Hausbesuche bei jungen Müttern

Mehr Geld für Bremer Baby-Projekt

Pro Kind unterstützt Schwangere und Familien in schwierigen Lebenslagen, Hebammen kommen zum Hausbesuch. Das Projekt bekommt mehr Geld und erweitert die Zahl der Plätze.
03.12.2017, 17:48
Lesedauer: 5 Min
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Mehr Geld für Bremer Baby-Projekt
Von Sabine Doll
Mehr Geld für Bremer Baby-Projekt

Sabine Ballenberger demonstriert an einer Puppe, wie die Babymassage funktioniert. Levin genießt die Streicheleinheiten seiner Mutter.

Frank Thomas Koch

"Heute habe ich Konkurrenz mitgebracht." Sabine Ballenberger zieht eine Puppe aus der Tasche und legt sie vorsichtig neben Levin auf die Bettdecke. Neugierig mustert er die Konkurrenz aus der Tasche. Dass sie sie ihm die Show stehlen könnte, scheint ihn aber nicht zu besorgen. Levin ist heute gut drauf, obwohl er in der Nacht nicht besonders viel geschlafen hat. "Kann es sein, dass er schon anfängt zu zahnen?", fragt Levins Mutter. Levin ist mehrere Wochen alt. "Die ersten Zähnchen kommen meist um den fünften oder sechsten Monat", sagt Sabine Ballenberger. "Es gibt aber auch Babys, bei denen es deutlich früher losgeht. Insofern kann das gut sein."

Sabine Ballenberger ist Hebamme – und sie arbeitet als Familienbegleiterin bei Pro Kind. Seit 2007 gibt es das Hausbesuchsprogramm, damals ist es im Rahmen der Bundesinitiative Frühe Hilfen als bundesweites Modellprojekt entstanden, in Bremen unter dem Dach des Deutschen Roten Kreuz (DRK). Bis 2012 lief die Pilotphase, seitdem ist Pro Kind in Bremen zum festen Bestandteil eines Netzwerks geworden, das junge Familien und Schwangere in besonderen Lebenssituationen unterstützt. Im Zentrum des Projekts steht die Entwicklungsförderung von Kindern.

Das Besondere an dem Projekt: Es setzt bereits in der Schwangerschaft an – und läuft bis zum zweiten Geburtstag des Kindes. Zu Beginn treffen sich Mutter und Familienbegleiterin wöchentlich zum Hausbesuch, später alle zwei Wochen. Teilnehmen können Frauen, die ihr erstes Kind erwarten und zwischen der 12. und 28. Schwangerschaftswoche sind, Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe beziehen, in Bremen leben und sich in einer schwierigen Situation befinden. Solche Belastungen sind zum Beispiel finanzielle Sorgen, wenn die werdende Mutter noch minderjährig ist, keinen Schulabschluss hat, gesundheitliche oder auch familiäre Probleme bestehen, wenn sie selbst in einem belasteten familiären Umfeld aufgewachsen ist, wenn sie alleinerziehend ist. All das kann es Müttern nicht leicht machen, für ihr Kind so da zu sein, wie sie es gerne möchten. Oftmals auch, weil sie es selbst nicht so erlebt haben, wie sie es sich gewünscht haben.

Tipps zur Ernährung während der Schwangerschaft

"Wir wollen die Frauen und die jungen Familien beim Start in diese neue Lebensphase mit ihrem Kind unterstützen und sie vor allem stärken", sagt Sabine Ballenberger. "Wir wollen sie ermutigen, ihnen Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein geben und sie in ihren Fähigkeiten unterstützen." Basis für eine gute und gesunde Entwicklung von Kindern sei eine positive Bindungserfahrung. "Und die beginnt bereits in der Schwangerschaft. Die Startphase ist ganz entscheidend", sagt Sabine Ballenberger.

Mütter und Väter bekommen auch ganz praktische Hilfestellungen: zum Stillen, zur Ernährung in der Schwangerschaft, warum Zahnhygiene während der Schwangerschaft besonders wichtig ist, woran man erkennt, warum das Kind gerade schreit. Und: Dass es in Ordnung ist, das Kind eine Stunde etwa der Schwiegermutter zu überlassen, damit die Mutter nach einer durchwachten ein wenig zur Ruhe zu kommen. Auch die Beziehung zum Partner und andere soziale Kontakte. Die Schwangeren erfahren über Flyer oder von anderen Mütter über das Hausbesuchsprogramm, die meisten werden aber gezielt von ihren Gynäkologen, beim Jobcenter oder in anderen Beratungsstellen angesprochen, ob sie am Pro-Kind-Programm teilnehmen wollen. Wichtigste Voraussetzung für die Teilnahme: Die Mütter entscheiden sich freiwillig dafür.

"Die Unterstützung ist eine große Erleichterung"

Sabine Ballenberger zieht die Puppe auf der Bettdecke zu sich heran. Heute zeigt die Familienbegleiterin Levins Mutter, wie eine Babymassage funktioniert. Wie das Streicheln mit ganz sanftem Druck dem Kind, aber auch der Mutter ein gutes Gefühl gibt. "Eine Massage stärkt die Bindung, die Berührungen geben dem Baby Sicherheit. In Studien hat man außerdem herausgefunden, dass Babys, die regelmäßig massiert werden, besser lernen und entspannen", sagt die Hebamme. Es ist der 24. Hausbesuch bei Levins Eltern. Sabine Ballenberger und das Paar kennen sich etwa seit Mitte der Schwangerschaft. Die Hebamme hat auch die Wochenbett-Betreuung nach der Geburt übernommen, statt einmal wöchentlich war sie in dieser Zeit der Nachsorge täglich bei der jungen Familie.

"Ich lege meine Hände jetzt sanft zu beiden Seiten des Köpfchens. Dann streichele ich auf und ab", sagt Sabine Ballenberger und demonstriert die Bewegungen an der Puppe. "Die Hände müssen immer schön warm sein, du kannst sie vorher aneinander reiben." Und nicht nur die Hände sollten warm sein. In dem kleinen Schlafzimmer bullert die Heizung. Draußen ist es ein schöner Herbsttag, mit viel Sonne und eigentlich wenig herbstlichen Temperaturen. Levins Vater hat vor dem Hausbesuch die Heizung fast bis zum Anschlag aufgedreht. Levins Mutter streichelt um das Gesicht ihres Sohnes. Langsam wandern ihre Hände zu den Armen, über den Körper bis zu den kleinen Füßen. "Das kannst du zum Beispiel nach dem Baden machen, das ist eine perfekte Zeit für eine Massage", sagt Sabine Ballenberger.

Lewins Mutter ist 18 Jahre alt. In den ersten drei Wochen nach der Geburt hatte sie viele Fragen an die Familienbegleiterin. "Ich war total verunsichert und hatte große Angst, etwas falsch zu machen", sagt sie. "Die Unterstützung ist eine große Erleichterung. Vor allem auch, weil wir uns jetzt auch schon so lange kennen." Durch die regelmäßigen Hausbesuche entwickelt sich ein Vertrauensverhältnis zwischen den Familienbegleiterinnen und den Familien.

"Viele Mütter trauen sich nicht viel zu"

Jeder Hausbesuch hat eine feste Struktur. Am Anfang stehen aktuelle Fragen und Themen. Alles, was Levins Mutter auf dem Herzen hat, kann sie loswerden und fragen. Danach kommt ein Rückblick: Wie haben die Pläne, die beim letzten Besuch vereinbart wurden, funktioniert? Thema ist aber auch die Beziehung zwischen den Partnern, seit das Kind auf der Welt ist, sowie der Kontakt zu anderen Familien, etwa über Krabbelgruppen. "Wir ermutigen die Familien ganz gezielt, in solche Gruppen zu gehen. Damit sich die Mütter nicht sozial isolieren, aber auch wegen des Austauschs. Irgendwann sind wir ja nicht mehr da", sagt Sabine Ballenberger.

Die Familienbegleiterin bringt zu jedem Termin auch ein festes Thema mit, es stammt aus dem Pro-Kind-Leitfaden. Fünf große Themenbereiche gibt es: Kind und Eltern, Gesundheit, Alltag, Geld und Beruf sowie Begleitung. Sabine Ballenberger hat ein Arbeitsblatt mit der Überschrift "Das Baby im 3. Monat" mitgebracht. Gemeinsam gehen sie und Levins Eltern das Arbeitsblatt in leicht verständlicher Sprache durch. Es geht darum, was das Baby schon alles kann. Warum der tägliche Spaziergang an der frischen Luft so wichtig ist. Warum flackernde Fernsehbilder keine gute Einschlafhilfe für Babys sind. Warum eine möglichst feste Tagesstruktur für die Entwicklung des Babys wichtig ist. Thema ist aber auch, wie es der Mutter geht. Was sie für sich tut. Was sie besonders stolz auf ihren Sohn macht. Und welche Stärken sie bei sich entdeckt hat. "Viele, gerade junge Mütter, trauen sich nicht viel zu", sagt Sabine Ballenberger. "Das ist aber gar nicht der Fall. Wir unterstützen sie darin, ihre Stärken zu erkennen. Und vor allem auch, stolz auf sich zu sein."

Das Projekt Pro Kind

Pro Kind gibt es seit zehn Jahren: Aktuell unterstützen elf Hebammen als Familienbegleiterinnen über 90 Schwangere und junge Mütter. Mit der Teilnahme an der Langzeitstudie "Bremer Initiative zur Stärkung frühkindlicher Entwicklung (BRISE) kann die Zahl der Plätze jetzt erweitert werden. "Konkret heißt das, wir können nun 160 Familien begleiten", sagt Roswitha Schneider, Leiterin von Pro Kind. "Dafür werden auch bis zu vier weitere Hebammen als Familienbegleiterinnen eingestellt." Möglich ist dies unter anderem deshalb, weil das Bundesfamilienministerium Länder und Kommunen dauerhaft und jährlich mit 51 Millionen Euro für sogenannte Frühe Hilfen unterstützt. Insgesamt gehören sieben Angebote zu BRISE, alle haben die Stärkung der frühkindlichen Entwicklung zum Ziel. Die BRISE-Langzeitstudie erstreckt sich über mehrere Jahre, vom letzten Schwangerschaftsdrittel bis in das erste Grundschuljahr.

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