Reaktionen auf die Schließung von Ear

Mehr als nur ein Plattenladen

Der Schallplattenladen Ear im Bremer Viertel hat seit Samstag geschlossen. Das macht viele WESER-KURIER-Leser traurig, wie ihre Erinnerungen an das Geschäft zeigen.
21.01.2019, 12:39
Lesedauer: 6 Min
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Mehr als nur ein Plattenladen
Von Pascal Faltermann
Mehr als nur ein Plattenladen

Ordentlich was auf die Ohren gab es im Plattenladen Ear. Viele unserer Leser vermissen das Kultgeschäft schon jetzt.

fotos: Christina Kuhaupt

Die letzte Platte ging am Samstag über den Verkaufstresen. Der Schallplattenladen Ear im Bremer Viertel, vor dem Steintor 104, hat seine Türen geschlossen. Seit 1972 war das Geschäft an wechselnden Standorten für viele Kunden eine Institution. Das macht nicht nur zahlreiche Musiker, Radiomoderatoren oder Veranstalter traurig, sondern auch viele Musikliebhaber und WESER-KURIER-Leser.

Ein toller Laden

2008 ging ich ziemlich unsicher das erste Mal zu Ear. Ich wusste kaum, wonach ich suche, aber Bunny hat mich das nicht spüren lassen und mit seinen Tipps dann goldrichtig gelegen. Heute bin ich dank Ear viele schöne (Musik)Momente reicher. Ein toller Laden mit noch tolleren Menschen. Vielen Dank und alles Gute!

Katharina Schimenz, Heide

Lieblingsverkäufer bei Ear

... mein Lieblingsverkäufer bei Ear war ab Anfang der 70er-Jahre der überaus freundliche und kompetente Holger Martens, der bereits 2013 unerwartet verstorben ist. Er war ab 1983 auch viele Jahre bei mir als Buchhändler (Pegasos, Ostertorsteinweg) angestellt.

Kai Stellmann, Bremen

Plattenladen "Ear"

Reichhaltige Auswahl: Wer bei Ear suchte, wurde meist auch fündig. Manch ein Kunde trug auch eine Platte nach Hause, die er gar nicht gesucht hatte.

Foto: Christina Kuhaupt

Erster Freiheitsdrang

Der Name Ear ist für mich untrennbar mit ­Jugend und erstem Freiheitsdrang verbunden. Anfang der Siebziger war ich so 13, 14 Jahre alt und mein Nachbar war einige Jahre älter und fuhr Kreidler RS. Mit das Größte dieser Zeit für einen Jugendlichen. Ich durfte als Sozius, natürlich damals noch ohne Helm, mitfahren.

Die meisten dieser Fahrten gingen von Habenhausen ins Steintor zu Ear, wo ich langsam, aber sicher an die großen Gruppen dieser Zeit rangeführt wurde. Vom Taschengeld fanden dann einige der damals üblichen und begehrten Alben den Weg zu mir nach Hause ins Plattenregal. Wo die meisten davon noch heute stehen.

Meine erste Single war Carry Ann von den Hollys. Der Plattenspieler war noch aus einer alten Musiktruhe selbst gebaut. Ich wünsche Bunny für die Zukunft alles Gute.

Michael Bentz, Habenhausen

Schock am Morgen

Welch Schock am Morgen! Gerade bin ich dabei, schweren Herzens meine Schallplattensammlung zu verkaufen, da einfach keine Zeit mehr bleibt, um die vielen wunderbaren Vinyl aufzulegen... da lese ich dann doppelt traurig voller aufkommender Erinnerungen von der Schließung des über Generationen hinaus beliebten Plattenladens Ear im Bremer Steintor. Ohne solche Treffpunkte hätte ich nie „Uriah Heep-Very Eavy“ als meine erste Platte erstanden.

Es ist fast so, als wären wir (die 60er und 70er) wie Dinosaurier, die traurig auf das Ende schauen. Möge wenigstens das Aladin in Bremen noch weiter bestehen und hoffentlich die alten Songs und alten Musikliebhaber nicht vergessen!

Musik mit Aussage und Kennerblick von Verkäufern empfohlen mit Herz! Es war so wohlig beruhigend zu wissen, dass es den Laden noch gibt, wo doch Vinyl zurückzukommen scheint.

Doch bleibt mir nun nur noch zu sagen: „Alles Gute Bunny! Dankeschön!“

Vera Mountney, Verden

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Ear ist Kult

Wieder einmal wird ein Traditionsladen geschlossen. Ear ist nicht nur ein Platten-Laden, Ear istKult. Bei Ear habe ich Sachen bekommen, die ich in anderen Läden nicht bekommen habe, lang gesuchte Tonträger. Oder es wurden auch Wünsche bestellt. Neben Ear gab es noch Tukan oder Überschall.

Es stimmt mich sehr traurig, dass Ear schließt. Ich hoffe, dass wenigstens Hot Shot bestehen bleibt, auch ein Lieblingsladen von mir. Ich werde die gute Beratung bei Ear vermissen, wenn sie schließen.

Volker Hüneke, Bremen

Besonderer Glücksfall

Mit Ear verbinde ich nicht nur meine ersten Schritte in ein Leben als Schallplatten-Sammler, sondern auch einen ganz besonderen Glücksfall. Eigentlich war ich nie der „typische“ Ear-Kunde, da ich als Heavy-Metal-Fan dort eher weniger fündig wurde und mich eher in anderen Schallplatten-Läden aufhielt.

Als ich jedoch vor gut zehn Jahren nach längerer Zeit mal wieder bei Ear reinschaute, sah ich dort tatsächlich, hinterm Tresen präsentiert, die 7“-Single „Running Free“ von Iron Maiden. Seit gut 25 Jahren fehlte mir diese spezielle Single in meiner Sammlung und nun stand sie da. Zaghaft erkundigte ich mich nach dem Preis. 35 Euro sollte das gute Stück kosten – eigentlich viel Geld, wenn man bedenkt, dass es mir nur um das Lied auf der Rückseite ging, das mir letztlich fehlte.

Ich bat um ein paar Tage Bedenkzeit und versprach „Bunny“, mich zu melden. Natürlich siegte das Verlangen – einen Tag später rief ich an, zwei Tage später hab ich diese Single abgeholt und war glücklich, diese „ewige“ Lücke in meiner Iron-Maiden-Sammlung geschlossen zu haben.

Ach ja: Natürlich hab ich es nie für eine Sekunde bereut!

Thomas Meyer, Stuhr-Seckenhausen, damals Bremen-Neustadt

Fast wie eine Traueranzeige

Der Artikel über Ear ist fast wie eine Traueranzeige zu lesen. Es stimmt, von Anfang an war/ist der Laden ein Treffpunkt, ein lebendiger Ort, wo man die Zeit sehr gerne verbracht hat, buchstäblich die reale Zeit vergessen konnte, für mich war es immer genauso.

Meine superschöne Erinnerung ist aus dem Jahr 1996. Ich kam in den Laden, um was Neues zu hören, was Neues zu entdecken und was läuft gerade? Marylin Mansons neue CD „antichrist superstar“. Nach dem ganzen Indie-Pop war es genau das richtige für mich an diesem Tag. Hinter der Ladentheke stand Pat, wie immer, redete er gerade mit jemanden und ich stand da wie paralysiert von der Musik, traute mich nicht, überhaupt etwas zu sagen.

Das CD-Cover hat mich genauso paralysiert mit seiner Schönheit wie die Musik, stand eben neben dem CD-Player und schaute mich an, wie Pat mit seinem unsichtbaren Grinsen. Hab‘ nur gedacht: „Verdammt teuer das Zug“, habe gerade die Schule besucht, also bisschen knapp bei Kasse. Macht nix, zwei Brötchen weniger essen, von guter Musik leben war damals „normal“ bei mir. Richtige Einstellung, richtiger Ort, richtige Entscheidung.

Habe damals sowieso öfter den Ear-Laden besucht als eine Bäckerei. Solche schönen Momente hatte nicht nur ich, den Laden kannte ich über meinen kleinen Bruder, er war damals noch öfter dort als ich, er hat immer was Neues nach Hause gebracht, seine Musik war immer „anders“, immer neu.

Ich wohne seit 2001 im Steintor, jetzt sogar ein paar Häuser weiter, Vor dem Steintor, besuche Ear seltener als früher, laufe aber fast jeden Tag paar Mal vorbei, sehe immer das Schaufenster an (o ja, was Neues../ waaaas, chameleons konzert im modernes wow/ waaas element of crime neue platte wow/ waaaas einstürzende neubauten wow) und schaue jedes Mal, wenn auch nur durch die Scheibe. Ja, ein bekanntes Gesicht ist da, die Welt in Ordnung, man geht ruhig weiter.

Ich spreche die „bekannten Gesichter“ nicht oft an, leben und leben lassen, aber jetzt, wo auch der Ear schließen wird, wird wieder ein Stückchen Viertel sterben, mano, die Zeit läuft uns weg.

Ich werde euch/den Laden vermissen und ich weiß, nicht nur ich. Man sieht sich bestimmt im Lagerhaus wieder, aber ein Stück Viertel-Geschichte ist von der Straße für immer weg.

Margot Kiwaczuk, Bremen

Wichtigster Umschlagplatz

Ich habe bei Ear den Grundstock meiner Plattensammlung gelegt. Neben dem Flohmarkt war der Plattenladen als ich vor 30 Jahren nach Bremen kam der wichtigste Umschlagplatz für Vinyl, wobei ich aber nur ge- nie verkauft habe. Vielleicht noch die LP-Börse im ­Hackfeld-Haus, aber sonst gab es für mich keine Alternative. Besonders Blues und 60er/70er-Jahre-Sachen habe ich da gesucht und gefunden, später dann auch Pop und Independent. Mit dem Aufkommen der CD hatte das wöchentliche Ritual dann irgendwann nachgelassen. Jetzt, da ich wieder fast ausschließlich Vinyl kaufe, hat sich mein Kaufverhalten aber geändert. Trotzdem schade, dass diese Institution schießt.

Axel Stiehler, Walle

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Blues-Fan aus Versehen

Ich bin heute 60 Jahre alt und im sogenannten Viertel aufgewachsen. Mein Interesse und die Liebe zur Bluesmusik verdanke ich dem Plattenladen „Ear“. Auch wenn es auf einem Versehendes Plattenverkäufers beruht.

Meine allererste Langspielplatte habe ich im Alter von 13 Jahren bei „Ear“ erworben. Ich wollte von der Band Uriah Heep, die damals aktuelle LP „very ´eavy, very ´umble“ kaufen. Damals war es bei Ear so, dass zur Vermeidung von Diebstählen in den Regalen nur die Hüllen der Schallplatten standen. Die dazugehörigen Vinyls gab es an der Kasse. Und dabei ist das vorgenannte Versehen geschehen. Statt der Scheibe von Uriah Heep steckte der Verkäufer eine Platte von Johnny Winter, „Experimental Blues“, ins Cover.

Zu Hause angekommen, bemerkte ich den Irrtum; traute mich aber nicht, erneut die ­heiligen Hallen von Ear zu betreten und einen Irrtum zu reklamieren. Also legte ich not­gedrungen immer wieder Johnny Winter auf, bis sich mir diese Musik erschloss und ich zu deren Liebhaber wurde.

Joe Schlosser, Bremen

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