Projekt in Huchting

Medienkompetenz in der Kita

Huchting. Die glitzernde Medienwelt strahlt für Kinder jede Menge Faszination aus. Manche Eltern setzen hier Grenzen, andere nicht. Der Verein für Medien- und Kulturpädagogik „Blickwechsel“ leistet Hilfestellung im Umgang mit Tablets, Kamera & Co.
20.03.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Rainer Kabbert
Medienkompetenz in der Kita

Buchstabendetektiv Arthur hat den Anfangsbuchstaben seines Namens in der Kita Robinsbalje entdeckt und fotografiert ihn mit der Digitalkamera.

Walter Gerbracht

Die glitzernde Medienwelt strahlt für Kinder jede Menge Faszination aus. Manche Eltern setzen hier Grenzen, andere nicht. Der Verein für Medien- und Kulturpädagogik „Blickwechsel“ leistet Hilfestellung im Umgang mit Tablets, Kamera & Co. Im Huchtinger Kinder- und Familienzentrum Robinsbalje läuft ein Projekt zur Förderung von Medienkompetenz. In der Mitmachwerkstatt „ene mene, medien“ lernen Kinder, Medien kreativ zu nutzen.

In welcher Familie flimmert ein Fernseher? Alle Arme schnellen hoch, in der Mitmachwerkstatt „eene, mene, medien“ der Kita Robinsbalje. Doch als die Huchtinger Kinder nach Tablets, Videogeräten und Fotokameras gefragt werden, melden sich viele Kinder nicht. Doch auch sie sollen lernen, mit diesen Mediengeräten umzugehen. Der Verein „Blickwechsel“ mit seinem Büro im Barkhof organisiert im Kinder- und Familienzentrum Robinsbalje ein medienpädagogisches Projekt in Kooperation mit dem Quartiersbildungszentrum (QBZ).

„Wir wollen kritischen und kreativen Umgang mit Medien fördern“, beschreibt „Blickwechsel“-Geschäftsführerin Susanne Roboom das Vereinsziel. Wie bedient man Kameras, wie lassen sich Fotos am Computer verändern, was können Tablets? Eltern und auch Pädagogen leisten auf diesem Feld nach Ansicht von Roboom noch zu wenig. Deshalb arbeitet der Verein „Blickwechsel“ auch mit ganzheitlichem Ansatz und integriert in seiner Vermittlungsarbeit Eltern, Kinder und die Erzieher. Nach einer Bilanz von Roboom hat der Verein in den vergangenen 20 Jahren bereits 15 000 Erzieher geschult. Fortgebildet von Medienscouts, die den Pädagogen im Dschungel der Medien gangbare Wege aufzeigen.

Die Kita Robinsbalje scheint dafür eine sinnvolle medienpädagogische Anlaufstelle zu sein. Leiterin Brigitte Grziwa-Pohlmann erwähnt den hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. Die viel zitierten bildungsfernen Schichten sind hier in Huchting häufiger anzutreffen als in anderen Stadtteilen Bremens. Wohl auch deshalb wird das Projekt über drei Jahre aus Bundesmitteln finanziert, im Rahmen des Förderprogramms „Kultur macht stark! Bündnisse für Bildung.“ Auch, um die mediale Spaltung in Bremen zu kitten, die parallel zur sozialen Spaltung in der Hansestadt verläuft.

Grziwa-Pohlmann will den altersgemäßen Umgang mit Medien fördern, nicht den kindlichen Medienkonsum erhöhen. Mit „Blickwechsel“ kooperiert die Kita schon seit September 2013, um diesem Ziel näherzukommen. Auch Erzieher sollen Medienkompetenz entwickeln. „Blickwechsel“, sagt sie, habe das praxisnah vermittelt. Medienkompetenz verbunden mit Sprachförderung – darauf legt die Kita-Leiterin wert.

Folgerichtig lehnen Roboom und Grziwa-Pohlmann die Thesen des Ulmer Neurologen Manfred Spitzer ab, der den digitalen Medien als Lernmittel ein miserables Zeugnis ausstellt, gegen die Computerspiel-Pädagogik agitiert und vor digitaler Demenz warnt. „Gewiss gibt es einen Haufen Schrott in der Medienwelt“, entgegnet Susanne Roboom, „doch Kinder müssen lernen, auch damit kritisch umzugehen.“

In der Kita Robinsbalje treffen sich zwei Gruppen mit je zehn Kindern einmal wöchentlich, probieren sich aus an Fotokameras und Videogeräten, haben Spaß an Spielen, die auch ihre Sprachkompetenz fördern sollen. Etwa wenn sie sich in der Kita als Buchstabendetektive beweisen. Arthur hat gelernt, dass am Anfang seines Namens ein A steht, und wenn er an den Wänden irgendwo ein A entdeckt, darf er es fotografieren. Arthur steigt auf einen kleinen Tritt, blickt durch den Sucher, drückt auf den Auslöser, und der Erzieher und Medientrainer Janne Petersen fragt ihn, ob er mit Ausschnitt und Qualität der Abbildung zufrieden ist. Arthur ist zufrieden – und stolz auf das Ergebnis. Zu Hause gibt es keinen Fotoapparat, hier lernt er, Realität mit modernster Technik abzubilden.

Und er kann ein Gespür entwickeln, welche Computerspiele wertvoll, welche schlecht sind. Dazu vermitteln Susanne Roboom und ihr Team Qualitätsmerkmale. „Wir schärfen den kritischen Blick“, sagt sie. Wenn schon Computerspiele, dann auch die guten. Wobei Grziwa-Pohlmann hofft, dass traditionelle Freizeitaktivitäten wie Bewegung, Sport und soziale Events ihren Stellenwert behalten – nicht aber durch den digitalen Siegeszug in den Familien ins Hintertreffen geraten. „Die Faszination der neuen Medien fördert bei Kindern eine Suchtstruktur“, befürchtet die Kita-Leiterin, „hier wollen wir sie rechtzeitig einfangen.“

Auch mit Hilfe von „Blickwechsel“. Der Verein ist mit seiner Mitmachwerkstatt „ene mene, medien“ schon seit Langem unterwegs, 1999 etwa auch in Hessen. Finanziell gefördert wird die Arbeit der sechs Festangestellten und rund 20 Aktiven von Landesmedienanstalten, Jugendämtern und Kindertagesstätten. Blickwechsel ist dreimal in Göttingen vertreten, neben Bremen auch in Hamburg. Bundesweit, aber auch im Ausland bis Luxemburg, wollen die Medienscouts wie Roboom vor allem eines erreichen: „Kinder, Eltern und Pädagogen sollen einen neuen Blick auf die Medien gewinnen.“

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