Auswirkungen der Mehrwertsteuer-Senkung

Droht im Juni Konsumseinbruch?

Ab 1. Juli wird die Umsatzsteuer um drei Prozent gesenkt. Setzt im Juni deshalb eine Kaufzurückhaltung bei langlebigen Gebrauchsgütern wie Fernseher oder Autos ein?
15.06.2020, 05:00
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Droht im Juni Konsumseinbruch?
Von Peter Hanuschke
Droht im Juni Konsumseinbruch?

Die Umsatzsteuer, die landläufig auch als Mehrwertsteuer bezeichnet wird, wird zum 1. Juli um drei Prozent gesenkt. Halten sich Verbraucher deshalb im Rest-Juni zurück, langlebige Güter zu kaufen?

Oliver Berg /dpa

Den Fernseher jetzt für 2380 Euro kaufen oder ab 1. Juli für knapp 2320 Euro, wenn die Umsatz- beziehungsweise Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent sinkt? Experten vermuten, dass sich Verbraucher in diesem Monat mit Käufen zurückhalten, weil sie darauf hoffen, in zwei Wochen von der Steuersenkung zu profitieren. Das bezieht sich vor allem auf Konsumgüter, die eine längere Nutzungsdauer haben. Dass der Konsum insgesamt durch den niedrigeren Mehrwertsteuer-Satz angekurbelt wird, wird vielfach bezweifelt. Er verschiebe sich lediglich.

„Wir gehen davon aus, dass der Kauf vor allem von langlebigen Gebrauchsgütern zurückgestellt wird“, sagt Mark Alexander Krack, Hauptgeschäftsführer vom Handelsverband Niedersachsen-Bremen. „Wer eine Wohnzimmergarnitur oder einen neuen Fernseher kaufen will und diese Dinge nicht ganz dringend benötigt, wird sicherlich abwarten, wie der verminderte Umsatzsteuersatz ab dem 1. Juli weitergegeben wird.“ Isoliert betrachtet werde diese Maßnahme nicht zu mehr Konsum führen, vermutet er. Trotzdem sei die Senkung von Vorteil, weil sie ein positives Signal aussende.

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„Der Juni ist jetzt wohl für viele Branchen kaputt“, zitiert „Die Welt“ Michael Gerling, Geschäftsführer des Handelsforschungsinstituts EHI Retail: Statt dass die Wirtschaft rasch angekurbelt werde, werde bis Ende Juni gerade bei Autos, Möbeln oder Unterhaltungselek­tronik eher eine Kaufzurückhaltung zu verzeichnen sein.

Wer eine größere Investition plane, werde sie sicherlich lieber in Verbindung mit dem reduzierten Umsatzsteuersatz vornehmen, meint auch Hans Jörg Koßmann, Obermeister der Bremer Kfz-Innung. Das bedeute aber nicht, dass im Juni kein Kunde mehr komme. Wer sein Fahrzeug reparieren lassen müsse, könne das meist nicht wegen der drei Prozent geringeren Umsatzsteuer verzögern. „Ich möch­te auch, dass der Klempner jetzt kommt, um das Problem zu beheben, und nicht erst im Juli.“ Auch beim Autokauf seien andere Faktoren von viel größerer Bedeutung – etwa die Höhe des Rabatts des Herstellers oder des Händlers. „Wir und meine Kollegen erwarten nicht, dass ab Juli die Kunden Schlange stehen werden.“ Gerade Privatleute seien derzeit bei Autokäufen zurückhaltend – daran ändere die Steuersenkung nichts, vermutet Koßmann.

Einmalige Effekte

Er wolle das Konjunkturpaket nicht kaputt reden, aber es setze insgesamt auf einmalige Effekte. „Wenn es ausläuft, kommt anschließend die Delle – das war bei der Abwrackprämie genauso.“ So habe das Paket kurzfristig womöglich positive Auswirkungen, aber das sei schnell wieder verpufft. Er vermisse die Nachhaltigkeit. Sinnvoller wären seiner Meinung nach höhere Ausgaben für die Digitalisierung oder die Bildung, um Know-how in Deutschland zu halten. „Das sind Investitionen, die sich langfristig bezahlt machen.“

„Die meisten Gewerke, gerade in den Bau- und Ausbau-Gewerken, hatten vor der Corona-Krise sehr viel zu tun. Jetzt ist die Situation normal, das heißt, es läuft insgesamt ganz überwiegend gut im Handwerk, allerdings mit Ausnahmen“, beschreibt Stefan Schiebe, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, die Lage der Branche. Deshalb glaubt er nicht, dass ein für Juni angesetzter Handwerker-Termin wegen der Senkung des Umsatzsteuersatzes vom Kunden weiter nach hinten verschoben wird. Doch wenn durch die Senkung beim Verbraucher der Anreiz entstehe, ein schon länger geplantes Projekt nun endlich in Angriff zu nehmen, wirke sich dieser Teil des Konjunkturpakets positiv aus.

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Unklar sei derzeit noch, wie sich die Senkung auf durchkalkulierte Projekte auswirken werde, die sich bereits in der Umsetzung befinden, wenn einige Leistungen erst ab Juli erbracht werden. „Es lauert wieder viel Bürokratiebelastung. Zudem kann es ja nicht sein, dass ab Juli dann weniger bezahlt werden muss, als vielleicht im Januar vereinbart war – auch wenn die Umsatzsteuer für den Unternehmer ein durchlaufender Posten ist.“

Verbraucher haben mehr Geld zur Verfügung

Man müsse die Maßnahmen des 57-Punkte-­Konjunkturpaketes im Ganzen betrachten, sagt Krack vom Handelsverband Niedersachsen-Bremen. Nicht etwa nur durch die Mehrwertsteuer-Senkung, sondern auch durch den Kinderbonus oder eine reduzierte EEG-Umlage hätten die Verbraucher mehr Geld zur Verfügung. Zu hoffen sei, dass das Einfluss auf das Konsumverhalten habe.

„Verbraucher sollten genau überlegen, was sie brauchen und ob sie sich das leisten können“, sagt Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen. Der Vergleich von mehreren Angeboten spare in aller Regel mehr als die Reduzierung der Mehrwertsteuer. „Wirklich sparen kann man nur bei Luxusgütern wie teuren Autos, der neuen Skiausrüstung oder Elektrogeräten. Aber auch hier empfiehlt es sich zu prüfen, ob die Anschaffung in der aktuellen Situation für den Verbraucher überhaupt infrage kommt.“

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