Hitlers Buch als Symbol "Mein Kampf": "Der Mythos ist stärker als der Inhalt"

Der Historiker Roman Töppel hat an der kommentierten Ausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf" mitgearbeitet. Im Vorfeld eines Vortrages in Bremen sprach er mit dem WESER-KURIER über das Buch.
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Von Eike Wienbarg

Der Historiker Roman Töppel hat an der kommentierten Ausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf" mitgearbeitet. Im Vorfeld eines Vortrages in Bremen sprach er mit dem WESER-KURIER über das Buch.

Herr Töppel, mehr als 70 Jahre gab es keine Neuauflage von Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“. Ist es so gefährlich?

Roman Töppel: Das glaube ich nicht. Der Verfassungsschutz hat vor Kurzem berichtet, dass das Buch in der rechten Szene inhaltlich keine Rolle spielt – vielleicht eher als Symbol. Die Inhalte werden aber in der Szene kaum rezipiert. Gefährlich könnte es höchstens für unbedarfte Leser sein, die an eine unkommentierte Ausgabe herangehen. Es gibt bestimmte Stellen, die heute vielleicht noch Beifall finden würden. Wenn Hitler zum Beispiel über Politiker herzieht oder sich fremdenfeindlich äußert. Wenn der Leser die Hintergrundinformationen nicht kennt, könnte er denken: Der Hitler ist gar nicht so dumm gewesen, eigentlich hatte er schon recht, das klingt doch alles ganz vernünftig.

Ist es vielleicht eher der Mythos um das Buch, der es so interessant gemacht hat?

Das ist der entscheidende Punkt. „Mein Kampf“ ist ein Symbol. Wenn man sich anschaut, was Hitler in seinen Reden verbreitet hat, findet man nichts wesentlich Anderes. Die Reden von ihm sind zum großen Teil schon ediert. Darin finden sich teilweise noch krassere Aussagen. Daran hat niemand Anstoß genommen. Viele, mit denen ich während der Projektarbeit gesprochen habe, haben geglaubt, es sei wirklich ein verbotenes Buch. Der Mythos ist stärker als der Inhalt.

Sie haben sich umfassend mit dem Werk beschäftigt. Konnten Sie einige Passagen noch schockieren?

Es gab durchaus Passagen, die schockiert haben, wenn man mit dem Hintergrundwissen von heute herangeht. Wir wissen, was in Auschwitz passiert ist, und was Hitler umgesetzt hat. Es ist schockierend, wie offen er es damals schon geäußert hat. Was aber nicht automatisch heißt, dass die Menschen, die es damals gelesen haben, schon alles wissen konnten. Sie hatten unser heutiges Ex-Post-Wissen nicht. Schockierend ist auch der krasse Sozialdarwinismus. Hitler verficht offen Kriege um Lebensraum im Osten. Das ist schon sehr drastisch und eindeutig. Die ganze Weltanschauung ist verbrecherisch.

Macht eine solche Arbeit überhaupt Spaß?

Am meisten Spaß gemacht hat das Widerlegen – wenn man zeigen konnte, dass Hitlers Ideen schon in der damaligen Zeit überholt waren, gerade in der Biologie. Er verbreitete Unwahrheiten, die auf einem völlig veralteten Forschungsstand beruhten. Und was mir auch großen Spaß gemacht hat, war eben dieses Buch durch die intensive Beschäftigung neu zu entdecken. Wir haben viel Neues gelernt und immer wieder Aha-Erlebnisse gehabt.

Ist der zweite Mythos, dass das Buch oft nicht gelesen wurde, überhaupt noch zu halten?

Nein, das ist ein Nachkriegsmythos und eine Schutzbehauptung. Erstens impliziert das: Wenn wir es gelesen hätten, dann hätten wir vielleicht gewusst, was kommt. Das ist schon deshalb Unsinn, weil Hitler in seinen Reden auch nicht viel Anderes gesagt hat. Das Zweite ist: Die Behauptung, „Mein Kampf“ sei ein ungelesener Bestseller, ist auch überholt. Einerseits haben wir die Rezensionen in der Presse. Das Buch wurde breit wahrgenommen und besprochen. Das Zweite sind die Bibliotheken. Mein Kollege Othmar Plöckinger hat sich die Bibliothekskataloge und die Ausleihen angeschaut und festgestellt, dass das Buch in einigen Bibliotheken dauerhaft ausgeliehen war, und man leiht sich kein Buch aus, um es in den Schrank zu stellen. Das Dritte ist, dass man Exemplare von „Mein Kampf“ findet, wo Marginalien drin sind oder Menschen in ihr Tagebuch geschrieben haben, dass sie es gelesen haben. Eine weitere Quelle, die am meisten überzeugt, ist eine Umfrage von 1946 in der amerikanischen Besatzungszone. Wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war es nicht mehr opportun, dass man das Buch gelesen hat, aber damals haben immerhin noch sieben Prozent zugegeben, dass sie „Mein Kampf“ komplett gelesen haben. 16 Prozent haben es in Teilen gelesen. Wenn man das auf die lesefähige Bevölkerung des Deutschen Reiches hochrechnet, kommt man auf mehrere Millionen Leser.

Wie haben Zeitzeugen und Holocaust-Überlebende auf die neue Herausgabe reagiert?

Das ist sehr unterschiedlich. Zum Beispiel hat sich Charlotte Knobloch sehr stark gegen unsere Edition gewandt und wollte sie verhindern. Sie sagte, sie hätte in Israel mit Holocaust-Überlebenden gesprochen, die diese Edition nicht wollten. Ich vermute, dass diese gar nicht wussten, was wir machen. Wir hatten aber auch von jüdischer Seite viele Befürworter und jüdische Mitarbeit. Ich hatte die Gelegenheit, mich mit einem jüdischen Professor aus Australien zu unterhalten, der mir ins Gesicht sagte, er sei gegen die Edition. Ich habe ihm erklärt, dass wir Hitlers Text Stück für Stück widerlegen, und dass unsere Schrift eine regelrechte Anti-Mein-Kampf-Schrift ist. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Wir haben überwiegend positive Rückmeldungen. Ich bin viel unterwegs zu Vorträgen. Die breite Öffentlichkeit steht doch sehr hinter unserer Edition.

Wer sind die Kritiker? Gab es Reaktionen aus dem rechtsextremen Lager?

Das sind eher Einzelmeinungen. Wir haben erwartet, dass der große Sturm von rechts kommt, aber bei Veranstaltungen waren die Kritiker eher aus dem ganz linken Spektrum. Ich hatte noch keinen einzigen Rechtsradikalen, der mich beschimpft hat.

Kann eine kommentierte Edition Menschen, die schon ein gefestigtes rechtsextremes Weltbild haben, überhaupt erreichen?

Ich fürchte nicht. Die werden sich das gar nicht anschauen und von Anfang an sagen: Das sind irgendwelche Linken, und wenn sie dann noch sehen, dass wir jüdische Mitarbeiter hatten, dann werden sie das gar nicht in die Hand nehmen.

Eignet sich der Text als Unterrichtsstoff für Schüler?

Auf jeden Fall. Wir haben einen Brief vom bayrischen Lehrerverband bekommen, und ich wurde von Lehrern angesprochen, die gesagt haben, das Buch eigne sich sehr gut für den Unterricht. Natürlich nicht das ganze Buch, aber einige bekannte Auszüge, zum Beispiel zum Lebensraum im Osten oder über die Juden.

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Kann die kritische Auseinandersetzung mit dem Buch helfen, heutige rechtspopulistische Entwicklungen besser zu verstehen?

Ich habe mich das vor allem für das Ausland gefragt. Ich habe immer wieder gelesen, dass gerade in Ländern wie Indien Hitler verehrt wird. Deswegen würde ich mir wünschen, dass unsere Edition auch dort erscheint. Möglich wäre es, mit unserer Edition die Leute ein bisschen zu sensibilisieren, weil Hitler sehr viel über seine Propagandataktik preisgibt, und wie er Leute beeinflusst. Da wird er erstaunlich offen. Das sind ganz platte Sachen, die er wiederholt. Er nutzte einfache Schlagwörter, permanente Wiederholungen, bleibt holzschnittartig und präsentiert Schwarz-Weiß-Malereien. Da könnte man schon Beispiele für die heutige Zeit bringen. Man sollte viel differenzierter argumentieren, alles hinterfragen und immer vorsichtig sein, wenn es um platte Schlagworte geht.

Das ist ja durchaus heute noch ein verbreitetes Muster in rechtspopulistischen Kreisen.

Genau, und in unserer Edition zeigen wir am wohl berühmtesten Beispiel Adolf Hitler, wie einseitig und unhaltbar das ist.

Das Gespräch führte Eike Wienbarg.

Auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Liberalen Gesellschaft Bremen ist der Historiker Roman Töppel diesen Dienstag, 1. November, zu Gast in Bremen. In der Zeit von 19 bis 21 Uhr spricht er im Bremer Presse-Club, Schnoor 27/28, über Hitlers „Mein Kampf“ und die neue kommentierte Edition.

Zur Person

Roman Töppel hat Geschichte und Politikwissenschaft studiert und im Fach Neuere und Neueste Geschichte promoviert. Danach war er Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München. Zurzeit ist er als Freier Historiker tätig.
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