Corona-Regeln in der Hansestadt

Wie die Verschärfung der Maskenpflicht in Bremen angenommen wird

Die Maskenpflicht im derzeitigen Risikogebiet Bremen ist ausgeweitet worden. Deshalb müssen an belebten Orten auch unter freiem Himmel Münder und Nasen bedeckt werden. Impressionen eines Rundgangs.
18.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von York Schaefer

Viel ist noch nicht los an diesem Sonnabendmorgen im Viertel. Es ist 9.30 Uhr, der Himmel grau, die Temperaturen kratzen gerade mal an den zehn Grad. Wie so oft am Wochenende hat sich vor der Fleischerei Safft in der Straße Vor dem Steintor auch heute eine kleine Schlange gebildet. Der Bereich gehört zu den Zonen, in die seit diesem Wochenende die Maskenpflicht erweitert worden ist. Wie stehen die Menschen dazu? Wissen sie davon?

Zu den Wartenden gehört Jürgen Hoffmann, graue Lederjacke, blaue Jeans, weißer OP-Mund-Nasen-Schutz. „In bestimmten Bereichen wie hier im Viertel oder auf den Wochenmärkten ist das gerade angezeigt“, betont er. Marco Goerlich, 46 Jahre alt, sagt: „Ich glaube nicht, dass die Maske auf Straßen wie diesen wirklich hilft." Und trotzdem: „Alles was eine Chance sein könnte, die Verbreitung von Corona einzudämmen, mache ich natürlich mit“. Abgesehen vom konkreten Effekt des Gesundheitsschutzes geht es laut Goerlich auch um eine weitere Sensibilisierung der Menschen für die Gefahren durch Covid-19.

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Auch die Bäckerei Thräm ist ein beliebtes Einkaufsziel im Viertel. „Eine Maske zu tragen, ist doch erst mal eine einfache Möglichkeit, etwas zu tun“, sagt eine Frau mit Wollmütze und bunter Wolljacke, die ihren Namen nicht in der Zeitung sehen möchte. Sie glaube auch, dass die Maskenpflicht konkrete Folgen für den Schutz für sich und andere gegen eine Infektion hat. Kontrollen durch das Ordnungsamt sollte es ihrer Meinung nach geben, wenn auch erst in ein paar Tagen, um erst einmal „in der neuen Situation anzukommen“.

Die nächste Station ist die Innenstadt, wo seit diesem Samstag im Bereich um die Söge- und die Böttcherstraße, die Domsheide und die Obern- und Hutfilterstraße von 9 bis 20 Uhr die Pflicht zur Bedeckung von Mund und Nase besteht. Vor dem Café „Alex“ am Rande des Marktes steht ein junger Mann ohne Maske. Jan Zwick, seine Partnerin Mareike Inselmann und ihre kleine Tochter sind aus Hamburg zu Besuch in Bremen und wussten schlicht nichts von der neuen Regelung. Die findet Zwick nicht transparent genug. „Es ist nicht ersichtlich, wo gerade welche Regeln gelten“, kritisiert er.

Klare Ansage

Eigentlich, sagen die Hamburger, sollte jeder und jede mit gesundem Menschenverstand selbst entscheiden, wo es ratsam ist, eine Maske zu tragen. Da dies aber nicht durchweg funktioniere, sei eine „klare Ansage“ die bessere Lösung. „Wenn ich sehe, was bei uns in Hamburg auf dem Kiez los ist – Abstand halten oder eine Maske tragen, interessiert da viele nicht“, hat Jan Zwick beobachtet.

Auf dem Wochenmarkt haben Jose Leon Henkle und Daniela Vega Alzate ihren Verkaufsstand für Kaffee aus Lateinamerika aufgebaut. Beide tragen Maske, obwohl sie es als Verkäufer hier nicht müssten. „Man kann das aushalten, und irgendwas muss ja passieren“, sagt Henkle. Vom Sinn der neuen Regelung sei er aber nicht vollends überzeugt. Die offizielle Kommunikation über die Regeln zur Eindämmung der Virus-Verbreitung hält er dagegen für ausreichend. „Das wurde schon relativ schnell verbreitet“, meint der Verkäufer. Auch das Ordnungsamt sei an diesem Vormittag schon zur Kontrolle vorbeigekommen. „Das finde ich auch ok“, sagt Daniela Vega Alzate. Schließlich trügen Kontrollen zum Gesundheitsschutz bei.

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Um ihren Umsatz bangen auch Daniel Holstein und Dominik Herrmann, die gegenüber der Kirche Unser Lieben Frauen die „Zeitschrift der Straße“ verkaufen. Der Ton auf der Straße sei härter geworden seit dem Beginn der Pandemie, haben sie festgestellt. „Wenn Geschäfte schließen müssen, verkaufen wir weniger Zeitungen und bekommen weniger Spenden“, befürchtet Daniel Hollstein. Beide tragen Masken und haben gegen die neue Regelung nichts einzuwenden.

Geringer Nutzen

Zwei Bremen-Touristen aus der Nähe von Bielefeld haben ihre Masken dabei, wollen sie unter freiem Himmel aber nicht aufziehen. „Ich habe eine Verantwortung für die nächste Generation“, sagt die Frau. Ihre Kinder hätten durch das Tragen der Masken Kreislaufprobleme bekommen. Auch Jasmin Vogel und ihre Tochter Matilda laufen ohne Maske vor Mund und Nase durch die Sögestraße, ziehen diese aber sofort auf. Da sie aus Braunschweig kommen, kannten sie die Verordnung nicht. „Ich halte das draußen auch für etwas übertrieben, da der Nutzen gering sein dürfte“, meint Jasmin Vogel, für die die Abstandsregel von 1,50 Metern aber selbstverständlich ist.

Es ist 11 Uhr, die Innenstadt belebt sich. Im Schnoor-Viertel mit seinen engen Gassen müsste die Maskenpflicht vielen Bürgern einleuchten, weil der gebotene Abstand kaum eingehalten werden kann. Elke Hesseler und ihr Mann Michael kommen aus einem Laden, instinktiv will sie die Maske absetzen, besinnt sich aber und lässt sie auf. „Das nervt schon“, sagt sie. „Das ist jetzt die Konsequenz aus den vielen Großhochzeiten und Partys im Sommer“, beklagt ihr Mann. Als 72-Jähriger gehört er zur Risikogruppe für Corona.

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Was ihm fehlt in der gesellschaftlichen Debatte, sei die Frage der Verhältnismäßigkeit. Auch seine Frau vermisst Zahlen über die erkrankten Menschen im Verhältnis zu den positiv Getesteten. „Das macht was mit den Menschen, die Spaltung in unserer Gesellschaft ist schon da“, glaubt Elke Hesseler. „Nur Angst zu haben, hilft nicht. Wir sollten uns mehr entspannen. Leben ist immer Risiko“.

Apropos Verhältnismäßigkeit: Grob geschätzt haben etwa 70 Prozent der Menschen während der zwei Stunden dieses Rundgangs eine Maske getragen. Stichproben auf dem Weg zurück ins Viertel: Die etwa zehn Demonstranten vor dem Dom tragen vollständig Maske, mutmaßlich drei von vier Dealern am Sielwall-Eck tragen keine. Um 11.30 Uhr stolpert einer aus der Helenenstraße, die Maske hängt unterm Kinn.

Anmerkung der Redaktion:

In einer früheren Fassung waren Teile des letzten Absatzes missverständlich formuliert. Das haben wir geändert, nachdem ein Leser uns darauf aufmerksam gemacht hat. Die Redaktion merkt dazu an, dass dem Autor nichts ferner liegt, als die Menschen am Sielwall-Eck pauschal zu diskriminieren oder die Demonstrierenden zu diskreditieren.

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