Ingeborg Borchers ist gegen Straßenbahn Mit 92 Jahren auf den Barrikaden

Das Haus ist 100 Jahre alt, und sie ist 92. Früher konnte Ingeborg Borchers vom Fenster im Wohnzimmer auf Wiesen schauen, nun droht sie von zwei Straßenbahnlinien eingeschlossen zu werden.
12.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Mit 92 Jahren auf den Barrikaden
Von Jürgen Hinrichs

Das Haus ist 100 Jahre alt, und sie ist 92. Früher, als Kind und auch einige Zeit danach noch, konnte Ingeborg Borchers vom Fenster im Wohnzimmer auf Wiesen schauen, bis zum Bauernhof hin, der ein paar Hundert Meter entfernt stand. Lange her und gar nicht mehr vorstellbar.

Heute ist das Haus von Verkehr umtost, es steht dort, wo die Kirchhuchtinger Landstraße auf den Willakedamm stößt. Eine Ecke, an der man höllisch aufpassen muss, jetzt schon, aber später noch viel mehr. Werden die Pläne wahr, führen an der Stelle in vier oder fünf Jahren zwei Straßenbahnlinien vorbei. Ingeborg Borchers, eine pensionierte Lehrerin, will sich das nicht gefallen lassen. Sie hat einen Anwalt eingeschaltet. Was zu viel ist, ist zu viel, sagt sie. „Ich lasse mich nicht einsperren!“ Es sind die Linien 1 und 8, genauer ihre Verlängerungen, die in Huchting geplant sind.

Am Roland-Center vorbei, sollen sie von der Kirchhuchtinger Landstraße in den Willakedamm einbiegen und von dort weiter nach Mittelshuchting (Linie 1) und Stuhr (Linie 8) fahren. Ein Projekt, das im Stadtteil seit Jahren für Unruhe sorgt. Bürger haben sich zur „Huchting-Initiative“ zusammengeschlossen. Sie kämpfen nicht gegen die Straßenbahn an sich, wohl aber gegen die Linienführung, wie der Bausenator sie vorsieht. Nicht abbiegen, sagen die Bürger, sondern auf der Kirchhuchtinger Landstraße bleiben. Die beiden Bahnen würden dann mitten durch den Stadtteil führen, auf einer Trasse, für die nicht so viele private Grundstücke angeknabbert werden müssten.

Ingeborg Borchers sieht das genauso, schon deshalb, weil sie dann verschont bliebe und mit ihrem Haus nicht abgeschnitten würde. Doch ist das realistisch? Werden die Pläne noch einmal verändert? Eher nicht. Für Ende dieses Jahres wird mit dem Planfeststellungsbeschluss gerechnet. Danach könnte sofort mit dem Bau begonnen werden, selbst dann, wenn die Gerichte eingeschaltet würden. Klagen müssen das Projekt nicht automatisch verzögern.

Unwahrscheinlich ist ein neuer Anlauf bei der Streckenführung auch deshalb, weil es ihn bereits gegeben hat. Der Bausenator, damals noch Reinhard Loske (Grüne), war mit seinen ursprünglichen Plänen aus dem Jahre 2010 gescheitert. Zu groß die Proteste gegen so ziemlich jedes Detail des Vorhabens. Als Konsequenz hatte die Behörde alles noch einmal auf Anfang gestellt. „Wir haben dieses Projekt neu gestartet und zahlreiche Anregungen der Menschen vor Ort berücksichtigt“, teilte Loskes Nachfolger im Juni 2014 mit. Jetzt ist es Joachim Lohse (Grüne), der die Straßenbahn-Pläne verantwortet.

Allein 280 private Einwendungen

Zwar gibt es wieder jede Menge Einwendungen, 280 allein von privater Seite, hinzu kommen noch die Bedenken von Trägern öffentlicher Belange, zu denen Behörden gehören können, Feuerwehr und Rettungsdienste oder Unternehmen wie die swb, Hansewasser oder Entsorgung Nord. Gut zu tun also noch, jeden dieser Vorgänge zu bearbeiten und die Planung an der einen oder anderen Stellen nachzubessern. Sie aber ein weiteres Mal entscheidend zu revidieren, wird der rot-grüne Senat sich nicht erlauben. Dann könnte er gleich ganz auf das Projekt verzichten.

Ingeborg Borchers hat einen ganzen Ordner voll mit Zeitungsausschnitten und der Korrespondenz zwischen ihrem Anwalt und der Planungsbehörde. „Ich lasse mir das nicht gefallen“, sagt sie, „ich habe meine Rechte.“ Sechs Jahre lang gehe das nun schon hin und her. Nie sei jemand bei ihr gewesen und habe darüber aufgeklärt, was genau die Stadt direkt vor ihrer Nase vorhat. „Herr Lohse hat offenbar nicht begriffen, dass die Zeit vorbei ist, als die Gutsherren noch das Sagen hatten.“

Die Frau weiß, was sie will. Und sie weiß, was sie nicht will. Kein Frust, jedenfalls noch nicht, sondern Fröhlichkeit, mit der sie ihren Kampf kämpft. Und dafür gute Gründe hat, wie sie sagt: Die Bahn direkt vorm Fenster, zum Greifen nah. Keine freie Zufahrt mehr. Der Lärm. Die Erschütterungen. „Das gibt’s doch nicht, wie kann man so etwas machen!“

„Ich kann die Frau verstehen“, sagt Markus Hollenkamp, Verkehrsplaner bei der BSAG, „es ist ein Eingriff, keine Frage.“ Er werde aber so gut es gehe abgemildert. Mit vier Bäumen zum Beispiel, die vor das Haus gepflanzt würden, erklärt Hollenkamp. Den Platz dafür müsste er freilich noch finden, denn zwischen Bürgersteig und Haus gibt es nur einen schmalen Streifen.

Ganz sicher, so der BSAG-Mann, werde es für das Grundstück auch eine Zuwegung über die Schienen geben. Mit einer Ampel, die automatisch auf Rot springt, sobald sich eine Straßenbahn nähert. Die Zufahrt ist dann gesperrt. In Stoßzeiten wird das alle drei Minuten sein. So häufig kommt die Bahn vorbei. Hier in der Kurve am Willakedamm und ganz nah am Fenster von Ingeborg Borchers. Was für Aussichten!

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