Buch zur Überseestadt Metamorphose in Wort und Bild

Aus privaten Fotoalben, städtischen Archiven, Chroniken alteingesessener Hafenbetriebe und Nachlässen hat Cecilie Eckler-von Gleich ein großformatiges Buch zur Geschichte der Überseestadt gemacht.
04.10.2019, 19:16
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Es ist ziemlich genau zwanzig Jahre her, dass der Bremer Überseehafen unter 3,5 Millionen Kubikmetern Sand aus der Außenweser beerdigt wurde – von vielen damals betrauert und bis heute bedauert. Die Stadt hatte sich das wahnwitzige Projekt vorgenommen, auf ihren alten Hafenrevieren rechts der Weser etwas ganz Neues zu bauen. Die Überseestadt war angekündigte Stadtentwicklung, die sich vor aller Augen vollzieht. Doch es ist nicht die erste Verwandlung, die dieser Ort in seiner Geschichte erlebt hat. Welche technischen Fortschritte, wirtschaftlichen Schwankungen, unternehmerischen Entscheidungen und weltpolitischen Zäsuren das Gesicht der Bremer Hafenvorstadt prägten, veränderten und erschütterten – davon berichtet Cecilie Eckler- von Gleich anschaulich in ihrem neuen Buch „Vom Freihafen zur Überseestadt“. So umfassend ist diese wechselhafte Geschichte noch nie erzählt worden. Es ist ein dickes Buch geworden, und noch dazu ein sehr schönes.

Auf 240 großformatigen Seiten geht die Autorin rund 130 Jahre in der Bremer Vergangenheit zurück, und lässt ihre Leser schließlich auch in die Zukunft blicken. Es gibt wohl wenige, die so viel über dieses Stück Stadt wissen wie sie: Bis zu ihrem Ruhestand im vergangenen Jahr leitete die Germanistin und Politologin mehr als 30 Jahre lang das Kulturhaus Walle und das ansässige Geschichtskontor. Mit der Historie des Stadtteils beschäftigt sie sich indes bereits, seit sie Anfang der 1980er-Jahre mit der Brodelpott-Gründergeneration begann, Fotos und Erinnerungen alter Wallerinnen und Waller zu sammeln und zu archivieren. Eckler-von Gleich, die auch 28 Jahre lang dem Waller Beirat angehörte, führte bereits Besuchergruppen durch die Überseestadt, als dort bis auf Sandberge noch nicht viel zu sehen war, und kann wohl über jeden Stein Geschichten erzählen.

Vom Ackerland zum Industriegebiet

Die bebilderte Chronik setzt in den Jahren an, als sich das Bauernland zum Industriegebiet verwandelte. Vor der Einweihung des modernen Freihafens im Jahr 1888 zeigte sich das Gebiet westlich von St. Stephani so, wie es der Kaufmannslehrling Friedrich Engels vier Jahrzehnte zuvor wahrgenommen hatte: Als „bremische Wüste“ mit Weidengebüsch, sumpfigen Wiesen, Kartoffel- und Braunkohlfeldern. Mit dem Hafen, seinen Gleisanlagen und Betrieben wie der Eisengießerei, Petroleumraffinerie und Jute-Spinnerei wurde Walle zum riesigen Neubaugebiet. Das Kapitel „Hafen und Wohnen“ erzählt unter anderem von den „Muggenburgern“, die sich auf ihrer kleinen Halbinsel dörflich eingerichtet hatten, bis der Zweite Weltkrieg dem Leben im Hafen ein vorläufiges Ende machten. Die verheerenden Luftangriffe im August 1944, die weite Teile des Bremer Westens in Schutt und Asche legten, galten allerdings weniger den kriegswichtigen Industriebetrieben: die waren bereits in den Jahren davor gezielt bombardiert worden, sagt die Historikerin: „In den letzten Kriegsmonaten ging es vielmehr darum, die Bevölkerung zu zermürben, um das Kriegsende zu beschleunigen“.

Nach Kriegsende nahm der Hafen erstaunlich schnell wieder Fahrt auf. Die amerikanische Enklave Bremen wurde zum zentralen Umschlagplatz für Importe aus den USA. Schuppen und Speicher entstanden, und am Hafenrand die „Küste“ mit ihrem berüchtigten Nachtleben. Auf den Boom in den 1960er -Jahren erfolgte die zweite historische Zäsur: Mit dem Einzug der Containerschifffahrt gehörten die Häfen im Bremer Westen plötzlich zum alten Eisen. Die Entscheidung, den ausrangierten Überseehafen zuzuschütten, um dort den Großmarkt anzusiedeln, hält Eckler-von Gleich für den „größten stadtentwicklungspolitischen Fehler“. Das letzte Kapitel widmet sich der Überseestadt, wie sie sich heute zeigt – was von den alten Zeiten übrig blieb, was sich daneben angesiedelt hat und was noch kommen soll. Mit der Aussicht, dass auf der Überseeinsel in einigen Jahren wieder „Muggenburger“ wohnen werden, schließt sich der historische Kreis.

Soweit der Schnelldurchlauf. Dass schon das erste Durchblättern Lust auf mehr macht, liegt an den rund 200 historischen Fotografien aus privaten Fotoalben, städtischen Archiven, Chroniken alteingesessener Hafenbetriebe und Sammlungen wie dem Nachlass des Bremer Hafenfotografen Hans Brockmöller, den Karten, Plänen, Luftaufnahmen und architektonischen Visualisierungen. Um ihren Lesern Orientierung und Grund zum Staunen zu geben, stellt die Autorin vielen der alten Aufnahmen aktuelle Bilder gegenüber. Für die klare und ansprechende Gestaltung ist das Grafikbüro Blaukontor verantwortlich – selbst eine echte Überseestadt-Pflanze. Verleger Horst Temmen unterstützte das Buchprojekt seiner Hausautorin von Beginn an mit Wohlwollen, und setzte es in Form einer hochwertigen Publikation um.

„Geschichte und Stadtentwicklung gehören zusammen“, erklärt Cecilie Eckler-von Gleich. „Es ging mir darum zu erzählen, warum und wie sich eine Stadt verändert“. Alle, die den alten Hafen noch kennen, die mehr über ihr neues Zuhause in der Überseestadt erfahren möchten oder sich generell für bremische Geschichte interessieren, werden von diesem Standardwerk begeistert sein.

Weitere Informationen

Cecilie Eckler-von Gleich, „Vom Freihafen zur Überseestadt“, Edition Temmen, 19,90 Euro.
Erhältlich im Buchhandel oder direkt im Kulturhaus Walle (Öffnungszeiten: montags bis freitags, 10 bis 18 Uhr, Telefon 04 21 / 3 96 21 01). Im Rahmen von zwei Bildvorträgen stellt die Autorin ihr Werk am Montag, 30. September, vor. Die Termine: 11 Uhr im Schuppen Eins, Konsul-Smidt-Straße 26 (Raum 1), 18.30 Uhr im Waller Kulturhaus Brodelpott, Schleswiger Straße 4.

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