Organspende - eine Gewissensfrage

Mehr gespendete Organe in Bremen

In Bremen ist die Zahl der Organspender im vergangenen Jahr gestiegen - bundesweit gehen die Zahlen hingegen nach unten. Am Donnerstag soll der Bundestag über neue Regeln für Organspenden entscheiden.
13.01.2020, 10:57
Lesedauer: 5 Min
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Von Sabine Doll Felix Wendler
Mehr gespendete Organe in Bremen

Ärzte im Klinikum Bremen-Mitte transplantieren eine Niere.

Frank Thomas Koch

Die Zahl der Organspenden ist in Bremen im vergangenen Jahr gestiegen. Acht Spendern wurden 25 Organe entnommen – 2018 waren es 15 Entnahmen bei vier Spendern. In Niedersachsen dagegen ging sowohl die Anzahl der Spender als auch die Zahl der entnommenen Organe leicht zurück. Wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mitteilt, ist bei den Spenden bundesweit ein leichter Rückgang zu erkennen.

Deutschland bilde mit einer durchschnittlichen Rate von 11,2 Spendern pro eine Million Einwohner nach wie vor eines der Schlusslichter im internationalen Vergleich. Weitere Zahlen aus der Statistik: Bundesweit stehen mehr als 9000 schwer kranke Menschen auf der Warteliste für eine Organtransplantation. Bei mehr 1000 Patienten im Jahr verschlechtere sich der Gesundheitszustand so sehr, dass eine Transplantation nicht mehr möglich ist – oder sie sterben sogar.

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Am Donnerstag entscheidet der Bundestag über eine neue Organspende-Regelung. Zur Abstimmung steht die sogenannte doppelte Widerspruchslösung: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat den Entwurf mit dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach und anderen Abgeordneten eingebracht. Ab Oktober 2022 sollen danach grundsätzlich alle Bürger als Spender gelten – man kann jedoch widersprechen. Ansonsten wird nach dem Tod bei Angehörigen nachgefragt, ob ein anderer Wille bekannt ist. Eine Gruppe um Grünen-­Chefin Annalena Baerbock und Linken-Vorsitzende Katja Kipping schlägt dagegen vor, dass alle Bürger mindestens alle zehn Jahre beim Abholen des Personalausweises zum Thema Organspende angesprochen werden.

36 Prozent der Deutschen haben einen Organspendeausweis

Sebastian Melchior ist Leiter des Transplantationszentrums am Klinikum Bremen-Mitte. Seit 1988 werden dort Nieren transplantiert. 18 Nieren im vergangenen Jahr, 27 im Jahr davor – inklusive Lebendspenden. „Lange war ich gegen eine Widerspruchslösung. Mittlerweile halte ich sie aber für die einzige Lösung, die dazu führen kann, dass sich mehr Menschen mit dem Thema Organspende befassen und auch eine Entscheidung treffen“, sagt der Chefarzt. Nach Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung halten 80 Prozent der Deutschen Organspenden für richtig, einen Organspendeausweis haben aber lediglich knapp 36 Prozent.

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Die Wartezeit auf ein Spenderorgan liegt nach Angaben des Bremer Transplantationsmediziners in Deutschland zwischen fünf und zehn Jahren. In Spanien seien es zwölf bis 18 Monate, in Österreich 24 bis 30 Monate. In beiden Ländern gebe es die Widerspruchslösung. Melchior: „Ein Viertel der Patienten in Deutschland, die auf eine neue Niere angewiesen sind, wartet acht Jahre und länger. Das hat gravierende Folgen. Mit der Wartezeit verschlechtert sich der Gesundheitszustand und damit auch, wie gut das transplantierte Organ funktioniert. Irgendwann kommt man auch an den Punkt, dass man nicht mehr transplantieren kann.“

Die Widerspruchslösung wird in Deutschland aus ethischen Gründen kontrovers diskutiert: Die beiden großen Kirchen hatten im Dezember in einem gemeinsamen Brief an den Bundesgesundheitsminister „erhebliche rechtliche, ethische und seelsorgerische Bedenken“ geäußert, wie der „Spiegel“ berichtete. „Wir warnen eindringlich vor einem solchen Vorgehen, denn der Staat würde damit tief in den Kernbereich der menschlichen Existenz und Würde eingreifen“, hieß es darin. Für die Abstimmung im Bundestag ist der Fraktionszwang aufgehoben, die Abgeordneten sollen nur ihrem Gewissen folgen.

Auch in Bremen wird eine Neuregelung kontrovers diskutiert: Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) weist auf die schwierige Situation der Menschen hin, die viel zu häufig und viel zu lang auf ein Spenderorgan warten müssten oder aufgrund des Mangels sogar sterben. Die doppelte Widerspruchslösung lehnt die Senatorin ab, sie favorisiert den Alternativvorschlag: „Der Weg muss über mehr Aufklärung und eine regelmäßige Konfrontation und Auseinandersetzung mit der eigenen Bereitschaft zur Organspende erfolgen. Nicht darüber, dass die Menschen vergessen, ihren Widerspruch irgendwo registrieren zu lassen“, argumentiert sie.

Dies wäre auch sozial gerechter und würde vermeiden, dass Einzelne möglicherweise aus Uninformiertheit auf einen Widerspruch verzichteten. Bernhard: „Sollte dieser Ansatz in den kommenden Jahren nicht zu einer deutlichen Verbesserung der Spendenbereitschaft führen, dann muss man sicherlich auch noch mal über eine Widerspruchslösung nachdenken.“

Vertrauen durch Aufklärung

Nein zur Widerspruchslösung auch von der gesundheitspolitischen Sprecherin der Grünen-Fraktion, Ilona Osterkamp-Weber: Es sei unverhältnismäßig, in die Entscheidungsfreiheit der Menschen einzugreifen, um die Anzahl der Organspenden zu erhöhen. „Nötig ist vielmehr, das Vertrauen durch Aufklärung zu verbessern, ein zentrales Online-Register für Organspende-Erklärungen einzurichten und gute Abläufe in Kliniken sicherzustellen.“ Die Zustimmungslösung schaffe mehr Vertrauen als Spahns Widerspruchslösung, die das Selbstbestimmungsrecht auszuhebeln drohe.

Wie in der FDP-Bundestagsfraktion gebe es auch bei den Bremer Liberalen keine abgeschlossene Fraktionsmeinung, sagt Magnus Buhlert. „Organspende und die Haltung dazu haben viel mit individuellen Werten, Gefühlen, Emotionen und Erfahrungen zu tun“, so der gesundheitspolitische Sprecher der Bürgerschaftsfraktion. Jeder sei seinem Gewissen verantwortlich. „Zugleich haben wir Bedenken gegen die Widerspruchslösung.

Eine rechtliche Regelung darf sich nicht am Bedarf orientieren. Sie muss in das Werte- und das Rechtssystem passen.“ Jeder dürfe über seine Daten bestimmen, auch über den Tod hinaus. „Warum nicht noch viel mehr über unseren Körper und was mit ihm passiert – und auch das über unseren Tod hinaus. Der Körper gehört, aus meiner Sicht, nur mir selbst.“ Buhlert ist für die Entscheidungslösung, fordert mehr Aufklärung über Organspende „und den Segen, den diese Möglichkeit bietet“. Dies werde auch zu mehr Spendern führen.

Viele verschieben die Entscheidung

Für die Bremer Sozialdemokratin Ute Reimers-Bruns steht fest, dass die Bereitschaft zur Organspende erhöht werden muss. In der SPD-Fraktion gebe es jedoch keine einheitliche Haltung zur Abstimmung im Bundestag, es sei eine Gewissensentscheidung. „Ich persönlich bin für eine Widerspruchslösung, weil dies wahrscheinlich dazu führt, dass sich jede und jeder Einzelne mit dem Thema beschäftigt und die Verantwortung für die Entscheidung übernimmt“, sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion.

Viele Menschen würden einer Organspende positiv gegenüberstehen, aber eine Entscheidung auf später verschieben. Eine einheitliche Meinung gebe es auch in der CDU-Fraktion nicht, sagt der gesundheitspolitische Sprecher, Rainer Bensch. Auch für Abgeordnete sei es eine zutiefst ethische Frage, die jeder Einzelne für sich beantworten müsse. Die große Mehrheit in der CDU-Fraktion sei für die Widerspruchslösung, wie ein Stimmungsbild zeige.

„Mein Rat: Jeder, auch und gerade die offiziellen Vertreter der Kirchen, sollten einmal abseits von theoretischen Diskussionen mit einem Menschen sprechen, der auf ein Organ zur Lebensrettung wartet. Jeder sollte mal mit einem Menschen reden, der ein Organ bekommen hat. Und jeder sollte mal mit einem Menschen sprechen, der einen Angehörigen verloren hat, weil dieser kein Organ erhalten hat. Dann sollte jeder noch mal mit jemanden sprechen, dessen gestorbener Angehöriger Organe gespendet hat. Aufgrund dieser Gespräche bin ich auch aus christlicher Nächstenliebe für die doppelte Widerspruchslösung“, so Bensch.

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