Öffentlicher Nahverkehr

BSAG fährt Millionenverluste ein

Bis zu 35 Millionen Euro könnte der Verlust bei der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) betragen. Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne) erwartet, dass der Bund und der Corona-Fonds die massiven Kosten tragen.
24.04.2020, 07:00
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BSAG fährt Millionenverluste ein
Von Pascal Faltermann
BSAG fährt Millionenverluste ein

Weil viele Fahrgäste während der Corona-Krise Straßenbahnen meiden, fehlen der BSAG die Ticketeinnahmen.

Christian Walter

Die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) rechnet als Folge der Corona-Krise mit Verlusten in zweistelliger Millionenhöhe. Das geht aus einer Senatsvorlage hervor, die am Dienstag verabschiedet werden soll. In dem Papier werden Szenarien aufgeworfen, nach denen allein durch den Rückgang der Fahrgäste im besten Fall ein Schaden von mehr als 18 Millionen Euro, im schlimmsten Fall von mehr als 35 Millionen Euro in der Bilanz der BSAG stehen. Aber wie sollen die Verluste aufgefangen werden? Steigen die Ticketpreise? Muss die Verkehrswende verschoben werden?

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Auf die in der Vorlage prognostizierten Zahlen angesprochen, sagt Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne): „Ja, das ist korrekt. Die Verlust-Prognosen bewegen sich etwa im mittleren zweistelligen Millionenbereich.“ Allerdings lasse sich das natürlich erst Ende dieses Jahres genau beziffern. „Wir wissen alle nicht, wie lange und in welchem Umfang uns diese Krise beschäftigt“, so Schaefer. Dass in der Behörde „Worst-, Real- und Best-Case-Szenarien“ zu den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise durchgerechnet werden, bestätigt die Senatorin. Sie sagt: „Ja, auch die gibt es. Aber die unterliegen so vielen Faktoren wie Fahrgastzahlen oder der Dauer der Pandemie, dass das jetzt im April erst mal nur reine Annahmen sind, die nicht wirklich verlässlich sein können.“

Durch die Einschränkungen des öffentlichen Lebens sind die Fahrgastzahlen zurückgegangen (wir berichteten). Zahlreiche Menschen arbeiten zu Hause, viele meiden Busse und Bahnen aus Selbstschutzgründen. Jetzt kommt die Maskenpflicht hinzu. Weil die Corona-Maßnahmen aber auch gelockert wurden, gehen die BSAG und der Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (VBN) davon aus, dass wieder mehr Fahrgäste den Nahverkehr nutzen und die Zahlen ansteigen. Derzeit muss die BSAG auf 150 000 bis 170 000 Euro Einnahmen täglich verzichten, heißt es von dem Bremer Verkehrsunternehmen und auch aus der Finanzbehörde.

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Auch wenn wieder mehr Menschen den Nahverkehr nutzen werden, gehen die Verantwortlichen in der Verkehrsbehörde und bei den entsprechenden Betrieben davon aus, dass der Vertrauensverlust zum ÖPNV anhalten wird. Busse und Bahnen werden derzeit gar als „Corona-Express“, „Hauptansteckungsort“ oder „Virenschleuder“ bezeichnet. Damit sich dieses Image nachhaltig ändert, soll der öffentliche Nahverkehr „auf vielfältige Weise gestärkt werden“, sagt Senatorin Schaefer.

Deswegen hält sie nicht nur an den Plänen für eine Verlängerung der Linien 1 und 8, den Baubeginn der Querverbindung und die Planung und Realisierung einer Straßenbahn in die Überseestadt fest. Auch ein Ausbau von Buslinien sei dort sinnvoll, wo Straßenbahnlinien nicht möglich oder nicht wirtschaftlich einsetzbar sind. Bislang geht man im Verkehrsressort davon aus, dass der der Bürgerschaft vorgelegte Haushaltsentwurf entkoppelt bleibt von zusätzlichen Corona-Maßnahmen. Heißt: Der Ausbau des ÖPNV und die Verkehrswende sollen weiterhin kommen.

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Doch wer trägt Kosten? Wer übernimmt die millionenschweren Verluste? „Die jetzigen massiven Verluste durch die Pandemie müssen gesondert – das erwarte ich dringend – vom Bund oder durch den Bremer Corona-Fonds ausgeglichen werden“, sagt Maike Schaefer. Das sei auch für den VBN der Fall: Der Bund sei in der Pflicht, die zusätzlichen Belastungen der Bundesländer und Kommunen zu schultern. „Es wäre Wahnsinn, wenn wir jetzt nicht hart an der Verkehrswende, an einem kostengünstigeren und besseren ÖPNV sowie Umweltverbund arbeiten, um den Klimaschutz massiv voranzubringen“, so Schaefer. Schließlich habe diese Pandemie genau dort – nämlich im mangelnden Umgang mit der Natur – seinen Ursprung.

Höhere Ticketpreise, um die Verluste bei der BSAG auszugleichen, will die Verkehrssenatorin „mit allen Mitteln verhindern.“ Vielmehr fordert sie ein deutliches Umdenken nach der Krise. Bund, Länder und Kommunen sollten zudem Klimaschutz, Digitalisierung und nachhaltige Technologien in den Vordergrund der Förderung stellen. Bei der Tarifstruktur zum ÖPNV sei es wichtig, den im Koalitionsvertrag verankerten Prüfauftrag zum 365-Euro-Ticket und zum ticketlosen ÖPNV „entschlossen voranzutreiben“.

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Die Pandemie-Verluste sollen demnach auch keine Auswirkungen auf die begonnene Modernisierung der Straßenbahnflotte mit neuen Fahrzeugen haben. Inklusive des Ausbaus der dazugehörigen Infrastruktur ist dafür eine Investition in Höhe von einer halben Milliarde Euro vorgesehen. Auch im Bereich der Busse soll geprüft werden, ob die Flotte durch E-Mobilität oder Wasserstoff modernisiert und auf Nachhaltigkeit umgerüstet werden kann.

Auch in der per Videokonferenz abgehaltenen Verkehrsdeputation am Donnerstag waren die Verluste der BSAG Thema, aber ohne über die konkret prognostizierten Zahlen zu sprechen. Einig waren sich die Abgeordneten, dass sich die Verluste nicht zulasten der geplanten Verkehrsprojekte auswirken dürfen.

An den kommenden beiden Sonnabenden (25. April und 2. Mai) wird die BSAG übrigens ihren Fahrplan erweitern, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. Denn es werde mit mehr Fahrgästen gerechnet. Zudem werde der Start des angepassten Jahresfahrplans 2020 vorbereitet, der eigentlich ab Ende März gelten sollte.

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