Notunterkünfte in Rönnebeck und Vegesack Mehr Platz für Flüchtlinge gesucht

Der Bedarf an Unterkünften für Flüchtlinge steigt kontinuierlich. Vor gut einer Woche ist die ehemalige Schule an der Reepschlägerstraße in Rönnebeck zum Übergangswohnheim umfunktioniert worden.
26.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Imke Molkewehrum

Der Bedarf an Unterkünften für Flüchtlinge steigt kontinuierlich, die Sozialbehörde ist ständig auf der Suche nach geeigneten Herbergen, um die Ankömmlinge adäquat unterzubringen. Vor gut einer Woche ist die ehemalige Schule an der Reepschlägerstraße in Rönnebeck zum Übergangswohnheim umfunktioniert worden. Vieles wirkt zwangsläufig noch provisorisch. Auch die Unterbringung der Flüchtlinge in der Turnhalle ist nur eine Zwischenlösung.

Der Fußboden ist mit Spanplatten abgedeckt. Die Wohneinheiten mit den nummerierten weißen Eingangstüren sind durch Trennwände abgeteilt. Zur Hallenmitte sind Drei- bis Fünf-Bett-Räume nach oben offen. Es ist recht kühl im Innern. Eine Serbin hält ihre Strickjacke vor der Brust zusammen und schüttelt sich. Ihre Füße stecken in Badelatschen. Eine andere Frau gestikuliert und signalisiert, dass sie gern eine Zigarette hätte. Aber Geld für individuelle Bedürfnisse haben die Bewohner noch nicht bekommen. Nur Essen wird dreimal täglich angeliefert.

Aktuell 77 Bewohner

In den Überbrückungstagen sei das normal, erklärt ein Betreuer. „Es dauert immer ein paar Tage, bis die Bewohner Geld bekommen. Aber die Leitung lässt sie ja nicht verhungern.“ Mit Blick auf das kühle Wetter sagt er, dass bereits am Nachmittag Kleidungsstücke an die Flüchtlinge verteilt würden.

Gegenwärtig leben auf dem früheren Schulgelände 77 Menschen aus Serbien, Syrien, Ägypten, Nigeria, Albanien oder Afghanistan – einige in der Turnhalle, andere im komfortableren Verwaltungsgebäude, wo es wärmer und behaglicher ist. Ein Paar aus Ägypten ist hier mit zwei kleinen Kindern untergebracht. Der Vater spricht Englisch. Er ist Lehrer und fühlte sich als Christ in der Heimat bedroht. Die derzeitige Unterkunft sei nicht abschließbar, klagt er. Daher traue er sich nicht, gemeinsam mit der Familie vor die Tür zu gehen. Er hat Angst, bestohlen zu werden. „Wenn Sie uns Bescheid sagen, passen wir auf“, verspricht der Betreuer.

Mit Händen und Füßen verständigt er sich mit den Bewohnern. Aber auch untereinander können die Flüchtlinge bisher nicht miteinander kommunizieren. Der Ägypter erkundigt sich nach einem Deutschkurs. „Bald soll ein Deutschkurs angeboten werden“, versichert der Betreuer und bittet um Geduld.

„In Blumenthal gibt es bereits einen Deutschkurs, zu dem die Bewohner jederzeit hingehen können“, erklärt Jutta Becks, Geschäftsführerin der ASB-Gesellschaft für Zuwandererbetreuung auf Nachfrage. „Ich freue mich, wenn daran Interesse besteht.“ In Kürze würden die Neuankömmlinge auch ein Taschengeld bis zu 40 Euro je Monat bekommen, sagt sie. An Holztischen in der Mitte der Turnhalle sitzen derweil einzelne Männer und Frauen. Kinder rennen durch den kahlen Raum. Gerade kommen zwei neue Bewohner an. Die beiden jungen Albaner sind nicht glücklich mit der ihnen zugewiesenen Unterkunft in der Turnhalle. Immer wieder deuten sie auf einen gegenüberliegenden Raum und lassen nicht locker. Der Betreuer gibt schließlich nach: „Dann ändere ich das in der Liste.“

Weiteres Schulgebäude wird hergerichtet

Er hat in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. Allein heute werden noch elf weitere Bewohner erwartet. Es sind fast ausschließlich Familien, die ausgestattet mit Tickets und einer Wegbeschreibung von der Zentralen Aufnahmestelle (ZAST) in der Alfred-Faust-Straße in Kattenesch den Weg zum Übergangswohnheim finden. Hier müssen sich die Arbeitsabläufe erst noch einspielen, aber nach und nach stellt sich auch in dieser Notunterkunft die Routine ein.

Bis zum Ende der Sommerferien werde zudem ein weiteres Schulgebäude hergerichtet, kündigt Bernd Schneider, Sprecher der Sozialbehörde, an. Die Turnhalle werde dann geräumt und stehe dem Landessportbund wieder zur Verfügung. Insgesamt 100 Männer, Frauen und Kinder fänden dann in dem ehemaligen Schulgebäude eine vorübergehende Bleibe. Als Wohnheim nutzbar sei es voraussichtlich bis 2018, so Schneider.

Gegenwärtig werde auch das Hartmannsstift in der Gerhard-Rohlfs-Straße „so weit wie notwendig hergerichtet“, so der Behördensprecher.

Erforderlich seien unter anderem einige Kanalbauarbeiten. Zwischen September 2015 und Mai 2016 könnten hier dann 180 Menschen vorübergehend unterkommen. Es handele sich aber auch hierbei um eine Notunterkunft, denn kochen sei vor Ort nicht möglich. Bei Bedarf werde das Hartmannsstift, in dem früher das Bauamt Bremen-Nord residierte, für einen möglichen Investor ab Mai 2016 geräumt, versichert Schneider. „Wir wollen mit unseren Flüchtlingen nicht im Wege stehen.“ Darauf habe auch der Beirat gedrängt.

Unter Dach und Fach sei jetzt auch der Vertrag für das ehemalige Seniorenheim „Pension Horn“ an der Kapitän-Dallmann-Straße. Voraussichtlich im Herbst dieses Jahres werden hier 120 Menschen einziehen können. Bis dahin werden das „Dach renoviert, Küchen eingebaut und der Brandschutz hergestellt“, erklärt Bernd Schneider. Der Beirat hatte dem nach Bedenkzeit zugestimmt.

Zeltlager nicht geplant

Ein mögliches Zeltlager auf dem ehemaligen Brenor-Gelände an der Straße Kreinsloger in Lüssum werde zwar erwogen, sei aber nicht in Planung. „Es muss erst geprüft werden, ob es überhaupt in Betracht kommt“, betont der Sprecher.

Auf Anregung des Beirates Burglesum werde auch der Bolzplatz in Knoops Wald in St. Magnus als Standort für Flüchtlingsunterkünfte geprüft. Es komme selten genug vor, dass aktiv Vorschläge unterbreitet würden, so Schneider. „Da wird dann auf jeden Fall hingeguckt.“ Oftmals sei aber der Untergrund als Standort für ein Containerdorf zu weich oder Stromanschlüsse und Kanäle seien nicht zugänglich. „Aber rein rechnerisch ist das eine Option.“

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