Kommentar über Streetart

Mehr Raum für Farbe

Viele Immobilieneigentümer haben verstanden, dass man illegaler Kunst am besten vorbeugen kann, wenn man legalen Arbeiten mehr Platz einräumt. Das sollte auch die Stadt tun, meint Alexandra Knief.
07.09.2018, 20:49
Lesedauer: 3 Min
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Mehr Raum für Farbe
Von Alexandra Knief

Schon in der Steinzeit malten die Menschen an Wände. Sie hinterließen Botschaften, wollten grafisch darstellen, was sie beschäftigt und bewegt. Nichts anderes ist es im Grunde, was heute – mehrere Millionen Jahre später – Graffiti- und Streetart-Künstler auf der ganzen Welt machen, nur eben nicht mehr in der Höhle. Sie eignen sich den Stadtraum an: die einen legal, die anderen illegal. Und jeder mit seiner ganz eigenen Motivation.

Einige wollen provozieren, andere wollen ihren Ortsteil verschönern, wieder andere haben eine politische Botschaft oder einfach nur Spaß an dem, was sie tun. Schon lange findet Streetart nicht mehr nur auf der Straße statt, sondern wurde in das etablierte System des Kunstmarktes integriert. Dies spricht zwar gegen den ursprünglich nicht-kommerziellen Ansatz der Straßenkunst, hat ihr aber auch zu mehr Aufmerksamkeit, Raum und Verständnis verholfen.

Es gibt Ausstellungen zum Thema – in der Weserburg unter anderem 2009. Erst vergangenes Jahr zeigte die Städtische Galerie eine Ausstellung mit Werken zweier Urban Art/Graffiti-Künstler. Die Bremer St. Remberti-Gemeinde widmete dem Thema in diesem Jahr unter dem Titel „Die tätowierte Stadt“ sogar eine ganze Sommerpredigtreihe – und das sind nur einige Beispiele.

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Auch die Modebranche und andere Märkte haben das Potenzial dieser vielfältigen Kunstrichtung längst für sich entdeckt. Graffiti-Motive finden sich auf Shirts, Schuhen, Fahrradhelmen, Schulranzen, Fototapeten, Koffern, Kalendern – eine Liste, die ewig so fortgesetzt werden könnte. Streetart ist Kunst mit jugendlichem Image, das sich gut verkauft.

Die brave, legale Seite der Straßenkunst boomt. Im Juni tobten sich mehr als 200 Künstler beim „Farbflut Urban Arts Festival“ in Lemwerder aus, erst im August fand ein internationales Streetart-Festival in Wilhelmshaven statt. Immer mehr Künstler und Agenturen widmen sich der Verschönerung von Flächen im öffentlichen Raum, und seit Kurzem hat Bremen sogar seine erste eigene Streetart-Galerie.

Streetart verbindet Jugendkultur mit Kunst und kann so als eine wichtige „Einstiegsdroge“ genutzt werden, um bei jungen Menschen das Interesse für andere Kunstsparten zu wecken. Viele freischaffende Künstler berichten, dass ihrem Kunststudium einst ein heimlicher Ausflug mit der Sprühdose in Jugendjahren vorausging. Ja, Streetart ist ein bisschen rebellisch. Aber genau das ist es, wovon Kunst ja generell lebt.

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Dennoch gibt es Grenzen: „Einige Menschen werden Polizisten, weil sie die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Andere Menschen werden Vandalen, weil sie die Welt zu einem besser aussehenden Ort machen wollen“, soll Streetart-Ikone Banksy gesagt haben. Es ist und bleibt allerdings Sachbeschädigung, wenn Flächen ungefragt bemalt werden – egal, wie schön das Werk am Ende auch sein mag. Städte und Verkehrsunternehmen kämpfen bis heute einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen illegale Sprayer.

Viele Immobilieneigentümer haben verstanden, dass man illegaler Kunst am besten vorbeugen kann, wenn man legalen Arbeiten mehr Platz einräumt. So war es doch auch schon früher auf jeder Teenie-Party: Die Jugendlichen, die bei ihren Eltern nie im geschützten Rahmen ein Bier probieren durften, waren immer zuerst betrunken, sobald sie sich unbeaufsichtigt fühlten. Gibt man dem Verbotenen allerdings einen gewissen Raum, wird es für viele gleich uninteressanter.

Auch die Stadt sollte mehr Flächen zur Verfügung stellen. Denn wer genauer hinguckt, erkennt schnell: Je mehr Zeit ein Sprayer für ein Bild hat, desto besser sieht es am Ende auch aus. Niemand kann im Halbdunkel ein Meisterwerk schaffen, während im Hintergrund die Polizeisirenen jaulen. Vieles hat die Stadt im Rahmen des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ bereits möglich gemacht.

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Mit dem 1973 vom Senat beschlossenem Programm war Bremen die erste Stadt, die Kunst im öffentlichen Raum als staatliches, beziehungsweise kommunales Kunstprogramm formulierte. Etwa 675 Werke wurden seitdem dauerhaft in der Stadt ausgestellt, mehr als 650 temporäre Projekte wurden umgesetzt – mit einer Beteiligung von mehr als 660 Künstlern aus der Region, Deutschland und dem Ausland. Skulpturen, Fotoprojekte, Installationen und anderes fällt genauso unter das Projekt wie Wandmalereien. Außerdem hat der Senator für Kultur vor Kurzen zu einem Wettbewerb aufgerufen. Noch bis Montag können sich Künstler um die Gestaltung von vier öffentlichen Plätzen, unter anderem in Gröpelingen und der Vahr bewerben. Ein Weg, den die Stadt weiter gehen sollte.

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