Arbeiten beginnen Mauer an der Helenenstraße wird eingerissen

Die Mauer am Eingang der Helenenstraße in Bremen wird derzeit abgerissen. Hintergrund sind Beschwerden von Anwohnern, weil die Rückseite der Mauer als illegales Mülllager und Toilette genutzt werde.
02.04.2019, 10:51
Lesedauer: 4 Min
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Mauer an der Helenenstraße wird eingerissen
Von Sebastian Krüger

Nun wird sie also abgerissen, die Mauer. Viertelbewohner wissen sofort, was gemeint ist: Die Mauer vor der Helenenstraße. Das steinerne Gebilde sorgte in der Vergangenheit stets für Aufmerksamkeit, und auch an ihrem letzten Tag noch liegen die Blicke auf ihr. Eine kleine Menschenmenge hat sich am Dienstagvormittag gegenüber auf dem Ziegenmarkt versammelt. Vertreter von Stadtreinigung, Beirat und Medien warten gespannt. Hin und wieder halten Passanten an und erkundigen sich, ob die nun Mauer wirklich wegkommt.

Noch allerdings steht sie. Nur das Baugerüst deutet an, dass Arbeiten anstehen an Deutschlands wohl ältestem kontrolliertem Bordellbereich. 1878 bereits wies der Bremer Senat die Helenenstraße als Bordellstraße aus. Eigentlich sollte sie bis zur Straße An der Kuhlen reichen, aber das Vorhaben scheiterte an der namensgebenden Hausbesitzerin Helene Engelken, die nicht weichen wollte. Seitdem ist die Helenenstraße die einzige echte Sackgasse in der Östlichen Vorstadt.

Ein bisschen Sichtschutz muss sein

Die Stadtreinigung wolle die illegale Müllentsorgung hinter der Mauer in den Griff bekommen, sagt die Referatsleiterin Meike Ahrens-Drost. Nach dem Abriss sollen regelmäßige Kontrollen überprüfen, ob der Müll denn auch wirklich weniger wird. „Der Eingang zur Helenenstraße soll so etwas transparenter werden“, sagt ihr Kollege Thomas Möhring. Wilder Müll und wildes Urinieren seien große Probleme gewesen. Die Umbauarbeiten sollen noch drei bis vier Wochen andauern. Knapp sechs Meter hinter der Mauer soll ein festes Urinal mit Sichtschutz installiert werden. Orange Linien auf dem Asphalt umrahmen dem Bereich, in dem der Betonsockel eingesetzt werden soll. Für den Wasseranschluss müssen noch Leitungen verlegt werden. Auch Fahrradständer und mehr Licht sollen die verrufene Ecke aufwerten.

Die Straße wird jedoch auch weiterhin, von außen nicht vollkommen einsehbar sei. Im Bereich der geplanten Toilette soll sogar ein weiterer Sichtschutz errichtet werden, sagt Möhring. „Man hat sich wohl nicht getraut, den Blick auf die Helenenstraße ganz frei zu geben.“ Für Sagitta Paul von Nitribitt, einer Beratungsstelle für Prostituierte, ist das gut so. Ein bisschen Sichtschutz sei schließlich auch im Interesse der Frauen – viele Kunden dürften von einer offenen Straße abgeschreckt werden. Für Paul ist der Umbau der Ecke ein guter Kompromiss, der allen beteiligten Seiten entgegenkommt. „Der Müll war auch für die Frauen ein Problem“, sagt sie. Jeder Mensch arbeite gern in einer sauberen Umgebung.

Die Zuschauer warten gespannt auf den ersten Hammerschlag, aber nichts passiert. „Weiß jemand, wann die Mauer eingerissen wird?“, fragt Hellena Harttung, Ortsamtsleiterin Mitte/Östliche Vorstadt. Achselzucken. Dann die Nachricht: Der Abriss verzögert sich um eine Stunde. Anstatt wie angekündigt um 9 Uhr soll die Mauer nun ab 10 verschwinden. Die Menschentraube wechselt die Straßenseite vom schattigen Ziegenmarkt zur Helenenstraße, um im Sonnenlicht zu stehen. Dort weht der kalte Wind allerdings muffigen Uringeruch umher.

Kurz vor 10 beginnt er dann doch, der kleine Bremer Mauerfall. Zwei Bauarbeiter fahren im Firmenwagen vor und laden aus. Für sie muss es eine ungewohnte Aufmerksamkeit sein, mit der ihre Arbeit hier verfolgt wird. Mehrere Kameras sind auf die gerichtet. Die Arbeiter besteigen das Baugerüst und ziehen ein Kabel aus der Trommel hoch. Ein Aggregat liefert den Strom für den ratternden Drucklufthammer. Der eine Arbeiter schlägt damit Stücke aus der Mauer raus, sein Kollege wirft sie in den Metallcontainer unten und greift später selbst zum Vorschlaghammer. Es kracht und dröhnt. Staub rieselt hinunter. Stück für Stück schrumpft die Mauer und zieht doch noch Blicke auf sich. Fußgänger halten an, Radfahrer werden im Vorbeifahren langsamer.

Kriminelle Ecke

Das Areal mit der unscheinbaren Mauer schaffte es immer wieder in die Schlagzeilen. In der öffentlichen Wahrnehmung bestimmten vor allem Polizeieinsätze das Bild der Kreuzung Helenenstraße/Vor dem Steintor. Allein seit Jahresbeginn kam es im Bereich zu Antanzversuchen, Diebstählen und mehr. Ein Täter soll mehrere Männer mit einem Messer bedroht haben. Ein anderes Mal riefen Anwohner die Polizei wegen eines Unbekannten, der mit einer Schusswaffe hantiert haben soll. Im Vorjahr: Schlägereien, ein Brandanschlag, Angriffe mit Flaschen und Steinen.

„Damit lösen wir eine weitere Schmuddelecke mitten im Viertel auf, die der Polizei in der Vergangenheit, insbesondere bezogen auf Drogendelikte aber auch im Bereich der Gewaltprävention, nur schwer zu kontrollieren war“, sagt Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) in einer Pressemitteilung. Im vergangenen Jahr hatte Mäurer angekündigt, Kriminellen ihren Rückzugsraum im Kreuzungsbereich nehmen zu wollen.

Eine Anwohnerin, die lieber unerkannt bleiben möchte, sagt, sie habe die Straße bisher nicht als Problem wahrgenommen. „Da gehen Menschen ein und aus. Das gibt es auch woanders.“ Als gebürtige Bremerin habe sie im Viertel schon viel mitbekommen. Einzig das grelle weiße Licht, das bisher im Bereich der Mauer nachts an die Hauswand schien, habe sie als störend empfunden. „Aber ich bin gespannt, wie sich die Situation jetzt entwickeln wird.“

+++ dieser Artikel wurde um 16.59 Uhr aktualisiert +++

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