Stadtgespräch: Roma-Autorin Jana Hejkrlíková ist in zwei Welten aufgewachsen

„Meine Prosa ist ein Gedächtnis“

Wenn Roma-Autoren erzählen, eröffnet sich den Zuhörern eine eigene Welt. In ihr spielen Großmütter, Rituale und Traditionen eine wichtige Rolle, aber auch die Erfahrungen mit Vorurteilen und Ausgrenzung. Jana Hejkrlìková, die gestern in Bremen zu Gast war, lebt mit den Konflikten.
27.03.2014, 00:00
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„Meine Prosa ist ein Gedächtnis“
Von Frauke Fischer
„Meine Prosa ist ein Gedächtnis“

Die Roma-Autorin Jana Hejkrlíková aus Tschechien berichtete in Bremen von ihrer Kindheit und der Gegenwart in ihrem Geburtsland.

Frank Thomas Koch

Wenn Roma-Autoren erzählen, eröffnet sich den Zuhörern eine eigene Welt. In ihr spielen Großmütter, Rituale und Traditionen eine wichtige Rolle, aber auch die Erfahrungen mit Vorurteilen und Ausgrenzung. Jana Hejkrlìková, die gestern in Bremen zu Gast war, lebt mit den Konflikten.

Warum kommt eine Roma aus Tschechien nach Deutschland, um aus ihren Kurzgeschichten über die eigene Kindheit zu lesen? Für Jana Hejkrlíková gibt es viele Antworten darauf. Ein wichtiges Anliegen für sie ist schlicht die Verbreitung einer Tatsache: „Dass es auch unter den Roma Schriftsteller gibt.“ Es geht der 55-Jährigen wie ihren Kollegen, mit denen sie gestern Abend im Europapunkt Bremen im Haus der Bürgerschaft Kurzgeschichten las, um Aufklärung, um Verständnis und das Verstehen einer Kultur, einer Minderheit, die es auch im heutigen Tschechien – und nicht nur dort – noch in vielerlei Hinsicht schwer hat.

Und sie sagt auch: „Meine Prosa ist ein Gedächtnis.“ Und wenn die 55-Jährige aus ihrer Kindheit erzählt, von der Rolle ihrer Oma, von der Großfamilie und den Ritualen, vom „Prager Frühling“ und der „Normalisierung“ danach, dann wird Satz für Satz klar, wie sehr die Reibung zwischen ihrer Kultur und der der tschechischen Mehrheit ihre Persönlichkeit geprägt hat. „Als ich klein war, war mein Leben ganz anders als anderswo in der Tschechei“, lässt sie Veronika Patocková, Mitinitiatorin der Lesetour, beim Gespräch am Nachmittag ins Deutsche übersetzen. So lebte Jana Hejkrlíková mit Mutter, Geschwistern, Onkeln und Tanten, Cousinen und Cousins in einem Haus zusammen. „Da konnte man sich nicht verstellen, nicht zurückziehen. Alle waren um einen herum.“ Das sehe das Gesetz der Roma so vor. Die Familie als Schutzort, als Heimat.

Doch die Situation änderte sich mit der sogenannten Normalisierung nach dem Prager Frühling. Roma-Großfamilien wurden auseinandergerissen, in kleinen Familien umgesiedelt. „Seitdem lebte ich in zwei Welten“, sagt Hejkrlíková. Und selbst in der Übersetzung bleiben die Eindringlichkeit ihrer Worte und die Schönheit der Formulierungen erhalten. „In der Schule mussten wir tun, als wären wir Tschechen“, sagt sie. Ihre Sprache war verboten. Die meisten Roma-Kinder wurden zu Sonderschulen geschickt, auch heute noch sei das oft so.

Häufig, das hat Hejkrlíková an tschechischen Schulen erlebt, seien es schlichte Missverständnisse zwischen den Kulturen, die zu Ablehnung und Ausgrenzung führten. So sage man sich unter Roma nicht Guten Morgen. „Wir gucken uns einfach schön an“, erklärt Hejkrlíková. Und fürs Essen bedanke sich niemand und bitte auch nicht darum. Es sei für Roma selbstverständlich, Essen zu nehmen. „Gott dankt mir, wenn ich anderen etwas gebe.“ Aber in der Schule habe es geheißen: Die Zigeuner können sich nicht benehmen. Dabei plädiert die Autorin nicht dafür, diese Verhaltensregeln in der Schule zu tolerieren. „Aber man könnte den Roma-Kindern gleich sagen: Hier machen wir es anders.“

Wichtig war für Hejkrlíkovás Werdegang auch ein tschechischer Lehrer, der sie unterstützte, ihr Bücher gab, über ihre eigene und die tschechische Kultur. „Er hat mir gesagt: Bleib, wer du bist, und lerne. So kommst du weiter.“ Das Lernen und Weiterkommen – es ist auch für die nächste Generation wichtig. „Ich habe meinen Kindern gesagt: Ihr müsst besser lernen als die anderen“, erinnert sich Hejkrlíková an Situationen, wenn die Kinder aus der Schule heimkehrten und über Beschimpfungen klagten. Noch heute geschehe es, dass Roma in tschechischen Restaurants keinen Platz bekommen. Abgebaut seien Vorurteile und Ausgrenzung nicht. Im Gegenteil, fürchtet sie. Dabei gilt für die Frau, die unter anderem in der Staatsverwaltung und im Schulministerium im Bereich Integration arbeitete, ein Leitsatz: „Es gibt keine Unterschiede zwischen Roma und Nicht-Roma. Alle sind Menschen.“

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