Hilfe für Wohnungs- und Obdachlose

Medizinische Sprechstunde für Menschen in Not in Bremen

In Bremen gibt es drei medizinische Sprechstunden, wo wohnungs- und obdachlose Menschen kostenlos behandelt werden. Grüne und SPD fordern als Ergänzung eine „Krankenstube“, in der sich Patienten erholen können.
20.10.2018, 18:50
Lesedauer: 4 Min
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Medizinische Sprechstunde für Menschen in Not in Bremen
Von Sabine Doll
Medizinische Sprechstunde für Menschen in Not in Bremen

Dietmar Melcher leitet den Bremer Treff, der auch eine medizinische Sprechstunde für wohnungs- und obdachlose Menschen anbietet.

Frank Thomas Koch

Es ist voll im Bremer Treff. Fast alle Plätze an den Tischen sind besetzt. Von Tellern dampft das Essen, es gibt Frikadellen mit Sauerkraut und Kartoffelbrei. Fünfmal in der Woche sind die Räume des Vereins am Altenwall geöffnet. Menschen, die keine Wohnung haben, auf der Straße leben oder sich aus anderen Gründen in einer prekären Lebenslage befinden, können dorthin kommen.

„Es gibt eine warme Mahlzeit, sie können duschen, Wäsche waschen und sich aufwärmen“, sagt der Leiter des Treffs, Dietmar Melcher. „60 bis 90 Gäste in der Woche nutzen diese Möglichkeiten.“ Seit einem Jahr gibt es außerdem eine medizinische Sprechstunde, immer dienstags von 18 bis 21 Uhr versorgt ein Arzt Patienten im Untergeschoss des Treffs.

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In dem kleinen Raum, der an den anderen Tagen als Büro genutzt wird, gibt es eine Untersuchungsliege, einen Schrank für Medikamente und Behandlungsmaterial, einen weiteren für Patientenunterlagen und einen Computer für die Abrechnung mit der Kassenärztlichen Vereinigung. „Alle Patienten werden kostenlos behandelt“, sagt Melcher.

Träger der Praxis ist der Verein zur Förderung der medizinischen Versorgung Obdachloser (MVO), er wurde vor rund 20 Jahren von der Ärztekammer, dem Gesundheitsamt und dem Verein für Innere Mission gegründet. Die Arbeit wird durch Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert. Das Angebot im Bremer Treff ist die dritte Anlaufstelle dieser Art in Bremen: Weitere Sprechstunden gibt es im Café Papagei am Bahnhof und im Frauenzimmer an der Abbentorstraße.

500 Menschen sind wohnungslos

Rund 500 Menschen, so die Schätzung, sind in Bremen wohnungslos. Der Diakonische Leiter des Treffs kennt viele von ihnen seit Jahren. Und er hat den Eindruck, dass die Zahl der obdach- und wohnungslosen Menschen wächst – und damit auch der Bedarf an solchen niedrigschwelligen Angeboten zur medizinischen Notversorgung.

„Wir würden gerne donnerstags einen zweiten Termin für die Sprechstunde anbieten“, sagt Melcher. „Dafür brauchen wir aber auch mehr Ärzte, die in ihrem Feierabend hier noch einen Dienst übernehmen.“ Zurzeit wechseln sich zwei Ärzte wöchentlich ab. Einer von ihnen ist Masiar Amirkhizi. Er ist niedergelassener Anästhesist in einem ambulanten Operationszentrum in Bremen.

„Ich saß in der Kantine eines Krankenhauses und habe gesehen, wie ein allem Anschein nach obdachloser Mann die Reste von den Essenstabletts auf den Tischen zusammengesucht hat. Ich hätte es auch dabei bewenden lassen können, dass ich ihm ein Essen gekauft habe“, erzählt der Bremer Arzt. „Aber das hat mich in Rage gebracht. Ich habe überlegt, was ich ansonsten tun kann.“

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Seit einem Jahr behandelt er nach Feierband Patienten in der Sprechstunde im „Bremer Treff“. Armut und Krankheit gehören zusammen, sagt Amirkhizi. Wer arm sei, erkranke häufiger und schwerer. Wer auf der Straße lebe, habe andere Nöte als die Sorge um Körper und Gesundheit: die tägliche Suche nach einem Platz zum Schlafen, die Sorge um Kleidung und Besitz, etwas zu essen organisieren.

Sucht, Gewalt und andere Umstände bedeuten ständigen Stress. Und Krankheit: Wunden verheilen schlecht, chronische Erkrankungen bleiben unbehandelt. Sich auch nur wenige Tage von einer akuten Erkrankung oder nach einer medizinischen Behandlung in einem Krankenhaus zu erholen, sei bei einem Leben auf der Straße kaum möglich.

In Städten wie Hamburg oder Hannover gibt es sogenannte Krankenstuben. Dort können sich wohnungslose Menschen, die krank sind und ein paar Tage einen Raum und Ruhe für Genesung und Erholung brauchen, unterkommen. Sie bekommen ein Bett, Essen, Betreuung durch Sozialarbeiter, Hygiene- und Verbandsmaterialien.

Ungeeignet für das Auskurieren von Krankheiten

Eine solches Konzept fordern die Fraktionen von Grünen und SPD auch für Bremen und haben einen Antrag in die Bürgerschaft eingebracht. „Wer auf der Straße lebt, hat kein warmes Bett. Dabei müssen auch leichte Erkrankungen auskuriert werden, damit daraus keine schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen folgen“, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion Nima Pirooznia.

Die Notunterkunft für Obdachlose mit vielen Menschen auf engem Raum eigne sich nicht zum Auskurieren von Krankheiten. Die Umstellung von Pflegetagen auf Fallpauschalen habe dazu geführt, dass die Kliniken Patienten früher entlassen. Für obdachlose oder wohnungslose Menschen bedeute das, bei Wind und Wetter wieder auf Platte zu leben. Wunden könnten sich entzünden, der Körper werde geschwächt, heißt es in dem Antrag. „Diese Lücke muss geschlossen werden“, fordert Pirooznia.

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„Um für eine hohe Akzeptanz der Krankenstube zu sorgen, ist die Kooperation mit dem Sozialdienst der Kliniken und Streetworkern vorgesehen.“ Dadurch solle sichergestellt werden, dass niemand mehr auf der Straße leben oder von einem vorübergehenden Quartier zum nächsten müsse, wenn er oder sie einfach nur ins Bett gehöre.

In dem Antrag fordern die Fraktionen außerdem, dass die Patienten ihre Tiere als Weggefährten in die Krankenstube mitnehmen könnten. „Wenn die Bürgerschaft dem Antrag zustimmt, könnte das für diesen Winter noch umgesetzt werden, das ist das Ziel.“ Die Krankenstube könne räumlich an eine bereits bestehende Einrichtung der Wohnungslosenhilfe angedockt werden.

Masiar Amirkhizi, der Arzt im Bremer Treff, hält die Idee der Krankenstube im Grundsatz für machbar: „Das ist gut gemeint. Man sollte aber auch die Mühe darauf verwenden, die Plätze in den Notunterkünften zu erweitern und die Zustände zu verbessern. Viele ziehen die Straße für die Nacht vor, weil zu viele Menschen in den Notunterkünften auf engstem Raum zusammen sind, es zu Diebstählen kommt und sie morgens die Unterkunft wieder verlassen müssen“, berichtet er.

Weitere Informationen

Im Bremer Treff können die Gäste an einem Kunstangebot teilnehmen, es wird von einer Kunstpädagogin geleitet. Ergebnis sind zahlreiche Bilder in verschiedenen Techniken. Am Sonnabend, 1. Dezember, von 13 bis 16 Uhr werden sie in einer Ausstellung im Bremer Treff, Altenwall 29, präsentiert. Die Bilder können nicht nur angeschaut werden, sie stehen auch zum Verkauf. Der Erlös kommt dem Verein als Spende zugute.

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