Gastbeitrag zu möglichem CDU-Spitzenkandidaten

Meyer-Heder zu unterschätzen wäre politischer Leichtsinn

Politische Unerfahrenheit ist kein Ausschlusskriterium für den Wahlerfolg. Den designierten CDU-Spitzenkandidaten Meyer-Heder müsse man so ernst wie möglich nehmen, sagt Gastautor Matthias Güldner.
19.01.2018, 15:20
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Von Matthias Güldner
Meyer-Heder zu unterschätzen wäre politischer Leichtsinn

Matthias Güldner sitzt seit 1999 für die Grünen in der Bürgerschaft. Aktuell ist er Vorsitzender der Bildungsdeputation.

CARMEN JASPERSEN, dpa

Die Unterschätzung unkonventioneller politischer Herausforderer ist nicht erst seit dem Wahlsieg von Trump über Clinton eine Anleitung zum Unglücklichsein. Mit politischer Erfahrung werden keineswegs mehr umstandslos Wahlen gewonnen. Sie kann sogar zum Ballast werden. Es spricht vieles dafür, den designierten Spitzenkandidaten der Bremer CDU für die Bürgerschaftswahl 2019 so ernst wie nötig zu nehmen.

Politischer Leichtsinn definiert sich dabei in etwa so: Der unbekannte CDU-Spitzenkandidat verfügt über keine politische Erfahrung, er kennt die Verwaltung und die Stellschrauben nicht, an denen man für politische Ergebnisse drehen muss. Er wird entweder zu unbekannt bleiben, um ausreichend Wähler zu mobilisieren, oder aber auf Teufel komm raus Aufmerksamkeit suchen und dabei in die aufgestellten Fettnäpfchen und Fußangeln treten. Diese Herangehensweise ist naiv. Politische Erfolgsfaktoren, Wahlkämpfe und -entscheidungen haben sich grundlegend verändert. Der Trend geht hin zu Personalisierung, Abwertung von Parteien und traditionellen Politikformen. Berufspolitiker rangieren in Beliebtheitsrankings kurz hinter Gebrauchtwagenhändlern.

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Seit einigen Jahren haben sich Parteien diesen Effekt zunutze gemacht, indem sie politisch unerfahrene Leute nach vorne stellen. In Bremen ist dieser Schachzug unter anderem mit den Namen Nölle (CDU) und Steiner (FDP) und durchaus beachtlichen Wahlerfolgen verbunden.

Warum muss man den designierten Spitzenkandidaten der CDU über diese grundsätzlichen Gründe hinaus ernst nehmen? Die aus seiner Vita generierte Erzählung enthält bewusst Elemente, die Wähler anderer Parteien ansprechen sollen. Da ist der Zivildienst, die WG-Erfahrung (Grüne), die Unternehmensgründung (FDP), die Schaffung von Arbeitsplätzen (SPD), die IT-Branche und die Band-Mitgliedschaft für die Jüngeren und Hipster aller Altersklassen.

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Man würde auch die im Hintergrund handelnden Personen der CDU unterschätzen, würde man das alles für Zufall halten. Heute führen mehr Wege zum Erfolg als die sprichwörtliche Ochsentour durch die Ortsverbände. Es existieren Touren mit Umgehungsstraßen und Sackgassen. Außer beim US-Präsidenten waren wir auch dabei, als in Frankreich ein gesamtes etabliertes Parteiensystem von einem jungen Kandidaten mit einer neu gegründeten Bewegung auf dem (sehr kurzen) Marsch an die Macht weggefegt wurde. Wollen die anderen Parteien nicht ins offene Messer laufen, müssen sie den üblichen Überlegenheitsimpuls der Amtsinhaber unterdrücken und sich intensiv auf eine herausfordernde Wahlauseinandersetzung vorbereiten.

Unser Gastautor:

Matthias Güldner gehört seit 1999 für die Grünen Mitglied der Bremischen Bürgerschaft an und ist aktuell Vorsitzender der Bildungsdeputation. Von 2007 bis Juli 2015 war er Vorsitzender der Grünen-Fraktion.

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