Isoliertes Kreuzfahrtschiff

Auf schwankendem Boden

Die Besatzung von „Mein Schiff 4“ steckte auf See zwei Monate in der Isolierung und geht in Bremerhaven nun von Bord.
15.05.2020, 07:00
Lesedauer: 3 Min
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Auf schwankendem Boden
Von Jürgen Hinrichs
Auf schwankendem Boden

Das Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 4“ hat in Bremerhaven festgemacht, damit ein Teil der Besatzung von Bord gehen und nach Hause fliegen kann.

Louis Kellner

Rund 1000 Frauen und Männer, die zu einem großen Teil noch nie in ihrem Leben für längere Zeit auf See waren und nun schon seit zwei Monaten an Bord festsitzen – das ist die Situation der Besatzung von „Mein Schiff 4“. Doch nun wird die Crew erlöst, zu einem Teil jedenfalls. Dafür hat das Kreuzfahrtschiff in Bremerhaven festgemacht. Das erste Mal wieder Landgang, verbunden mit der Rückreise in die Heimat. Ein glückliches Ende der Isolation, die aus Vorsichtsgründen im Zusammenhang mit der Corona-Krise veranlasst worden war.

„Viele Crewmitglieder aus unseren Hotelabteilungen sind nie richtig zur See gefahren“, sagt Jan Fortun, Kapitän auf „Mein Schiff 4“, „die psychische Belastung und Unsicherheit ist daher bei vielen groß.“ Fortun stand dem WESER-KURIER am Donnerstag für ein schriftliches Gespräch zur Verfügung. Für ihn sei die Seelenverfassung seiner Leute aktuell sicherlich die größte Herausforderung, so der Kapitän. „Wir hören zu und nehmen das sehr ernst.“ Gemeinsam mit seinen Kollegen vom Management versuche er, einen gesunden Mix aus sinnvoller Arbeit und gesteuerter Freizeit zu finden. Wichtig sei auch gutes Essen. Einen Lagerkoller habe er nicht feststellen können, wohl aber vereinzelte Konflikte, was unter diesen Umständen niemanden wundern dürfte. Es habe nicht mehr disziplinäre Maßnahmen als gewöhnlich gegeben. Tendenziell sogar weniger.

Das Kreuzfahrtschiff lag die ganze Zeit in der Deutschen Bucht. Dorthin wird die Reise mit einem Teil der Crew auch wieder gehen, wenn in Bremerhaven alles erledigt ist, was nach Angaben von Tui Cruises wahrscheinlich am Sonnabend der Fall sein wird. Nach und nach gehen die Besatzungsmitglieder, die nicht mehr gebraucht werden oder das Schiff unbedingt verlassen wollen, von Bord. Die meisten werden zum Flughafen nach Hamburg gebracht, um von dort, wenn möglich, den Rückflug in die Heimat anzutreten.

Die Heimreisen sind ein schwieriges Unterfangen, weil die Zielländer wegen Corona unterschiedlich strenge Regeln für die Aufnahme ihrer Bürger haben. Für jede Gruppe, in Einzelfällen sogar jede Einzelperson, müssen zunächst die Bedingungen recherchiert werden. „Wir haben Besatzungsmitglieder aus mehr als 40 Nationen“, berichtet Kapitän Fortun, „von Albanien bis Zimbabwe ist alles dabei.“ Tui Cruises spricht von einer „logistischen Herausforderung“. Teilweise sei das Unternehmen noch immer nicht in der Lage, allen Besatzungsmitgliedern eine geordnete Rückreise in ihre Heimatländer zu ermöglichen. „Wir sind aber sehr froh, dass es uns in den vergangenen Tagen gelungen ist, mehr als 1500 Menschen flottenweit in größtenteils von uns gecharterten Maschinen zurück nach Hause zu bringen“, erklärt eine Unternehmenssprecherin.

Auf „Mein Schiff 4“, wo es anders als auf dem Schwesterschiff „Mein Schiff 3“, das an der Pier in Cuxhaven liegt, keinen Fall von Corona gab, sind die Crewmitglieder in die Gästekabinen gezogen. In dem Bereich sind nach Darstellung des Kapitäns einzelne Bars und Restaurants geöffnet. Für Unterhaltung sei auch gesorgt. Ein Streichquartett gebe Konzerte, das Show-Ensemble biete Tanzstunden an. Zusätzlich komme viel aus der Mannschaft heraus. Die Kollegen würden in Kursen ihre Fähigkeiten weitergeben, beim Malen zum Beispiel. Es gebe Karaoke und Bingo-Abende.

Weil kein Corona an Bord ist und es außer den streng kontrollierten Besuchen von Lotsen, Schiffsagenten oder Vertretern der Hafenbehörden keinen Kontakt zur Außenwelt gibt, kann die Crew Angebote wahrnehmen, die an Land zum größten Teil noch verboten sind. Sauna und Fitnessstudio sind geöffnet.

Ablenkung, die not tut, denn neben der Isolation auf See sind es auch die Nachrichten vom Festland, die auf die Stimmung drücken. Die Tui, Mutterkonzern von Tui Cruises, hat angekündigt, 8000 Mitarbeiter zu entlassen. Kreuzfahrten, so sie denn wieder anlaufen, werde es vorerst nur mit einer Belegung von maximal 1000 Passagieren geben. Auf „Mein Schiff 4“, das vor fünf Jahren in Dienst gestellt wurde, passen 2500. Weniger Passagiere bedeutet weniger Besatzung. Schlechte Aussichten also. „Mein Schiff 4“ würde laut Plan nach fast dreimonatiger Pause am 25. Juni das erste Mal wieder ein touristisches Ziel anlaufen. Ankunft wäre in Norwegen.

Auf „Mein Schiff 3“, das am 28. April in Cuxhaven festgemacht hat, war zwei Tage später der erste Corona-Fall festgestellt worden. An Bord hielten sich zu der Zeit 2900 Besatzungsmitglieder auf und keine Passagiere mehr. Die Crews waren von mehreren Kreuzfahrtschiffen zusammengezogen worden. Am Ende der Corona-Tests zählten die Behörden an Bord neun Menschen, die sich mit dem Virus infiziert hatten. Sie sind bei mildem Verlauf der Erkrankung in Kliniken bei Bremerhaven und in Cuxhaven gebracht worden. Am 8. Mai haben nach Angaben von Tui Cruises die Rückreisen der Besatzungsmitglieder begonnen. In einem ersten Schwung sind Flüge für rund 1200 Menschen geplant worden.

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