Film gewährt Einblick in die Arbeit von Refugio / Beratungszentrum für traumatisierte Flüchtlinge ist auf Spenden angewiesen

Menschen können Folter nicht vergessen

Die Bremer Filmemacherin Beate Neuhaus hat im Jahr 2006 sechs Flüchtlinge, die durch Kriegserlebnisse, Folter und Flucht stark traumatisiert worden sind, begleitet. Aus Anlass der Integrationswoche hat Refugio, das Beratungs- und Behandlungszentrum für traumatisierte Flüchtlinge und Folterüberlebende, den Film "Wieder leben lernen"gezeigt. Er gibt einen Einblick in die Arbeit von Refugio.
11.10.2012, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Sandy Bradtke

Die Bremer Filmemacherin Beate Neuhaus hat im Jahr 2006 sechs Flüchtlinge, die durch Kriegserlebnisse, Folter und Flucht stark traumatisiert worden sind, begleitet. Aus Anlass der Integrationswoche hat Refugio, das Beratungs- und Behandlungszentrum für traumatisierte Flüchtlinge und Folterüberlebende, den Film "Wieder leben lernen"gezeigt. Er gibt einen Einblick in die Arbeit von Refugio.

Schwachhausen. Der Bildausschnitt der Kamera zeigt zwei Personen. Mit dem Gesicht zum Objektiv sitzt ein Sozialberater von Refugio. Von dem zweiten Mann ist nur der Rücken zu sehen. Es ist der Rücken von Baran Tschiya. Er ist Kurde und hat als politisch Verfolgter Angst, sein Gesicht vor der Kamera zu zeigen. Der Name, der im Film für ihn verwendet wird, ist ein Pseudonym.

Mit 14 Jahren kam Baran Tschiya in seinem Heimatland ins Gefängnis. Er musste sechs Monate lang Folter über sich ergehen lassen und mit ansehen, wie andere Gefangene gefoltert wurden. "Zu hören, wie die Menschen geschrien haben, war noch schlimmer, als selbst gefoltert zu werden", sagt Tschiya im Film. Nachts kommen die Erinnerungen. Er kann nicht schlafen, hat Albträume und Panikattacken.

Wie ihm geht es vielen, die zu Refugio kommen. "Menschen, die Folter erlebt haben, können das nicht vergessen", erklärt Tschiyas Sozialberater. Die Opfer durchlebten alles immer wieder, wie in einem Film. Selbst ähnliche Töne, die sie an die Foltersituation erinnern würden, könnten das Erlebte wieder aufleben lassen.

"Häufig kommen diese Menschen viel zu spät – mit einem oder zwei Jahren Verzögerung – zu uns", berichtet Ingrid Ingeborg Koop, Gründungsmitglied von Refugio und Psychotherapeutin. Viele traumatisierte Flüchtlinge müssten erst einmal verstehen, was mit ihnen los sei. Gegen deren Symptome wie Bauchschmerzen oder zittrige Beine verschreiben die meisten Ärzte laut Koop Medikamente, die jedoch "das Trauma nicht wegwaschen".

Refugio Bremen ist das größte Behandlungszentrum in Norddeutschland für traumatisierte Flüchtlinge. Der Verein stellt seit 23 Jahren Flüchtlingen unentgeltlich Beratung, Unterstützung und psychotherapeutische Behandlung zur Verfügung. Manchmal fühle sich die Arbeit wie "der Tropfen auf den heißen Stein an", schildert Koop. Die Wartezeit für Erstgespräche beträgt drei Monate. Auf Behandlungen müssen Betroffene hingegen nicht mehr ganz so lange warten.

Refugio fordert ein generelles Bleiberecht für traumatisierte Flüchtlinge. Das Warten auf die Aufenthaltsgenehmigung zermürbe die Lebensenergie der Flüchtlinge, denn sie könnten nicht neu anfangen. Sie lebten unter ständiger Angst, dass sie in das Land zurückkehren müssen, in dem sie verfolgt werden, erläutert Koop.

Sibafu Toussidu hat in seinem Heimatland gegen die Regierung protestiert. "Nachdem ein paar Leute einfach so verschwunden sind, habe ich Regime kritische Lieder gesungen. Dann wurde ich selbst abgeholt", berichtet Toussidu von seinen Erlebnissen. Auch er hatte nach seiner Flucht nach Bremen lange Zeit mit Albträumen zu kämpfen.

"Mittlerweile wurde Toussidu als politischer Flüchtling anerkannt, lebt in Süddeutschland und wird bald seine Ausbildung zum Winzer abschließen", erzählt Ingrid Koop. "Diese Geschichten spenden mir Trost." Jedes Jahr müsse der Verein die finanzielle Sicherung aufs Neue abklären. Der Zuschuss vom Senat deckt nach Aussage von Koop etwa 15 bis 18 Prozent des Haushalts. Mit einem kleinen Betrag wird das Beratungszentrum auch von der Bremischen Evangelischen Kirche sowie aus Geldern des Europäischen Flüchtlingsfonds unterstützt. Koop: "Die Projektmittel sind immer ungewiss. Wir sind deshalb weiterhin auf Spenden angewiesen."

Mehr Informationen über Refugio gibt es unter der Telefonnummer 3760749 oder im Internet unter www.refugio-bremen.de.

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