Zehn freie Tage für Eltern wegen Corona

Zentralelternbeirat Bremen lehnt Zusatzurlaub ab

Von der Idee, Eltern zehn Tage Zusatzurlaub zu geben, hält der Zentralelternbeirat Bremen herzlich wenig. Dafür fordert er, verbeamtete Lehrkräfte in den Lernferien stärker in die Pflicht zu nehmen.
16.07.2020, 05:00
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Zentralelternbeirat Bremen lehnt Zusatzurlaub ab
Von Frank Hethey

Auf wenig Gegenliebe stößt in Bremen die Forderung des niedersächsischen Landeselternrats, Corona-gestressten Eltern zehn zusätzliche Urlaubstage als Ausgleich für vorzeitig genommenen Urlaub zur Kinderbetreuung zu gewähren. Das Bremer Gegenstück zum Landeselternrat, der Zentralelternbeirat Bremen (ZEB), will sich den Vorstoß der Kollegen nicht zu eigen machen.

„Lustige Idee, aber was soll das denn?“, sagt dessen Sprecher Martin Stoevesandt. Der ZEB hätte sich sogar mehr Anwesenheitspflicht gewünscht – für verbeamtete Lehrer und Lehrerinnen. „Vier Wochen Ferien, zwei Wochen da bleiben“ wäre laut Stoevesandt eine passende Formel gewesen, um ausreichend Pädagogen für ein deutlich ausgeweitetes Lernferienangebot vor Ort zu haben.

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Das Bildungsressort verteidigt indessen seine Entscheidung, Lernferien nur in Grundschulen mit dem Sozialindex 4 und 5 anzubieten, sprich: in Grundschulen mit starkem Förderbedarf (wir berichteten). „Wir haben 36 Gruppen in Grundschulen am Start“, sagt Ressortsprecherin Annette Kemp. Für die Forderung nach einer Zwangsverpflichtung des pädagogischen Personals hat sie kein Verständnis, Lehrkräfte und die Teams in den Schulen hätten in den vergangenen Monaten „Großartiges geleistet und wahnsinnig viel Engagement gezeigt“.

Vielfach seien Kollegien für ihre Schülerinnen und Schüler über sich hinausgewachsen. Kemp: „Kollegien haben sich ihre Ferien verdient – abgesehen davon, dass sie auch Präsenztage haben.“ Für Stoevesandt ist das jetzt angeschobene Lernferienangebot aber nur „ein nettes Feigenblatt“. Um die Versäumnisse während der Schulschließungen aufzuholen, hätte es aus seiner Sicht ein flächendeckendes Angebot für Grundschulen, am besten auch die Sekundarstufe 1 geben müssen.

„Da reden wir von 30 000 Schülern, nicht von 920“, sagt er. Für den Unterricht wäre laut Stoevesandt der Rückgriff auf Personen angezeigt gewesen, „die gerade kein Jobproblem haben“ – also verbeamtete Lehrkräfte. Als ihre Dienstherrin hätte Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) in seinen Augen ein Machtwort sprechen müssen. „Wir hätten uns gewünscht, dass die Senatorin ein Zeichen setzt.“

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Das Bildungsressort beharrt derweil darauf, seine Hausaufgaben gemacht zu haben. Auch in der Sekundarstufe I würden in den Ferien rund 400 Plätze angeboten. Schwerpunkte der Hilfestellung seien Förderungen zu Beginn und am Ende der Sekundarstufe I sowie für Vorkurs-Schülerinnen und -Schüler, sofern eine Lernbegleitung zu gewährleisten sei. Dabei ist auch eine Verschiebung des Ferienangebots denkbar. „Ein Teil der Schulen hat bereits signalisiert, das Angebot statt in den Sommerferien in den Herbstferien durchzuführen.“ Ob die Lernferien in ihrer geplanten Form helfen, bezweifelt Stoevesandt. Er warnt vor einem „Riesenproblem“ zu Beginn des neuen Schuljahrs.

Am Modell eines aufgestockten Urlaubs ist auch aus Unternehmerkreisen harsche Kritik zu hören. Angesichts weit verbreiteter Kurzarbeit und Existenzängsten sei die Forderung „nach pauschal mehr Urlaub für Eltern deplatziert“, so Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände im Lande Bremen. Generell mangele es Beschäftigten in Deutschland nicht an Urlaubstagen. Wo es Schwierigkeiten bei der Kinderbetreuung gegeben habe, seien in den Betrieben individuelle Lösungen gefunden worden. „Eine weitere Belastung der staatlichen Kassen, wie sie dieser Vorschlag zur Folge hätte, ist inakzeptabel.“

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Von Gewerkschaftsseite gibt es Verständnis für das Ansinnen des Landeselternrats. „Viele Eltern fühlen sich in der Krise mit ihrer Betreuungssituation allein gelassen – dieser Eindruck ist nicht falsch“, sagt Annette ­Düring, Geschäftsführerin der DGB-Region Bremen-Elbe-Weser. Durch Schul- und Kita-Schließungen seien Eltern über alle Branchen hinweg mit der Frage konfrontiert worden, wie sie die Betreuung von Kindern organisieren konnten.

Nicht selten sei das zu Lasten des eigenen Berufsleben gegangen, insbesondere bei Frauen: Im Zuge der Corona-Pandemie sei eine „Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse“ zu beobachten. Das Hauptaugenmerk muss für den DGB jedoch auf einer besseren sozialen Infrastruktur liegen. Handlungsbedarf gibt es laut ­Düring reichlich, als massive Problemfelder nennt sie zu geringe Platzzahlen im Kita-Bereich, zu große Gruppen in Schulen und Kitas sowie dringend notwendige Bau- und Sanierungsmaßnahmen in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. „Wir sehen hierin auch eine zentrale Aufgabe für den Bremen-Fonds.“

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