschäftsführers, hieß es.“ Auch Kunden, die statt Maske ein offiziell genehmigtes Visier getragen hätten, seien in diesem Geschäft abgewiesen worden. „Das ist schon heftig, wenn man abgewiesen wird und die Leute, die in der Nähe stehen, das akzeptieren“, sagt sie. Das sei wie ein Spießrutenlaufen.

An die Spielregeln halten

In der Handelskammer ist von solchen Konflikten nichts bekannt. „Aktuell kennen wir keine Fälle, in denen Personen im Einzelhandel wegen fehlender Maske abgewiesen wurden“, berichtet Bettina Schaefers, Referentin für den Einzelhandel. Bislang gebe es auch keine Beschwerden von Betroffenen. Schaefers appelliert an alle Seiten, sich an die entsprechenden Spielregeln zu halten. Das Problem: Gebe es in einem Betrieb einen Corona-Fall, könne dieser geschlossen werden.

Beim Landesbehindertenbeauftragten gehen jede Woche zehn bis zwölf Anfragen von Bürgern ein, die Probleme bekommen haben, weil sie ohne Mund-Nasen-Bedeckung unterwegs waren. „Das Thema beschäftigt uns seit Beginn der Pandemie“, sagt Arne Frankenstein. „Wir hatten von Anfang an eine Vielzahl von Beschwerden.“

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Bürger hätten sich an ihn gewandt, denen unter Berufung auf das Hausrecht der Zutritt zu Geschäften und Angeboten verschiedenster Art verweigert worden sei. Selbst dann, wenn ein Attest vorgelegt wurde – und obwohl in der aktuellen Corona-Verordnung keine Nachweispflicht festgelegt sei. „Wenn Ladenbesitzer das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung zur Bedingung machen, ohne Ausnahmen für behinderte Menschen zuzulassen, die eine Maske nicht tragen können, verstoßen sie damit in der Regel gegen das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Das Hausrecht ist nicht grundsätzlich höherrangig“, betont der Landesbehindertenbeauftragte.

Warnung vor Ausgrenzung

Viele Menschen reagierten mit Unverständnis, wenn keine Maske getragen werde, erklärt Frankenstein. Gerade in diesen Zeiten sei es jedoch wichtig, sensibel miteinander umzugehen und zu wissen, warum einige Menschen vom Mund-Nasen-Schutz befreit wurden. Frankenstein weist zudem darauf hin, dass diese Ausnahme nicht nur beim Einkauf im Supermarkt oder der Nutzung des Nahverkehrs gelte. Er warnt davor, ganze Gruppen von Menschen deshalb auszugrenzen. „Es geht darum, das Leben in der Corona-Pandemie diskriminierungsfrei zu gestalten. Wir müssen auch Menschen mit einer Behinderung die Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichen“, betont Frankenstein.

Doch auch Meldungen ungerechtfertigter Befreiungen von der Maskenpflicht machen die Runde. Einem Bericht des ARD-Magazins „Report“ zufolge soll ein Mediziner in Deutschland ein Attest per Mail für 50 Euro angeboten haben. In vielen Fällen seien auch keine gesundheitlichen Gründe notwendig gewesen, um eine Befreiung zu erhalten, berichtete das Fernsehmagazin.

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„Dies halte ich in Bremen für unwahrscheinlich“, sagt Christoph Fox, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB). Von ungerechtfertigt ausgestellten Befreiungen von der Maskenpflicht habe er in der Hansestadt noch nichts gehört. Von solch einem Fall hätte die Kassenärztliche Vereinigung erfahren. „Ich kenne das Problem auch von anderer Seite“, erzählt Fox. „Es wird auch Druck von Patienten auf Ärzte ausgeübt, die eine Befreiung möchten. Sie fordern regelrecht ein Attest.“

Es gibt auch Menschen, die trotz Befreiung eine Maske tragen. Patrick George vom Gehörlosenzentrum Bremen berichtet: Die meisten Besucher benutzten eine Mund-Nasen-Bedeckung, weil sie der Meinung seien, ihre Gesundheit dadurch zu schützen. Dabei seien Gehörlose grundsätzlich nicht dazu verpflichtet.

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Corona-Verordnung

Laut 13. Corona-Verordnung können sich „Personen, denen die Verwendung einer Mund-Nasen-Bedeckung wegen einer Behinderung, einer Schwangerschaft oder aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich oder nicht zumutbar ist“, von einem Arzt von der Maskenpflicht befreien lassen. „Das trifft auf jeden Fall auf Gehörlose oder Hörgeschädigte zu“, erklärt Bettina Cibulski, Sprecherin der Ärztekammer. „Ein Rollstuhl allein ist kein Grund.“

Auch psychisch Kranke könnten ein Attest erhalten. „Es gibt Betroffene, die eine Panikstörung von der Maske bekommen; Menschen mit Panikattacken oder Psychosen beispielsweise.“ Das ärztliche Attest ist keine Kassenleistung und muss privat bezahlt werden. Die Kosten betragen laut Ärztekammer etwa zehn Euro.

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