Kommentar über das Bildungssystem Mehr Bildungschancen für alle

Die soziale Herkunft entscheidet maßgeblich, welchen Bildungsweg ein Kind einschlägt. Das System ist zu wenig durchlässig, findet die Professorin Silke Bothfeld der Hochschule Bremen.
10.06.2019, 19:06
Lesedauer: 2 Min
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Von Silke Bothfeld

In Deutschland entscheidet vor allem die soziale Herkunft über die Bildungswege: Kinder von Akademikerinnen und Akademikern machen meist das Abitur und können dann an einer Universität Jura oder Politik­wissenschaft studieren. Unabhängig von ihren individuellen Fähigkeiten entscheiden sich die anderen eher für eine berufliche Ausbildung. Den späteren Zugang zur Uni über die Meister- oder Fachwirtprüfung wählen nur zwei Prozent aller Studierenden! Aber warum sollte ein medizinischer Fachangestellter oder eine Tischlerin nicht später noch Politikwissenschaften studieren?

Eine größere Durchlässigkeit im schulischen und beruflichen Bildungssystem würde nicht nur die soziale Chancengleichheit, sondern auch die Attraktivität des dualen Systems erhöhen. Studierende, die betriebliche Erfahrungen mitbringen, sind oftmals besonders intrinsisch motiviert. Ein Erwachsenen-BaföG und die Öffnung der Unis für Fachabiturientinnen und -abiturienten könnten hier helfen.

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Ein weiterer Weg ist, praxisbezogene Studiengänge in ‚untypischen‘ Fachhochschulfächern anzubieten. BWL oder soziale Arbeit sind klassische Fachhochschulfächer – aber wie sieht es aus mit angewandten Rechts-, Politik- oder Wirtschaftswissenschaften, die die Basis für eine höhere berufliche Laufbahn unter anderem im öffentlichen Dienst sind?

Die Hochschule Bremen bietet dies: Der Internationale Studiengang Politikmanagement, B.A. (ISPM) ist mit seinem obligatorischen Auslands- und Praxissemester stark an Tätigkeiten in der politischen Praxis ausgerichtet. Er ist attraktiv für Studierende, die ein theoretisches und praktisches Interesse an gesellschaftlicher Gestaltung haben.

Der Bologna-Reform ist es zu verdanken, dass der ISPM-Bachelor heute ganz regulär zum Masterstudium befähigt und damit auch jungen Menschen, die sich zunächst für eine Berufsausbildung entschieden haben und „nur“ ein Fachabitur mitbringen, den Weg in den höheren Dienst oder gar zu einer sozialwissenschaftlichen Promotion eröffnet. Tatsächlich sind dies im ISPM rund ein Drittel aller Studierenden.

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Die Verzahnung zwischen fachberuflichen und akademischen Bildungsgängen darf sich nicht in der Akademisierung vormals schulischer Ausbildungsberufe erschöpfen. Vielmehr sollten Übergänge in den akademischen Kernsektor des Bildungssystems vereinfacht werden – nicht nur im Sinne einer größeren sozialen Gerechtigkeit, sondern auch, um die Attraktivität der dualen beruflichen Ausbildungsgänge wieder zu erhöhen.

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Zur Person

Unsere Gastautorin ist stellvertretende Leiterin des ISPM an der Hochschule Bremen. Der Studiengang stellt sich an diesem Donnerstag von 16 bis 17.30 Uhr interessierten Studienbewerbern vor.

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