Totschlag beim WM-Finale im Bremer Cinemaxx

Massaker im Gerichtssaal angekündigt

Am Dienstag begann der Prozess gegen einen 22-Jährigen, der während der Übertragung des Fußball-WM-Endspiels einen 19-Jährigen getötet haben soll. Die Polizei war mit einem Großaufgebot angerückt.
13.01.2015, 06:51
Lesedauer: 3 Min
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Massaker im Gerichtssaal angekündigt
Von Ralf Michel
Massaker im Gerichtssaal angekündigt

Rechtsanwalt Carsten Schleuchzer begrüßt seinen Mandanten im Gerichtssaal. Der 22-Jährige ist wegen Totschlags angeklagt.

Frank Thomas Koch

Keine Viertelstunde, dann war am Dienstag der Prozess vor dem Landgericht gegen den mutmaßlichen Messerstecher beim Public Viewing im Cinemaxx auch schon wieder vorbei, unterbrochen bis zum nächsten Termin, dem 30. Januar. Weitaus spektakulärer als die Verhandlung selbst war deren Rahmen: Die Polizei war mit einem Großaufgebot angerückt, denn im Vorfeld des Prozesses hatte es massive Drohungen gegen das Gericht gegeben.

Am 13. Juli 2014 soll ein 22-Jähriger beim Public Viewing im Cinemaxx beim Finale der Fußballweltmeisterschaft einen 19-Jährigen niedergestochen und dabei tödlich verletzt haben. 23 Verhandlungstage hat das Landgericht zur Aufklärung der Tat angesetzt, doch den Prozessauftakt gestern dominierte etwas ganz anderes: das große Polizeiaufgebot zum Schutz der Verhandlung.

Man wolle für alle Eventualitäten gewappnet sein, begründete Gerichtssprecher Thorsten Prange die Sicherheitsmaßnahmen und sprach von „temperamentvollen Familien“. Gemeint war damit der familiäre Hintergrund der Beteiligten – der Täter hat albanische Wurzeln, das Opfer arabisch-libanesische. Die Verantwortlichen von Gericht und Polizei fürchteten einen Racheakt im Gerichtssaal.

Im Vorfeld der Verhandlung habe es Morddrohungen gegen den Angeklagten und dessen Verteidiger gegeben, erklärte die Richterin, die den Prozess leitet. Auch die Richter seien bedroht worden. Von einem Massaker sei dabei die Rede gewesen und davon, die Richter „zerhacken“ zu wollen.

Man werde sich von diesen Drohungen aber auf keinen Fall beeinflussen lassen, sondern das Verfahren in Ruhe zu Ende bringen, betonte die Richterin. „Wir lassen uns nicht einschüchtern.“

Trotzdem gab es gestern umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen. Vor dem Landgericht, im Gebäude, im Gerichtssaal, auf der Zuschauertribüne – Polizisten, wohin das Auge blickte. Jeder Besucher wurde ausführlich kontrolliert, auch Spürhunde wurden eingesetzt.

Tatsächlich blieb dann aber alles friedlich. Die Zuschauerränge waren gut besetzt, vor allem mit Angehörigen und Freunden des Opfers. Doch selbst als der Angeklagte den Gerichtssaal betrat, blieb es dort ruhig. Es gab weder Zwischenrufe noch Beschimpfungen. Nur Tränen bei mehreren Frauen, darunter die Mutter des Toten, beim Anblick des mutmaßlichen Täters.

Das Landgericht in Bremen. Foto: Carmen Jaspersen

Das Landgericht in Bremen. Foto: Carmen Jaspersen

Foto: dpa

Aussagen aus dem Umfeld der Familie des Opfers passen ohnehin nicht zu den gängigen Klischees über Bremer Clan-Rivalitäten. Die Familie aus Osterholz-Scharmbeck und insbesondere der 19-Jährige, der getötet wurde, werden als gut integriert beschrieben. Das Opfer hatte einen Realschulabschluss sowie eine abgeschlossene Berufsausbildung, und der Vater saß nicht etwa wütende Drohungen ausstoßend im Zuschauerraum, sondern ruhig und konzentriert als Nebenkläger mit seinem Anwalt im Gerichtssaal.

Dem Angeklagten wird Totschlag vorgeworfen. Er habe „einen Menschen getötet, ohne Mörder zu sein“, formulierte es der Staatsanwalt in seiner Anklageschrift. Um 23.30 Uhr am Abend des WM-Finales soll der 22-Jährige im Cinemaxx zweimal mit einem blau-schwarzen Messer auf den Oberkörper des Opfers eingestochen haben. Die gut acht Zentimeter lange Klinge traf den 19-Jährigen im linken Brustraum und an der linken Schulter und verletzte ihn dabei so schwer, dass er kurze Zeit später im Krankenhaus starb.

Der Angeklagte wurde schon kurz darauf von der Polizei in der Nähe des Tatortes festgenommen. Auch die Tatwaffe konnte sichergestellt werden. Was genau sich am 13. Juli im Kinosaal 2 und im Flur des Cinemaxx zugetragen hat, soll nun die Vernehmung zahlreicher Zeugen ergeben. Auch der Angeklagte werde sich höchstwahrscheinlich äußern, kündigte sein Verteidiger an. Allerdings noch nicht gestern beim Prozessauftakt.

Da zum ersten Verhandlungstag keine weiteren Zeugen geladen waren, unterbrach die Richterin den Prozess. Nächster Termin ist der 30. Januar.

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