Interview zu Corona-Medikamenten

Pharmakologe Bernd Mühlbauer: „Man forscht gegen die Zeit“

Bernd Mühlbauer prüft für eine WHO-Studie, welche Medikamente Corona-Patienten helfen. Im Interview spricht der Bremer Pharmakologe über das Mittel Remdesivir, Forschung im Eiltempo und Russlands Impfstoff.
23.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Pharmakologe Bernd Mühlbauer: „Man forscht gegen die Zeit“
Von Nico Schnurr
Pharmakologe Bernd Mühlbauer: „Man forscht gegen die Zeit“

Im Normalfall wäre der Wirkstoff Remdesivir niemals so schnell zugelassen worden, meint Pharmakologe Bernd Mühlbauer

GENO

Herr Mühlbauer, für eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), an der Sie sich beteiligen, sind anfangs vier Medikamente für Corona-Patienten getestet worden. Inzwischen ist nur noch eines übrig. Wie kommt das?

Bernd Mühlbauer: Bei drei Medikamenten wurden keine positiven Effekte auf den Krankheitsverlauf gesehen. Die Patienten wurden nicht schneller gesund, sie haben Corona nicht besser überstanden. Der Nutzen war gering, dazu kamen die Risiken.

Welche meinen Sie?

Bei Hydroxychloroquin besteht die Gefahr, dass Patienten Herzrhythmusstörungen bekommen. Bei den Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir sind die Leber- und Nierenwerte der Patienten angestiegen. Bei allen drei Medikamenten scheint uns das Risiko, das von den Nebenwirkungen ausgeht, größer zu sein als der eigentliche Nutzen. Also wurden die Wirkstoffe aus der Studie genommen.

Nur Remdesivir ist noch übrig. Ein Hoffnungsträger?

Für viele schon.

Und für Sie?

Ich habe meine Bedenken. Es ist bislang wenig über den wirklichen Nutzen und zu wenig über die Nebenwirkungen des Medikaments bekannt.

Bernd Mühlbauer ist Leiter des Instituts für Pharmakologie im Klinikum Bremen-Mitte.

Bernd Mühlbauer ist Leiter des Instituts für Pharmakologie im Klinikum Bremen-Mitte.

Foto: GENO

Verstehen Sie, warum so viele auf das Mittel hoffen?

Ich habe sehr viel Verständnis für Kollegen, die an der klinischen Front arbeiten, auf Intensivstationen, wo ihnen die Leute wegsterben. Ich kenne diese Verzweiflung sehr gut. Man hat alle modernen intensivmedizinischen Maßnahmen zur Hilfe, und trotzdem sterben die Patienten. Da sucht man als Arzt automatisch nach irgendetwas, das eine Lösung bringen könnte.

Warum ausgerechnet Remdesivir?

Das Medikament verkürzt die Aufenthaltsdauer der Corona-Patienten im Krankenhaus um vier Tage im Durchschnitt. Es ist aber nicht bewiesen, dass durch das Medikament tatsächlich mehr Corona-Patienten überleben. Doch bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung interessiert uns nun mal genau das.

Kann es für die Patienten nicht schon ein Gewinn sein, vier Tage früher aus dem Krankenhaus entlassen zu werden?

Wir wissen noch zu wenig. Wir können nicht wirklich sagen, was diese vier Tage bedeuten. Eine kürzere Zeit im Krankenhaus muss keine schnellere Heilung bedeuten, das geben die Daten nicht her. Unser Bild von Remdesivir ist noch sehr lückenhaft, es gibt bislang viel zu wenige Studien.

Wie kann es sein, dass dieses Medikament trotzdem zugelassen worden ist?

Die Zulassung von Remdesivir hat gezeigt, wie groß der Druck ist und wie schnell gerade alles gehen muss. Im Normalfall wäre das Medikament niemals in einem solchen Rekordtempo zugelassen worden. Das wäre absolut undenkbar.

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Welchen Druck meinen Sie?

In den USA wird politischer Druck zur Zulassung geführt haben. Angesichts der katastrophalen Infektionszahlen musste die Politik irgendwie reagieren. Die Zulassung dürfte aus Aktionismus passiert sein. Die Politik wollte wohl Stärke demonstrieren und zeigen, dass sie etwas gegen die Krise unternimmt.

Und die schnelle Zulassung in Europa?

Als die amerikanische Behörde Remdesivir zugelassen hat, ist auch ihr europäisches Pendant unter Handlungsdruck geraten. Hier kam der Druck vor allem von der Öffentlichkeit. Plötzlich stand die Frage im Raum: Wenn die US-Amerikaner das Mittel bekommen, wieso wird es den Europäern vorenthalten?

Wie gefährlich ist dieser Druck, der gerade auf dem wissenschaftlichen Betrieb lastet?

Es gibt gerade eine zweite Seuche: vorschnell veröffentlichte Studien. In der Geschichte der Wissenschaft ist wahrscheinlich noch nie so viel in einem so kurzen Zeitraum zu einem Thema veröffentlicht worden wie gerade. Leider fällt darunter auch sehr viel Unfertiges und manchmal sogar grob Falsches. Viele Studien überfliege ich nur noch.

Lässt sich die Wissenschaft zu sehr treiben?

Ich halte das Eiltempo in der Forschung derzeit trotz allem für gerechtfertigt. Es müssen verkürzte Wege genommen werden, man forscht ja gegen die Zeit. Corona ist bedrohlich und kann für Patienten lebensgefährlich sein. Es braucht Medikamente, die helfen. Da kann ich akzeptieren, dass die Hürden etwa bei der Zulassung etwas niedriger liegen als sonst. Man darf sie aber nicht völlig außer Acht lassen.

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Woran denken Sie?

Das fragwürdigste Beispiel ist die Zulassung eines Impfstoffes in Russland. Das ist total albern. Normalerweise führt man die klinische Forschung zur Wirkung eines Impfstoffes vor der Zulassung durch. Die Russen haben zunächst das Medikament zugelassen und wollen danach forschen. Daran sieht man, wie hysterisch manche Regierungen gerade sind. Da geht es vor allem um Politik und Sensationsmeldungen, nicht um Wissenschaft. Das ist gefährlich.

Bei Remdesivir liegen die Dinge anders?

Die Auflagen, unter denen Remdesivir als Medikament für Corona-Patienten zugelassen worden ist, sind sehr deutlich: Die Anwendung muss weiter mit klinischer Forschung begleitet werden. Das verpflichtet uns, unsere Studie weiterzuführen.

Woher bekommen Sie das Medikament dafür?

Vom Hersteller bekommen wir bislang nichts.

Weil es rentabler ist, das Medikament auf dem Markt zu verkaufen?

So könnte man das interpretieren. In Bremen ist Remdesivir vorrätig gewesen, aber nicht für Forschungszwecke. Nun sollen wir für die Studie unter anderem von der WHO beliefert werden. Das Problem könnte also bald gelöst sein.

Dann wäre da noch die Sache mit den Patienten.

Wir haben nach wie vor zu wenig Patienten, die in Bremen an der Studie teilnehmen können. Von denen, die sich mit Corona infizieren, werden höchstens zehn Prozent so krank, dass sie ins Krankenhaus müssen. Auch von diesen Patienten kommen nicht alle für die Studie infrage. Dass momentan relativ wenige Corona-Patienten in den Krankenhäusern behandelt werden müssen, ist natürlich eine gute Nachricht.

Aber nicht unbedingt für das Gelingen Ihrer Studie, oder?

Für uns bedeutet es, dass wir Geduld brauchen. Aber glauben Sie mir, keiner der beteiligten Forscher würde sich etwas mehr wünschen, als dass die Studie frühzeitig abgebrochen werden kann, weil die Pandemie vorbei ist.

Danach sieht es derzeit eher nicht aus.

Die Infektionszahlen steigen wieder. Nun stecken sich vor allem Jüngere an, im Urlaub und auf Feiern. Das ist allerdings keine zweite Welle. Das Virus ist ja nicht plötzlich wieder da. Es war nie weg.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

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Info

Zur Person

Bernd Mühlbauer (62)

ist Leiter des Instituts für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte. Der Professor beteiligt sich an einer Studie der WHO. Mühlbauer will prüfen, welche Medikamente Corona-Patienten helfen.

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