Besondere Herausforderungen

Pandemie sorgt für zusätzliche Hürden für Menschen mit Autismus

Therapeutin Silke Ehrenberg vom Autismus-Therapiezentrum Bremen-Mitte schildert, welche Auswirkungen die Pandemie-Regeln auf Menschen mit Autismus haben.
15.02.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Helke Diers
Pandemie sorgt für zusätzliche Hürden für Menschen mit Autismus

Therapeutin Silke Ehrenberg kennt die Probleme für Autisten.

Christina Kuhaupt

Viele Menschen fühlen sich belastet durch die Maßnahmen rund um die Pandemie. Für Autisten und Autistinnen bedeuten die Begleiterscheinungen besondere Herausforderungen. Die Asperger-Autistin Kate und die Therapeutin Silke Ehrenberg vom Autismus-Therapiezentrum Bremen-Mitte schildern, wie sie das letzte Jahr wahrgenommen haben.

Kate ist 32 Jahre alt und lebt in Bremen. Sie ist gelernte Bürokauffrau. Ihren echten Namen möchte Sie nicht in der Zeitung lesen. Weil sie nur sehr schwer direkt mit fremden Menschen sprechen kann, antwortet sie auf unsere Fragen per E-Mail. Mit 19 Jahren wurde sie als Asperger-Autistin diagnostiziert. Allerdings habe sich durch die Diagnose für sie persönlich nicht viel verändert. Es sei allerdings dadurch leichter geworden, gezielt mit einer Therapie anzusetzen. „Der Welt ist es egal, warum man anders ist“, schreibt sie.

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Autismus zeigt sich bei Menschen sehr unterschiedlich, Fachleute sprechen deshalb von einer Autismus-Spektrum-Störung, erläutert Silke Ehrenberg, Therapeutin und Leiterin des Autismus-Therapiezentrums. Besonders bei Menschen mit frühkindlichem Autismus sei häufig auch eine Intelligenzminderung festzustellen, bei Asperger-Autisten ist das dagegen nicht so.

Charakteristisch ergeben sich für Autisten meist Schwierigkeiten mit sozialen Kontakten, sie haben Probleme damit, Beziehungen aufrecht zu erhalten und Nähe aufzubauen. Vielen Autisten falle es schwer, Situationen und Kommunikation mit anderen Menschen richtig zu deuten, schildert Ehrenberg. Die in der Öffentlichkeit zunehmend verdeckten Gesichter machten das nicht leichter. „Nur an den Augen Emotionen abzulesen, ist für uns schon unglaublich schwierig“, sagt sie.

Reizüberflutung und Migräne

Kate schreibt, sie habe eine erhöhte Sinneswahrnehmung, die „Fluch und Segen zugleich“ sein könne. Sie nehme sehr viele Geräusche und visuelle Eindrücke auf, gleichzeitig seien ihre Nerven überempfindlich. Sie schreibt über Berührungen ihrer Haut, die zu „leichten bis semistarken Schmerzen, die kleineren Stromschlägen ähneln“ führten. Folgen seien Reizüberflutung und Migräne. Deshalb sei sie von der Maskenpflicht befreit.

Das führt zu negativen Erfahrungen. Ihr werde trotz des Attests immer häufiger der Zugang in Geschäfte verwehrt. „Mancherorts bekommt man nicht mal mehr etwas zu essen, geschweige denn die notwendigen Briefmarken zum Versenden der eigenen Post“, schildert die 32-Jährige. Therapeutin Ehrenberg ärgert das. „Ich werde immer etwas sauer auf die Menschen, die eine Maske mit Absicht verweigern. Die, die sie wirklich nicht tragen können, bekommen es dann ab.“ In der Bremer Rechtsverordnung zu Corona sind Personen, denen die Verwendung einer Mund-Nasen-Bedeckung wegen einer Behinderung oder aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich oder nicht zumutbar ist, von der Maskenpflicht ausgenommen.

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Eine weitere Schwierigkeit entsteht aus den sich schnell verändernden Regeln, meint Therapeutin Ehrenberg. Viele Autisten bevorzugen es, wenn bestimmte Routinen – der Weg zur Arbeit oder die Struktur des Schreibtisches – eingehalten werden können, erläutert sie. Das Durchbrechen der Gewohnheiten sei zum Beispiel für autistische Schüler "ein riesengroßes Problem", wenn sie abwechselnd zu Hause und in der Schule lernen sollten. Wer ist überhaupt da? Was findet statt? Neben wem sitze ich heute?" Diese Fragen müssten jeden Tag neu geklärt werden. "Das bringt viel durcheinander. Alle sind sehr, sehr erschöpft", ist ihre Einschätzung.

Große Angst vor Viren und Bakterien

Die soziale Isolation wirkt sich auf Menschen mit Autismus ähnlich unterschiedlich aus, wie auf andere Menschen auch. „Ich habe einige junge Erwachsene, die genießen es, dass sie nicht viel aus dem Haus müssen und wir Videotherapien anbieten“, berichtet Silke Ehrenberg. „Die letzten Wochen kippt das etwas, weil auch ein Verständnis hinzukommt, dass sie das nicht selbst gewählt haben. Und ich habe einige Autisten kennengelernt, die große Angst vor Viren und Bakterien im Allgemeinen haben. Für die wird es schwer, diese Ängste auch wieder abzubauen.“

Für die nächsten Monate hofft Kate auf mehr Solidarität. Nicht alle Menschen seien in der Lage, das von Politik und Gesellschaft vorgegebene Tempo mitzuhalten. Sie schreibt: „Denn das wird hierbei oft auch außer Acht gelassen – auch beispielsweise Depressionen können tödlich enden. Lieber ein längerer Weg, den wir alle gemeinsam bewältigen können, als ein kurzer, auf dem seine steilen Abgründe einigen unter uns das Genick brechen.“

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