MS "Aquarius" Mission startet von Bremerhaven aus ins Mittelmeer

Am Donnerstagabend bricht das private Flüchtlingshilfsschiff "Aquarius" zur italienischen Insel Lampedusa auf, um in Seenot geratenen Flüchtlingen zu helfen.
04.02.2016, 16:24
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Von Thomas Walbröhl

Am Donnerstagabend bricht das private Flüchtlingshilfsschiff "Aquarius" zur italienischen Insel Lampedusa auf, um in Seenot geratenen Flüchtlingen zu helfen. Vor der Abfahrt informierten sich rund 200 Menschen über die Mission informiert, auch Bremens Bürgermeister Sieling.

Nieselregen perlt am Nylon einiger Regenschirme ab, bildet Tropfen auf Kameras und Handys und sammelt sich in Pfützen auf dem Hauptdeck der „Aquarius“. Auf dem Achterdeck stehen Bremens Bürgermeister Carsten Sieling, Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz und Hans-Joachim Schnitger von der Bremischen Hafenvertretung bereit. Kapitän Klaus Vogel entknotet die Bremer Speckflagge und zieht sie an einem Seil empor. Eine warme Frauenstimme beginnt zu singen: „Amazing Grace“. Es ist der offizielle Abschied der Aquarius, die in den nächsten Monaten vor der libyschen Küste Flüchtlinge retten soll.

„Unsere Fahrt soll keine Show sein, sondern der erste Schritt zu einer zivilen Seenotrettungsorganisation in Europa“, sagt Klaus Vogel. Er ist Kapitän und Initiator der Mission und Gründer des Vereins SOS Mediterranee. „Wir wollen aktiv Menschen retten. Wir holen sie steuerbord an Deck und fahren dann Häfen an, wo wir sie abliefern. Wo, das koordiniert das Maritime Coordination Centre in Rom“, erklärt Vogel die künftigen Manöver. Das Einsatzgebiet vor Lampedusa ist etwa 30 Kilometer von der libyschen Küste entfernt. Seit die europäische Rettungsaktion Mare Nostrum der italienischen Küstenwache ausgelaufen sei, habe er entschieden, nicht weiter nur zuzusehen. „Es geht dabei um die Humanität. Die Ereignisse im Mittelmeer haben das Herz Europas verletzt. Wir wollen es heilen. Da die Politik bislang mit langen Debatten daran gescheitert ist, diese Probleme in den Griff zu kriegen, fahren wir heute los“, sagt Vogel. „Wir wollen nicht zurückkehren, bis sich die Situation im Mittelmeer verbessert hat“, sagt Vogel.

Wie lange die Aquarius tatsächlich im Einsatz bleibt, hängt von der Beteiligung der Bürger ab, denn die Mission wird durch Spenden an den Verein finanziert. „Wir haben eine gGmbH mit 28 000 Euro Stammkapital gegründet, damit im Ernstfall die Spenden unangetastet bleiben“, sagt Hans Gerd Knoop. Er ist Bremer Geschäftsführer der Rettungsorganisation SOS Mediterranee. Erst im Dezember seien die nötigen Spendengelder in der Kasse gelandet, um die Aquarius für 3,5 Monate zu chartern. Allein in diesen Monaten kostet die Rettungsmission rund 300 000 Euro. 750 000 Euro sind seit Mai durch Crowd Funding, Einzelspenden oder Großspenden zum Beispiel von AWO International zusammen gekommen. Beim Schiff seien ihnen die 20 Hamburger Eigner entgegengekommen, sagt Knoop, der das Schiff organisiert hat. Man habe es zu einem „wirtschaftlich sinnvollen, aber entgegenkommenden Preis“ chartern können. „Vielleicht können wir es auch irgendwann kaufen“, sagt Knoop.

Gebaut vor etwa 40 Jahren

Die Aquarius ist 77 Meter lang, knapp 12 Meter breit mit einem Tiefgang von über fünfeinhalb Metern. Sie macht bis zu 13,5 Knoten, also etwa 25 Kilometer in der Stunde. Gebaut wurde das Schiff als „Meerkatze“, vor etwa 40 Jahren in der Lürssen-Werft in Vegesack. Noch bis 2009 war es als Forschungs- und Fischereischutzboot vor Grönland im Einsatz. Es verfügt auch über eine Rettungsstation,wo Verletze behandelt werden sollen.

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Die Flüchtlinge werden nach ihrer Rettung erst mal durchsucht, so der Plan der Crew. Warnschilder an einem Spind weisen auf Englisch darauf hin, dass weder Waffen, Alkohol oder Drogen erlaubt sind. Noch liegen keine Matratzen in dem Bereich, wo Gerettete zur Ruhe kommen sollen. „Wir haben Platz für 200 bis 300 Menschen“, sagt Knoop. Notfalls könne die Aquarius für wenige Tage bis zu 500 Flüchtlinge aufnehmen. Man kooperiere auch mit Schiffen anderer Organisationen. Auch Politiker hätten sich mittlerweile für ihr Projekt interessiert. Ein paar Europaparlamentarier hätten sich informiert. Bald, so Vogel, wolle man das Projekt auch beim Auswärtigen Amt vor dem Koordinierungsausschuss Humanitäre Hilfe vorstellen.

An Deck laufen derweil letzte Vorbereitungen, ein Team von Matrosen und Technikern testet den Außenbordmotor eines orangefarbenen Beiboots. Einer von ihnen ist Francis Ab, der aus Ghana stammt. Er spricht Englisch, Französisch und einige afrikanische Dialekte. An Bord seien philippinische Sprachen und Russisch zu hören, sagt er. Er sei zuversichtlich, in gebrochenem Englisch mit den Flüchtlingen sprechen zu können. Er ist einer von den elf Seeleuten der Crew, dazu kommen noch sechs Mediziner der Ärzte der Welt (Medecin Du Monde), wenn die Aquarius in zwei Wochen in Marseille landet.

Dann geht es nach Palermo. „Wir würden auch in anderen Städten landen, aber wir werden gebraucht“, sagt Vogel. Auch in europäischen Nachbarländern gebe es Gruppen, die sich der zivilen Seenotrettungsorganisation anschließen wollten. „Gespräche gibt es unter anderem mit Gruppen in Frankreich, Polen und Griechenland.“ In Italien wird es bald einen Schwesterverein geben. Gegründet werden soll er am 22. Februar, nur wenige Tage, bevor die Aquarius das Mittelmeer erreichen soll. Am Abend des 25. Februar, sagt Kapitän Vogel, solle die Aquarius dann vor Lampedusa liegen und alles einsatzbereit sein. Denn vor allem in den frühen Morgenstunden tauchten sie häufig auf, die ehemaligen Fischerboote, überfüllt mit extrem verzweifelten Menschen.

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