Chefchoregraf Samir Akika sprach auf Einladung der Theaterverstärker über sich und seine Arbeit „Mein Leben ist ein Omelette!“

Ostertor. Samir Akika, seit Beginn der Intendanz von Michael Börgerding Chefchoreograf am Theater Bremen, hat beim „Theaterklatsch“ auf Einladung der Theaterverstärker im „Noon“ sehr persönliche Einblicke in sein Leben und seine Arbeit gegeben. „Der Tanz ist eine riesige Entscheidung.
12.01.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sigrid Schuer

Samir Akika, seit Beginn der Intendanz von Michael Börgerding Chefchoreograf am Theater Bremen, hat beim „Theaterklatsch“ auf Einladung der Theaterverstärker im „Noon“ sehr persönliche Einblicke in sein Leben und seine Arbeit gegeben. „Der Tanz ist eine riesige Entscheidung. Man hat als Tänzer kein Geld und keine Sicherheit“, sagte er. „Außerdem wird man zum schwarzen Schaf der Familie abgestempelt. Der Tanz ist wie ein Monster, das einen mit Haut und Haaren verschlingt.“

Der Generalintendant gewährt dem gebürtigen Algerier, der in den Pariser Banlieus aufgewachsen ist, die künstlerische Freiheit, die er braucht für seine Tanz-Philosophie vom Austausch und der Durchmischung der Kulturen. „Ich bin nicht der Choreograf, der einen Stil kultiviert, wie das beispielsweise Akram Khan in Perfektion beherrscht“, sagt Samir Akika. „ Allerdings warte ich noch auf einen reifen Hip- Hop-Choreografen. Denn ich verfüge noch nicht über ihre choreografische Sprache!“

Akram Khan wird international als einer der innovativsten Choreografen gehandelt. So viel künstlerische Freiheit wie am Theater Bremen hatte Samir Akika allerdings längst nicht immer. Der tanzende Underdog mit der Vorliebe für die Breakdance- und Hip Hop-Avantgarde der osteuropäischen Szene, musste sich im wahrsten Sinne des Wortes durchbeißen.

„Belleville“, seine jüngste Choreografie, die am Freitag, 27. Februar, im Kleinen Haus zum letzten Mal zu sehen ist, ist nach einem multikulturellen Pariser Quartier benannt. Theaterfotograf Jörg Landsberg zeigt bis Ende Februar im Foyer des Theaters am Goetheplatz eine Foto-Ausstellung zu der Produktion.

Eine seiner ersten Erfahrungen als Choreograf sei gleich eine der bittersten und prägendsten gewesen, berichtete Samir Akika beim „Theaterklatsch“. Bei seinem allerersten Gastspiel bei der Deutschen Tanzplattform in der Hamburger Kampnagel-Fabrik habe er sich von den Profis förmlich fertig gemacht gefühlt: „Es hat mich viele Jahre gekostet, mich davon zu erholen. So etwas kann dich zerstören.“Mit Nachdruck fügte er hinzu: „Tanz ist ein Geschäft, Politik, die reinste Mafia!“

Zwar fühlt sich Akika in der Tanzsparte des Theaters Bremen angekommen. Der Druck, im Stadttheaterbetrieb regelmäßig neue Choreografien in Premieren präsentieren zu müssen, sei indes enorm, der Zeitrahmen für die Verlängerung der Einjahres-Verträge eng bemessen. „Ich muss immer daran denken, dass meine Compagnie ,Unusual Symptoms’ an mir hängt.“ Der Erfolgszwang sei nicht eben förderlich, um künstlerische Risiken einzugehen. „Wir sollten das Recht haben, auch mal einen Misserfolg zu produzieren. Außerdem entwickeln sich die Choreografien ja nach der Premiere immer noch weiter.“

Sein elfmonatiges Töchterchen helfe ihm dabei, kurze depressive Phasen und Burnout-Ängste zu überwinden. „Denn manchmal habe ich das Gefühl: Mein Leben ist ein Omelette!“, seufzte Samir Akika. Als Gastgeschenk überreichten ihm die Theaterverstärker einen Golfschläger. „Beim Golfspielen und im Swimming Pool kann ich am besten entspannen“, erzählte der Choreograf. Nach seinen Idolen befragt, musste er nicht lange überlegen: „Marlon Brando und Michael Jordan, das waren meine Helden! Eigentlich wollte ich Basketballspieler werden!“

Als Austauschstudent war er von Paris nach Florida gegangen, hatte in Miami wie zuvor in Paris Physik, Mathematik und Sport studiert, darauf hatte sein Vater bestanden. „Er dachte, eine Laufbahn als Ingenieur sei der ideale Berufsweg für mich, und begann mich unter Druck zu setzen.“ Und so kam Akika erst spät zum Tanz und zum Studium an der Folkwang Hochschule in Essen. Berühmte Choreografinnen wie Pina Bausch, Meg Stuart (USA) und Anne Teresa De Keersmaeker (Belgien) haben bei ihm auf unterschiedliche Weise Eindruck hinterlassen Als seine Tanzgötter bezeichnete Samir Akika im „Noon“ Testosteron geladene Tänzer, wie sie in dem Ballett „Spartacus“ zu erleben sind. „Sonst fand ich es eigentlich immer enttäuschend, was Männer so auf der Bühne zu tanzen haben!“ sagte er. Ein weiterer Tanzgott war für ihn das legendäre Ausnahmetalent Waslaw Nijinskij, der als Tänzer und Choreograf bei den Ballets Russes mit zu seiner Zeit skandalumwitterten Choreografien wie „L’après-midi d’un faune“ und „Le sacre du printemps“ Furore machte. „Als ich studierte, habe ich von allem geträumt, was Nijinskij tat“, erzählte Akika, der auch lieber „sehr leidenschaftlich und provozierend statt konform“ ist.

Nächste Ausgabe der Theaterverstärker: Montag, 26. Januar, um 17 Uhr im „Noon“ im Foyer des Kleinen Hauses des Theaters Bremen. Zu Gast sind dann die Dramaturginnen Katinka Deecke und Regula Schröter. Der Eintritt ist frei. Theaterfotograf Jörg Landsberg präsentiert seine Bilder der Tanzproduktion „Belleville“ bis Ende Februar im Foyer des Theater am Goetheplatz.

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