Neues Buch über Bremer Gestapo-Mann

„Mein Großvater war kein netter Mensch“

Bernhard Nette hat ein 344-seitiges Buch über seinen Großvater Bruno Nette geschrieben: einst Judenreferent bei der Bremer Gestapo. An diesem Mittwoch liest er daraus in der Zentralbibliothek vor.
05.04.2017, 00:00
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Von Frank Hethey
„Mein Großvater war kein netter Mensch“

Im Einsatz: Bruno Nette (links) als Soldat im Ersten Weltkrieg.

Bernhard Nette

Bernhard Nette hat ein 344-seitiges Buch über seinen Großvater Bruno Nette geschrieben: einst Judenreferent bei der Bremer Gestapo. An diesem Mittwoch liest er daraus in der Zentralbibliothek vor.

Als kleiner Knirps war Bernhard Nette zu Besuch bei seinen Großeltern in Bremen. Ungefähr 1952 müsse das gewesen sein, meint der gebürtige Hamburger, damals sei er sechs Jahre alt gewesen. Noch ziemlich klar steht ihm vor Augen, wie er zum Milchholen geschickt wurde. Anfangs habe man ihn freundlich behandelt. Allerdings nur, bis er seinen Nachnamen nannte. „Plötzlich erstarrte der ganze Laden“, erinnert sich der 71-Jährige. Die eisige Reaktion: „Nettes werden hier nicht bedient!“ Der kleine Bernhard wunderte sich zwar, dachte sich aber nichts dabei. Zumal auch der Großvater gleichmütig auf die Zurückweisung reagierte. „Es gibt auch woanders Milch“, meinte der achselzuckend.

Der gleichmütige Großvater starb im Sommer 1960, sein Enkel studierte Geschichte und wurde Lehrer. Mit einer Oberstufenklasse kehrte er 1987 nach Bremen zurück, es ging in die Böttcherstraße. In einer Buchhandlung blätterte er in dem damals gerade erst publizierten Buch „Bremen im Dritten Reich“ von Inge Marßolek und René Ott. Und stieß dabei unversehens wieder auf seinen Großvater: diesmal als Judenreferent Bruno Nette, einen Gestapo-Mann. „Davon hatte ich bis zu dem Zeitpunkt keine Ahnung“, sagt Bernhard Nette. In der Familie habe man nicht über ihn gesprochen und sich lieber auf die andere, die linke Verwandtschaft berufen.

In aller Unschuld: der 18-jährige Bruno Nette (rechts) mit dem jüngsten Bruder 1905.

In aller Unschuld: der 18-jährige Bruno Nette (rechts) mit dem jüngsten Bruder 1905.

Foto: Bernhard Nette

Seither befasste sich Bernhard Nette immer mal wieder mit dem Fall seines Großvaters, als Ruheständler wälzte er wahre Aktenberge im Staatsarchiv Bremen. Und wartet nun mit einem 344-seitigen Buch auf, dessen Titel „Vergesst ja Nette nicht! – Der Bremer Polizist und Judenreferent Bruno Nette“ lautet. An diesem Mittwoch wird er in der Zentralbibliothek daraus lesen. Und damit ausgerechnet im ehemaligen Polizeihaus, der Wirkungsstätte seines Großvaters.

In seinem Buch räumt Bernhard Nette mit der Unschuldsvermutung von Marßolek und Ott gründlich auf. Die hatten behauptet, sein Großvater sei so etwas wie ein „guter Nazi“ gewesen. Einer, an dessen Händen kein Blut klebte, der sogar noch Juden vor dem sicheren Tod bewahrt habe.

Ganz anders der Eindruck des Enkels. „Mein Großvater war kein netter Mensch“, sagt Bernhard Nette. Schon vor seiner Zeit bei der Gestapo habe er als „Judenjäger“ in Vegesack von sich reden gemacht. „Es machte ihm richtig Spaß, Juden zu entlarven.“ Mit einiger Sicherheit sei sein Großvater nicht nur ein beflissener Beamter gewesen, sondern allen Unschuldsbeteuerungen zum Trotz auch ein Antisemit. „Und ich glaube sogar: ein Sadist.“ Doch wie kommt das anderslautende Urteil von Marßolek und Ott zustande? Für Bernhard Nette ist das ein Werk seines Großvaters. Noch bis 1943 habe der als klassischer Schreibtischtäter zahllose Juden ohne jegliche Skrupel ins Verderben geschickt. „Für den Tod von rund 800 Juden ist er direkt verantwortlich“, schätzt Bernhard Nette.

Das Ende einer Beamtenkarriere: Bruno Nette im April 1945 nach der Verhaftung durch britische Truppen.

Das Ende einer Beamtenkarriere: Bruno Nette im April 1945 nach der Verhaftung durch britische Truppen.

Foto: Bernhard Nette

Erst als sich das Ende des „Dritten Reichs“ abzeichnete, bewahrte er „Halbjuden“ vor der Deportation – freilich nur Erwachsene. „Das muss man sich mal vorstellen“, empört sich Bernhard Nette. „Noch im Februar 1945 schickte mein Großvater kleine Kinder unbegleitet nach Theresienstadt und schützte gleichzeitig Erwachsene.“ Das Kalkül dahinter: „Er stellte sich vor, die könnten sich später für ihn einsetzen.“ Was im Spruchkammerverfahren auch prompt geschah – es schlug die Geburtsstunde der Legende vom „Judenretter“ Bruno Nette.

Die Wahrheit sieht indessen ganz anders aus. Schon im Ersten Weltkrieg sei sein Großvater als Mitglied der Geheimen Feldpolizei mit stark antisemitischen Tendenzen in Berührung gekommen. Danach legte Bruno Nette eine eindrucksvolle Karriere als Kriminalbeamter hin. Bis der damalige Bremer Gestapo-Chef Erwin Schulz ihn 1939/40 engagierte. Das neue Aufgabengebiet nach dem Befehl zur „Endlösung“: als Judenreferent die Todeslisten für den Abtransport in den Osten zu beschaffen.

Eine Aufgabe, die er nicht ohne die Hilfe von Carl Katz bewältigen konnte, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde. Auch dieses brisante Kapitel spielt eine Rolle in Bernhard Nettes Buch. Zwar betont der Autor, der wahre Verbrecher sei sein Großvater gewesen. Gleichwohl attestiert er auch Katz eine zwielichtige Rolle. Katz sei „religiös borniert“ gewesen. Beim Zusammenstellen der Listen für die Deportation nach Minsk habe Katz alte Rechnungen beglichen, er habe es den vermeintlichen Verrätern am jüdischen Glauben heimzahlen wollen. Als Beispiel nennt er den Fall des schwer zuckerkranken Zahnarztes Ludwig Freudenthal. Den habe Katz ohne Not auf die schwarze Liste gesetzt. Der zynische Kommentar an Freudenthals Adresse: „Sie wollten bisher nichts von uns Juden wissen, jetzt werden Sie uns Juden kennenlernen.“

Weil die Gestapo kompromittierendes Material verbrannt hat, schöpft der Buchautor sein Wissen aus Nachkriegsakten. In seinen Augen eine ausreichende Grundlage, um die Vorgänge von damals zu rekonstruieren. Auch im Falle von Katz, der sich der Klagen jüdischer NS-Opfer erwehren musste. Eine aberwitzige Situation: „Zur gleichen Zeit, als die NS-Täter nach und nach aus der Haft entlassen wurden, drohte dem jüdischen Gemeindevorsitzenden gerichtliche Verfolgung.“ Nach Nettes Eindruck hätten sich die früheren NS-Juristen nur allzu gern an Katz abgearbeitet. Doch die US-Militärregierung habe das unterbunden. Ebenso wie später Bürgermeister Wilhelm Kaisen, der die Klage eines jüdischen Funktionärs aus Hamburg gegen Katz verhinderte. Ein juristisches Nachspiel hatte die braune Vergangenheit natürlich auch für Bruno Nette. Mit Beginn des Kalten Krieges wollte man von den Altlasten allerdings nichts mehr wissen, der frühere Judenreferent wurde schrittweise rehabilitiert. Im ersten Spruchkammerverfahren sei sein Großvater noch als „Haupttäter“ eingestuft worden, zum Schluss nur noch als „Mitläufer“.

Rechnet mit seinem Großvater Bruno Nette ab, dem Gestapo-Mann: Bernhard Nette (71), Lehrer und Journalist aus Hamburg.

Rechnet mit seinem Großvater Bruno Nette ab, dem Gestapo-Mann: Bernhard Nette (71), Lehrer und Journalist aus Hamburg.

Foto: Stadtbibliothek Bremen

Und wie geht es dem Enkel mit dem Wissen um seinen schrecklichen Großvater? „Schlecht“, sagt Bernhard Nette. Zumal auch aus dem Privatleben des Judenreferenten nichts Erfreuliches zu berichten ist. „Zu Hause war er ein echter Tyrann, ein Schläger.“ Dennoch hat das Buch eine kathartische Wirkung auf den Autor gehabt. „Es geht mir jetzt besser, nachdem ich es geschrieben habe.“


Aus seinem Buch „Vergesst ja Nette nicht! – Der Bremer Polizist und Judenreferent Bruno Nette“ liest dessen Enkel Bernhard Nette um 19 Uhr im Wall-Saal der Zentralbibliothek, Am Wall 201. Der Rechtshistoriker Christoph Schminck-Gustavus leitet die Lesung ein. Besucher werden gebeten, den Zugang Am Wall zu benutzen. Der Eintritt ist frei.
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