Einziger Magnetresonanztomograph in Bremen Millimeter für Millimeter

Es ist ein Bild wie aus einer anderen Welt: in sanftes Lila getaucht steht der weiße Koloss in der Mitte des Raumes. „Biograph mMR“ heißt das Gerät, ein molekularer Magnetresonanztomograph.
09.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Kristina Bellach

Es ist ein Bild wie aus einer anderen Welt: in sanftes Lila getaucht steht der weiße Koloss in der Mitte des Raumes. „Biograph mMR“ heißt das Gerät, ein molekularer Magnetresonanztomograph, der überwiegend in der Krebsdiagnostik eingesetzt wird.

Lediglich acht Stück gibt es in Deutschland, sieben davon an Universitäten. Nur eines steht in einer Praxis, dem Zentrum für Moderne Diagnostik in Bremen.

Ein starkes Magnetfeld, das etwa dem 60 000-Fachen der Erdanziehungskraft entspricht, herrscht in der gewaltigen, über acht Tonnen schweren Röhre. Doch davon merkt der Mann, der auf einer weißen Liege geräuschlos in den engen Tunnel fährt, nichts.

Mit Unterhose und T-Shirt bekleidet, weißer Krepp bedeckt seine Beine, weiße Ohrenschützer seine Ohren, erlebt er etwas zwischen amerikanischem Hotelfahrstuhl und interstellarem Fahrvergnügen.

Sichtkontakt nach außen durch Spiegel

Ein angenehmer Lufthauch durchzieht den Tunnel, apartes Licht leuchtet ihn dezent aus. Ein Helm, der Darth Vaders Neid wecken könnte, mit eingebautem Schrägspiegel gewährt dem Mann konstanten Sichtkontakt nach außen. So kann er, im Tomographen liegend, jederzeit beobachten, was außerhalb des Raumes vor sich geht: Hinter einem Fenster sitzen der Radiologe Markus Lentschig und Assistentin Sonja Jürgens, die sorgsam den Prozess überwachen und dokumentieren.

„Alles soweit in Ordnung?“, fragt Jürgens per Lautsprechanlage. „Prima“, antwortet der Patient. „Gleich geht’s los“, kündigt die 51-Jährige an. Ab da wird der Mann nichts mehr hören, zumindest nicht von ihr. Nur die Röhre sorgt mit einem Klopfen und Tuten für Geräusche, die der Mann dank Ohrenschützer nur gedämpft wahrnimmt.

Jede Messung dauert sechs Minuten

In der Regel vier bis fünf Abschnitte (bis zu zehn bei Tumoren, die auch in den Beinen entstehen können), nimmt die Siemenssche Röhre auf: angefangen in der Mitte der Oberschenkel bis zum Kopf. Jede Messung dauert etwa sechs Minuten; insgesamt macht das Gerät über 10 000 Bilder, sowohl als Magnetresonanztomographie (MR), als auch als Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Keines der Verfahren ist neu, beide werden seit Langem in der medizinischen Diagnostik angewandt.

Dass jedoch beide im Biographen vereint sind, nennt Lentschig eine „Höchstleistung der Ingenieure“. Beides, MR und PET, misst das Gerät simultan; beide Bilder überlappen zu 100 Prozent. „Es sind zwei komplett unterschiedliche Untersuchungsmethoden, die der Rechner zusammenfügt“, erklärt der Mediziner, „Stoffwechsel und Morphologie.“

Die Bilder, die entstehen, lassen selbst wenige Millimeter kleine Metastasen erkennen – früher als andere Verfahren, wie die Computertomografie (CT) es schaffen würden, und dazu gestochen scharf.

CT und Röntgen sind weniger aussagekräftig

„Wir wollen wissen, wo Absiedlungen des Tumors sind.Da sind CT und Röntgen nicht so aussagekräftig – große Dinge finden sie, aber kleine nicht.“ Die Strahlendosis ist verglichen mit anderen Methoden sehr gering. Und bei Karzinomfragen übernehmen die meisten gesetzlichen Krankenkassen die Behandlung.

Im Körper des Mannes geht derweil Verblüffendes vor sich: Für kurze Zeit bringen der starke Magnet sowie elektrische Impulse die magnetischen Kerne der Protonen des Wasserstoffs – etwa 90 Prozent des Körpers bestehen aus Wasser – aus ihrer Ursprungsposition.

Während die Protonen in ihre natürliche Lage zurückkehren, senden sie selbst Impulse aus, die in Bilder umgerechnet werden. Diese sind in jedem Gewebe, sei es Fett, Muskel, Wasser oder eben Tumorgewebe, unterschiedlich stark.

Die Vorgänge des Stoffwechsels werden sichtbar gemacht

Etwa eine Stunde vor der Untersuchung bekam der Patient zudem eine Substanz verabreicht, die die Vorgänge des Stoffwechsels sichtbar macht. Je nachdem, wo und wie stark diese biochemischen Prozesse laufen, können sie auf Tumore und Metastasen hinweisen.

Später wird das Gerät verschiedene Schnittbilder vom Inneren des Körpers ausspucken. Eines davon ist das des PET: Schemenhaft weiß mit schwarzen Flecken, einem hellen Röntgenbild ähnlich. In der verwaschenen Körperkontur sind deutlich die Punkte der atypischen Stoffwechselaktivitäten zu sehen.

Fortschritt im Früherkennen

„Hier, das ist ein aggressiver Tumor“, deutet Lentschig auf einen kleinen, tiefschwarzen Fleck in einem beispielhaften Bild. „Die Substanz sammelt sich in den Zellen, wo ein hoher Stoffwechsel herrscht. So schwarz wie der ist, hat er einen unheimlichen Stoffwechsel“, erklärt der Radiologe. Und Stoffwechsel, der passiere dann, wenn etwas Hunger hätte. „In manchen Organen ist das normal, woanders aber krankhaft.“

Erst beide Bilder zusammen weisen darauf hin, wo und wie stark der Stoffwechsel ist: Das MR, das zwar Körperstrukturen, jedoch keine auffälligen Befunde im Stoffwechsel zeigt, und das des PET, das die Veränderungen deutlich macht.

Der schwarze Fleck, den der Radiologe entdeckt hat, sitzt im Beckenknochen – ein Ort, wo so etwas sicher nicht hingehöre. Auf etwa einen Zentimeter Größe schätzt Lentschig die Wucherung. Vor einiger Zeit sei dem Patienten die Prostata wegen eines Tumors entfernt worden, später stieg der PSA-Wert im Blut, ein Tumormarker, an.

Fortschritt im Früherkennen

In so einem Fall bestrahlt man lokal, dort wo die Prostata einmal saß. Auf diese Art wäre die Metastase im Beckenknochen jedoch nicht ins Bestrahlungsfeld geraten. „Und effektiv nicht behandelt worden“, fügt Lentschig hinzu. Per Biographen nachgewiesen, konnten die Ärzte den Ableger jedoch ausmerzen.

Die Begeisterung für moderne Technik, der Fortschritt im Früherkennen ist, was Lentschig und seine Praxiskollegen den Tomographen anschaffen ließ. Je früher entdeckt, desto größer sei die Chance, dass der Krebs geheilt werden kann. Und: Die Therapie könne individuell auf den Patienten zugeschnitten werden. „Was nützen aufwendige Operationen und Bestrahlungen, wenn Tumoransiedlungen an anderer Stelle schon bestehen und nicht entdeckt wurden?“

Dazu aber benötige man eine gute Bildgebung. „Nur wenn ich weiß, wo das Tumorgewebe ist, kann ich erfolgreich und gezielt therapieren.“ Doch gerade die bildgebende Diagnostik, bemängelt Lentschig, würde längst nicht so genutzt, wie sie sollte. „Man gibt Unmengen für Therapien und Operationen aus, aber möchte in der Diagnostik sparen.“

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