Reporter begleitet Polizisten Mit Blaulicht durch die nächtliche Neustadt

Bremen. An einem Freitagabend, kurz nach 23 Uhr. 'Roland 7013' rollt vom Parkplatz des Polizeigebäudes in der Airport-City. Hauptkommissar Torsten Groß und Kommissar Olgun Kirhan machen sich auf die Wacht links der Weser. Groß ahnt: Da kommt noch was.
27.08.2010, 06:25
Lesedauer: 7 Min
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Von Mario Assmann

Bremen. An einem Freitagabend, kurz nach 23 Uhr. 'Roland 7013' rollt vom Parkplatz des Polizeigebäudes in der Airport-City. Auf Heck- und Frontscheibe des Autos kleben Schilder mit der Aufschrift 'Einsatzleitung', im Inneren zeigt das Display eine ,1?, den Code für Streifenfahrt. Hauptkommissar Torsten Groß und Kommissar Olgun Kirhan machen sich auf die Wacht links der Weser. Es ist ruhig auf den Straßen zwischen Huchting und Woltmershausen. Doch Groß ahnt: Da kommt noch was.

Der Schichtleiter des Einsatzdienstes Süd soll recht behalten. Kirhan steuert den silber-blauen VW Touran in Richtung Grolland. Er und Groß arbeiten seit 21.30 Uhr, ihre Schicht dauert bis 5.30 Uhr. Beide gehören dem Einsatzdienst (ESD) an. Dieser ist bei Notrufen zuständig und steht den Bürgern - im Gegensatz zu den Revieren - 24 Stunden offen. Die Einheit, an der Otto-Lilienthal-Straße im selben Gebäude wie die Neustädter Wache angesiedelt, stellt zudem fast alle Streifen. So stammt ein Polizeiwagen im Südbremer Straßenbild in den wenigsten Fällen von den Revieren Huchting, Kattenturm, Neustadt oder Woltmershausen, sondern vom ESD. Letzterer zählt in dieser Nacht 14 Polizisten mit vier Einsatzwagen und einem Führungsauto.

'Roland 7013' passiert im Schritttempo den Sodenmattsee. Mit einer Taschenlampe leuchtet Groß den stockfinsteren Badestrand ab. Nichts und niemand zu sehen. Kein Lagerfeuer, keine Jugendlichen. Gegen 22 Uhr hatte der Leitrechner noch gemeldet, dass sich hier eine volltrunkene Person aufhält. 'Nur bedingt ansprechbar', lautete die Zusatzinformation. Inzwischen ist der Zecher längst von einer anderen Besatzung einkassiert und schläft in einer der vier ESD-Zellen seinen Rausch aus. Davor eine Plastikkiste mit den Habseligkeiten des Mannes: Schlüssel, Kondom, Schokoriegel. 'Was man für einen Freitagabend eben so braucht', kommentiert ein Beamter trocken.

Der übermäßige Alkoholkonsum mancher Bürger hält die Polizei vor allem am Wochenende auf Trab. Zum Auftakt der Nachtschicht ist ein weiterer Fall zu verzeichnen, als das Rotes-Kreuz-Krankenhaus einen Betrunkenen übergibt. Damit bleibt noch eine funktionstüchtige Zelle frei, denn an der vierten signalisiert ein Magnet: 'defekt'. Vor einigen Wochen hat ein Insasse mit schier übermenschlicher Kraft die Stahltür beinahe aus dem Schloss getreten. Früher in Freiheit gekommen ist der Randalierer aber nicht. Im Gegenteil, die Polizisten hatten einige Mühe, die Zelle wieder zu öffnen.

Vom Sodenmatt-See zurückkehrend, fahren Kirhan und Groß zur nahen Delfter Straße. Polizeipräsident Holger Münch hat sie ebenso wie zehn weitere Bereiche links der Weser als sogenannten Gefahrenort eingestuft. Die Begründung: Dort werden besonders viele Straftaten verabredet oder begangen. Die Polizei kann an solchen Gefahrenorten ohne konkreten Anlass kontrollieren und das Vorweisen der Papiere verlangen. Minuten vor Mitternacht trifft es fünf junge Männer und Frauen, die vor dem Hallenbad Huchting sitzen, sich unterhalten. Anstandslos gibt das Quintett die Ausweise heraus.

Von den Fünfen ist einer minderjährig, weshalb Groß den ESD-Innendienst mit einer Personenabfrage per Computer beauftragt. 'Könnte ja sein, dass er von zu Hause abgehauen ist.' Eine Minute später die Entwarnung: Gegen den 17-Jährigen liegt nichts vor, krächzt es aus Groß? Funkgerät. Die Streife verabschiedet sich, steuert erneut die Heinrich-Plett-Allee an und - sieht sich dort acht Polizisten gegenüber. Es sind Kollegen aus Huchting, die unter Führung von Revierleiter Rainer Pucknat Geschwindigkeitskontrollen vornehmen. Seit 18 Uhr unterwegs an acht verschiedenen Örtlichkeiten, haben sie rund 70 Verstöße registriert und die Fahrer sofort angehalten.

Dass die vier Reviere im Bremer Süden montags bis freitags nur von 9 bis 17 Uhr besetzt sind, schließt derartige Aktionen nicht aus. Zudem schicken die Wachen Kattenturm und Huchting zumindest am Wochenende jeweils einen Wagen bis 4 Uhr morgens raus. Mit den vier ESD-Streifen sind dann bis zu sechs Polizeiautos auf der Straße. Aber reicht das für die Stadtteile mit ihren insgesamt 120000 Einwohnern? Im Routinebetrieb schon, sagt Wach- und Einsatzleiter Groß. 'Notfalls unterstützen die Inspektionen Mitte und Ost sowie die Bereitschaftspolizei.' Schneller als es Groß lieb ist, wird sich das beweisen müssen - noch heute Nacht.

Zunächst aber gehen Pucknat und Kollegen weitere Temposünder ins Netz. Den unrühmlichen Rekord erzielt ein 23-jähriger Raser, der laut Messgerät 94 Stundenkilometer auf dem Tacho hatte und nun einen Monat Fahrverbot, vier Punkte und eine Zahlungsaufforderung über 200 Euro erhält. Pucknat verspricht sich von den Messungen eine präventive Wirkung. Den Schwerpunkt der Revierarbeit macht aber die Kriminalitätsbekämpfung aus. Was den Beamten vor allem zu schaffen macht, sind Einbrüche in der Kirchhuchtinger Landstraße und Delfter Straße, ein bis zwei Müllcontainer-Brände pro Wochenende sowie Körperverletzungen unter Jugendlichen und in Familien. Dennoch: Insgesamt habe sich die Lage beruhigt, sagt Pucknat, früher habe die Polizei viel mehr Probleme mit Jugendgruppen gehabt. Im Vergleich aller 18 Bremer Reviere stelle Huchting keinen Brennpunkt dar.

'Weiter geht?s', sagt Groß und steigt in seinen Führungswagen 'Roland 7013' ein. Seit 20 Jahren ist der gebürtige Cuxhavener Groß nun Polizist, trat nach dem Abitur 1990 in den Mittleren Dienst ein. 'Weil ich den Beruf von der Pike auf lernen wollte'. Drei Jahre Ausbildung folgten, später das Studium an der Hochschule für öffentliche Verwaltung, der Kommissarlehrgang 'Verwendungen in mehreren Revieren' schloss sich an, dazu drei Jahre als Ausbilder. 2009 wurde Groß einer der Wach- und Einsatzleiter des ESD. Warum er den Job als Polizist gerne macht? Er sei politisch und geschichtlich interessiert, da fasse er das nicht als Job, sondern als Beruf auf, so der 40-Jährige. Und der Beruf, der sei sehr abwechslungsreich.

Plötzlich konzentriert er sich allein auf den Funkverkehr und ruft dann in den Hörer: ',Osterstraße?, höre ich gerade. Was liegt an, und wer rollt an?''Größere Schlägerei - 20 Beteiligte', antwortet die Leitstelle. Groß drückt die rote Taste für das Blaulicht, Olgun Kirhan auf das Gaspedal. Mit knapp 100 Stundenkilometern sausen sie durch den Buntentorsteinweg, das Display im Wageninneren springt von ,1? auf ,3? für 'Anfahrt zum Einsatz'. An der Ecke Neustadtswall/Friedrich-Ebert-Straße bremst Kirhan ab und stoppt. Vor und hinter ihm stehen vier, fünf weitere Streifenwagen und wohl ein Dutzend Beamte. Neben den Straßenbahngleisen parkt ein silberner Lieferwagen mit schwarz getönten Scheiben und nur einem Blaulicht: Hundeführer. Groß springt aus seinem Auto. 'Erst mal Strukturen aufbauen', nimmt sich der Einsatzleiter vor.

Es ist gegen 1.30 Uhr. Die Hinweise verdichten sich: Vor der Drittliga-Partie Werder Bremen II gegen Hansa Rostock am Nachmittag sind 'Fans' der beiden Fußballklubs aufeinander losgegangen, unter anderem mit Baseball-Schlägern. Mutmaßliche Rostocker Hooligans sollen anschließend in eine Wohnung in der Zentaurenstraße gelaufen sein; von den Bremern fehlt jede Spur. Groß teilt die Einsatzkräfte ein, lässt durch einen Wagen die Straße sperren, fordert eine Gruppe Bereitschaftspolizei an. Mitten in die unklare Situation hinein platzt die Meldung von einem Einbruch in der Industriestraße, gerade zwei Kilometer vom Neustädter Polizeigebäude entfernt. 'Darum muss sich die Leitstelle kümmern', sagt Groß und widmet sich der Lage vor Ort.

'Stehenbleiben!', ruft ein Beamter, als ein Mittzwanziger mit kurzgeschorenen Haaren und Bierflasche in der Hand just das Haus verlässt, in das sich die Rostocker zurückgezogen haben sollen. Momente später lehnt der Mann mit ausgestreckten Armen an einer Schaufensterscheibe und wird durchsucht, dann klicken die Handschellen wegen des Verdachts auf Landfriedensbruch. Auf der anderen Straßenseite schlägt die Stunde von 'Fats von Löwenfels'. Der belgische Schäferhund, seit 2004 in Diensten der Bremer Polizei, hat die Witterung eines Menschen aufgenommen und zieht Kommissar Günter Mundil in eine Stichstraße - wo sich der nächste Rostocker befindet. 'Ohne Hund hätten wir den nicht bekommen', ist sich Führer Mundil sicher.

Dass die Beamten vor dem richtigen Wohnhaus positioniert sind, gilt nun als sicher: Der zuerst Festgesetzte, laut Polizeibericht aus Ostdeutschland stammend, ist hier Mieter. Zudem deuten Spuren auf eine gewalttätige Auseinandersetzung hin. Die gläserne Eingangstür des Hauses ist zersprungen, weist ein golfballgroßes Loch auf; davor liegen Scherben. Tatsächlich wird einer der später Abgeführten sagen, Bremer 'Hools, Ultras oder Möchte-Gern-Ultras' hätten ihn bis zum Haus verfolgt und die Tür eingetreten. Er selbst habe 'nur Zigaretten holen' wollen, beteuert der um die 25 Jahre alte Mann seine Unschuld und zieht sein 'Rostock'-T-Shirt hoch, um die Folgen eines Schlags gegen seinen Bauch zu zeigen.

Ob auch die Rostocker ausgeteilt haben? Jedenfalls stellt die Bereitschaftspolizei, als sie die fragliche Wohnung betritt und fünf weitere Männer antrifft, einen Baseball-Schläger mit frischen Blutspuren und einen Handschuh mit Eisen-Einlage sicher, wie Groß notiert. Darüber hinaus beweist der zweite Diensthund 'Tomi', dass man auch mit einem weniger beeindruckenden Namen einen guten Riecher haben kann: Der Kollege auf vier Pfoten erschnüffelt verschiedene Betäubungsmittel. Die Vielzahl der Funde lässt die dokumentierende Polizistin staunen und bringt sie in eine missliche Situation: 'Hat jemand das Erweiterungsblatt zum Beschlagnahmeprotokoll dabei?', fragt die junge Kommissarin und zieht die Schultern hoch.

Groß fordert einen Gefangenentransporter an, der die insgesamt sieben Verdächtigen zum Innenstadt-Revier bringt. Immerhin gibt es dort eine Sammelzelle. Kaum ist der Wagen abgerauscht, weist eine Anwohnerin auf eine neuerliche, wie sie es nennt, 'glatzköpfige Horde' hin: So laufen den Polizisten an der Zentaurenstraße sechs weitere Rostocker in die Arme. Auch sie kommen in Gewahrsam, wobei einer von ihnen einen stark benebelten Eindruck macht und mit Verdacht auf Kopfverletzung ins Krankenhaus eingeliefert wird. Dann ist endlich alles geregelt - und für Groß beginnt das Berichteschreiben. Erst um acht Uhr, die Sonne ist vor zwei Stunden aufgegangen, tritt er vor das Neustädter Polizeigebäude und begibt sich auf den Heimweg nach Arsten.

Die Bilanz der Nachtschicht: Im Bereich des ESD Süd kam es zu 20 Einsätzen, drei davon galten als Kategorie-I-Einsätze. In diesen sofort abzuarbeitenden Fällen will die Polizei in acht Minuten vor Ort sein. Vom 20. auf den 21. August waren das die Hooligan-Schlägerei, der Einbruch in der Industriestraße und ein laut Polizei kleinerer Brand in einem Hausflur in Huchting. Alle Kategorie-I-Einsätze ereigneten sich nahezu zeitgleich, weshalb die Kräfte des ESD Süd ausgereizt waren und von anderen Inspektionen unterstützt wurden. Im Anschluss trat nur eine partielle Besserung ein: Allein drei ESD-Streifen blieben gebunden, weil sie Berichte über die Hooligans zu schreiben hatten.

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