Erstes Schüler-Seminar in neuen Räumen am U-Boot-Bunker „Valentin“ soll Vorbild-Funktion haben Meilenstein für den Denkort

Seit einem Jahr ist der U-Boot-Bunker Valentin in Farge nicht nur eine Gedenkstätte, sondern auch ein sogenannter Denkort. Das dazugehörige Gebäude ist zwar noch nicht ganz fertig, gestern haben aber die ersten Schüler auf den Stühlen in einem der neuen Seminarräume Platz genommen und sich mit der schrecklichen Vergangenheit des Betonklotzes beschäftigt. Eine Premiere, an der auch Bürgermeister Jens Böhrnsen teilnahm. Er selbst hat den Bunker im Alter von ungefähr zwölf Jahren zum ersten Mal gesehen.
11.05.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christina Denker

Seit einem Jahr ist der U-Boot-Bunker Valentin in Farge nicht nur eine Gedenkstätte, sondern auch ein sogenannter Denkort. Das dazugehörige Gebäude ist zwar noch nicht ganz fertig, gestern haben aber die ersten Schüler auf den Stühlen in einem der neuen Seminarräume Platz genommen und sich mit der schrecklichen Vergangenheit des Betonklotzes beschäftigt. Eine Premiere, an der auch Bürgermeister Jens Böhrnsen teilnahm. Er selbst hat den Bunker im Alter von ungefähr zwölf Jahren zum ersten Mal gesehen.

Farge-Rekum. "Ein Tag im Lager - in Blut gebadet - auf immer und ewig. Ein Tag im Lager - mit seiner Pein - hat sich in Wahrheit gekleidet." Poesie, die ein damaliger Sträfling in Farge, André Migdal, späteren Generationen hinterlassen hat. Zeilen, die das Grauen wiedergeben sollten, welches die am Bau des Bunkers beteiligten Zwangsarbeiter erleiden mussten. Zeilen, die nachdenklich stimmen. Genau das ist am "Denkort", diesen Namen trägt der Betonklotz seit gut einem Jahr, ausdrücklich erwünschter denn je.

Gestern vormittag ist mit Beginn der Kooperation zwischen der Wilhelm-Focke-Oberschule in Horn-Lehe und dem U-Boot-Bunker als Denkort ein Meilenstein für den Aufbau des Projektes gesetzt worden: Schüler der Klasse 10a referierten in Gegenwart von Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) in einem der neuen Seminarräume auf dem Bunkergelände über die unterschiedlichsten Themen zur Geschichte des Betonkolosses. Die Historie des Bunkers ist nunmehr fester Bestandteil des Unterrichtsplans der zehnten Klassen an der Horn-Leher Oberschule.

Dass heißt mit anderen Worten, dass für alle zehnten Klassen dieser Oberschule zukünftig der Besuch am Denkort Bunker Valentin in den Jahresplan integriert sein wird. Diese Zusammenarbeit soll richtungsweisend für alle Bremer Schulen sein. Das wünscht sich die Landeszentrale für politische Bildung, die maßgeblich mit der Entstehung und weiteren Ausgestaltung des Denkortes befasst ist. Denn: Mit einer 90-minütigen Führung allein ist es nach Ansicht der Beteiligten nicht getan.

Mit diesem Projekt sei nun eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema möglich, so Sebastian Ellinghaus, stellvertretender Leiter der Landeszentrale für politische Bildung. Böhrnsen, selbst im Bremer Norden aufgewachsen, besuchte den Denkort gestern anlässlich dieses ersten offiziellen Projekttages. "Dass wir so etwas am Bunker tun können, ist beispielhaft", sagte er den Schülern. Der Bürgermeister hofft, dass viele andere Schulen in Bremen dieses Angebot aufgreifen werden. "Interesse an dem Bunker ist sehr wichtig", betonte der Bürgermeister. Er selbst, erzählte Böhrnsen am Rande, war zum ersten Mal im Alter von etwa zwölf Jahren am Bunker. Damals war es für Heranwachsende lediglich ein "geheimnisvoller" Ort mit einem kleinen Weserstrand in der Nähe, ohne dass die Mädchen und Jungen etwas über die unglückselige Geschichte des monströsen Baus wussten. Es soll nun einmal nicht selbstverständlich gewesen sein, dass fragende Kinder nach dem Krieg auch Antworten über Hintergründe zum Bunkerbau bekommen haben. Noch in den 60-er Jahren grüßte Farge die Welt sogar mit einer Postkarte, auf der ein Foto des U-Boot-Bunkers Valentin zu sehen ist. Verharmlosung, aber offenbar keine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit: Das ist es auch, was auch Schülern heutzutage noch so unverständlich scheint. "Warum wurde so viel geschwiegen?", das haben sich gestern auch Oberschüler aus Horn-Lehe gefragt.

Warum wurde so viel geschwiegen

Ab wann ist man ein Nazi? – auch mit dieser Frage hat sich eine Schülergruppe auseinandergesetzt. Zwei andere Jungen wiederum haben sich mit der Biografie des Bunker-Ingenieurs Erich Lackner befasst. Da hakte Böhrnsen ein: "Was hättet ihr ihn gefragt, wenn ihr gekannt hättet"? Warum er nichts gegen das Leid der Zwangsarbeiter unternommen habe, meinten die beiden Jungen.

Die Projekte, an den Schulen am U-Boot-Bunker Valentin teilnehmen können, dauern drei-, beziehungsweise fünf Stunden. Vermittelt werden Informationen über Entstehungsgeschichte, dem Schicksal der Zwangsarbeiter und vieles mehr. Auch die Nachnutzung des Bunkergeländes. Der Denkort, von Bund und Land gefördert, ist für Bürgermeister Jens Böhrnsen aus zweierlei Gründen besonders wichtig: Einmal geht es ihm bei der Thematik um die Herstellung des Bezugs zur Gegenwart: "Was hat das mit uns heute zu tun"? Darüber hinaus erinnere uns der ehemalige U-Boot-Bunker Valentin daran, dass dort viele Menschen ums Leben gekommen seien, sagte er und fragte die Schüler: "Was können wir diesen Menschen geben?". Die Antwort lieferte er selbst: "Dass wir uns an sie erinnern".

Auch im Deutschen Bundesrat befasst man sich heute mit dem U-Boot-Bunker: Es geht darum, die Arbeitsweise der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (kurz Bima) als Verwalterin des Bunkers von engen wirtschaftlichen Fesseln zu befreien. Ziel soll laut Böhrnsen sein, einen Rahmen zu schaffen für eine Nutzung, die nicht auf Gewinn ausgerichtet ist. Normalerweise konzentriert sich die Bima bei der Verwertung von Immobilien auf kaufmännische Grundsätze.

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