Muslime über das Sexverbot im Koran „Meine Religion muss ich niemandem beweisen“

Bremen. Der Koran gibt vor, dass Muslime keusch in die Ehe gehen sollen: Sex vor der Ehe ist tabu. Eigentlich. Denn viele junge Türken finden ihre eigenen Wege, mit diesem Gebot umzugehen.
26.09.2012, 07:19
Lesedauer: 4 Min
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Von Helge Dickau

Bremen. Der Koran gibt vor, dass Muslime keusch in die Ehe gehen sollen: Sex vor der Ehe ist tabu. Eigentlich. Denn obwohl viele sagen, dass die türkische Gemeinschaft in Deutschland religiöser geworden ist, finden junge Türken ihre eigenen Wege, mit diesem Gebot umzugehen. Zwei von ihnen erzählen aus ihrem Leben zwischen Religion, Tradition und Partnerschaft.

„Ich bin mir sicher, dass meine Mutter weiß, dass ich mit meiner Freundin intim bin“, sagt Evrim Boyaci (Namen von der Redaktion geändert). Aber darüber reden? „Nie, nicht einmal ansatzweise.“ Denn dann wäre es offiziell, und das soll es nicht werden, noch nicht. Evrim Boyaci ist 23, seine Freundin ein Jahr jünger. Sie sind seit fünf Jahren ein Paar, mit allem, was dazu gehört. Nur verheiratet sind sie nicht, noch nicht.

Boyaci beschreibt sich selbst als gläubigen Muslim, und deshalb wäre ihm diese Form des Zusammenlebens mit einer Frau eigentlich verboten: Der Koran ist nicht in allen Punkten eindeutig, in diesem aber schon: Wer niemanden zum Heiraten findet, solle keusch bleiben, steht in Sure 24, Vers 33. Das gilt für beide Geschlechter, auch wenn in der Praxis der Druck eher auf den Frauen lastet. „Bei Männern wäre Sex vor der Ehe nicht so toll“, sagt Boyaci. „Bei Frauen wäre es eine Katastrophe.“

Ob es tatsächlich katastrophal für Muslime ist, „unrein“, „berührt“ oder wie immer man vorehelichen Geschlechtsverkehr auch beschreiben mag, in die Ehe zu gehen, hängt davon ab, wie konservativ sie denken. „Die Moscheen sind liberaler geworden“, sagt Cemal Kocas, der im Hemelinger Jugendzentrum „Ein Haus für unsere Freundschaft“ arbeitet. „Damit sie ihren Nachwuchs nicht verlieren.“ Mittlerweile treten Hip-Hop-Gruppen in Moscheen auf, es werden Gitarrenkurse angeboten – vor ein, zwei Jahrzehnten wäre das noch undenkbar gewesen. „Da werden gewisse Dinge toleriert“, sagt Kocas. So habe jedes zweite Mädchen, das er kennt, einen Freund, ohne ihre Beziehung verheimlichen zu müssen.

Evrim Boyaci ist in Bremen geboren, seine Eltern sind hierher gezogen, als sie selbst noch jung waren. Auch in seiner Familie werden gewisse Dinge toleriert, aber nicht alles wird ausgesprochen. Seine Verwandten kennen die Freundin. Wie eng sie dort, wo sie studieren, zusammen leben – im selben Wohnheim und daher auch so gut wie in derselben Wohnung – wissen sie nicht. Das Paar war mit seiner Familie im Urlaub, bekam aber selbstverständlich getrennte Zimmer. Und vor allem in ihrer Familie gibt es gewisse Heimlichkeiten. „Das Problem ist ihr Vater“, sagt Boyaci, „der darf das nicht wissen.“ Erst wenn sich die beiden verloben, wird er erfahren, dass seine Tochter einen Partner hat.

Es geht um die Ehe und um ein Leben, das den Lehren des Korans entspricht, aber es geht auch darum, was das Umfeld denkt. Und beides hängt zusammen. „Es ist wichtig, das Gesicht zu wahren“, sagt Boyaci. So sei es bei den Großeltern schon deutlich schwieriger, „die sind sehr konservativ“. Die kennen, wenn es um die Freundin geht, vor allem zwei Fragen: Wann wird geheiratet? Und: Was macht ihr Vater? Das Thema Sex, zumal vor der Ehe, sei für Oma und Opa absolut tabu, „das Peinlichste überhaupt“, sagt er.

Sich selbst von diesem Tabu freizumachen, sei ihm und seiner Freundin anfangs sehr schwer gefallen. „Man wächst damit auf, dass es verboten ist. Und es dauert, bis man merkt, dass das Quatsch ist.“ Nur schwanger werden, das ginge nicht – dann würde seine Freundin das Kind abtreiben lassen, ist sich Boyaci sicher.

Die türkische Gesellschaft in Deutschland wird religiöser, sagt Cemal Kocas – im Gegensatz zu der in der Türkei. Das habe auch mit „Ausgrenzungsmechanismen der Mehrheitsgesellschaft“ zu tun: Wer sich als Minderheit betrachtet und auch so behandelt fühlt, findet seine Identität oft in Traditionen. So haben zwar viele Mädchen einen Freund, aber viele bedecken auch ihr Haar, viel mehr und viel jüngere Frauen als in der Türkei. „Das Kopftuch ist ein Symbol für Reinheit geworden“, sagt Kocas. Ein Freund, ja – aber trotzdem keusch.

Gülsah Yildiz* trägt kein Kopftuch, obwohl auch sie Muslima ist und das, was andere als „rein“ bezeichnen. „Religion ist Herzenssache, das muss ich niemandem beweisen“, sagt die junge Frau. Sie kennt noch ein anderes Symbol, das ihr gegen den Strich geht. Bei türkischen Hochzeiten sei es üblich, dass die Braut als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit ein rotes Band trage. Diese Tradition komme aus der Region um die türkische Stadt Izmir, in Deutschland sei es mittlerweile in der gesamten türkischen Gemeinschaft verbreitet. „Das finde ich total schräg, das ist doch schon Missbrauch“, sagt Yildiz, die mit 14 Jahren aus der Türkei nach Bremen gekommen ist. Hier lebt sie zusammen mit ihrer Mutter. Yildiz ist 23 und hatte auch schon einen Freund, mit dem sie ein paar Jahre zusammen war. Sex hatten sie nicht: „Ich habe mich dagegen entschieden.“ Wenn sie wieder einen Partner finden würde, wäre das heute vielleicht anders, sagt sie. „Aber nur, wenn ich mir sicher wäre, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben.“ Denn letztlich wolle sie, wenn sie den Richtigen findet, auch heiraten: „Die Ehe finde ich schön und wichtig.“

Es sei noch nie passiert, dass sie schief angeschaut wurde, allerdings habe sie auch darauf verzichtet, Hand in Hand mit ihrem Freund durch ihre Straße zu laufen. „Man passt sich an und dann gibt’s keine Probleme“, sagt Yildiz lapidar. Außerdem habe sie noch ihre Mutter, eine starke Frau, die hinter ihrer Tochter stehe und nichts auf die Meinung der Nachbarn gebe.

Doch Gülsah Yildiz hat auch Freundinnen, bei denen das anders ist. Und sie kennt Geschichten, wie die eines Mädchens, dass vor der Ehe Sex und dann Angst hatte, dass ihr Zukünftiger es herausbekommen könnte. Das Mädchen habe sogenannte Blutkapseln im Internet bestellt, erzählt Yildiz, die in der Hochzeitsnacht die Jungfräulichkeit vortäuschen sollen. Doch aus dem Trick wurde nichts. Der Bräutigam fand es vorher heraus, dem Mädchen blieb nichts anderes übrig, als Rat bei ihrem Vater zu suchen. „Und der hat gesagt: Wenn dein Mann dich wegen so etwas nicht will, dann soll er aus unserer Familie verschwinden – das fand ich super“, sagt Gülsah Yildiz.

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