Gesichter der Stadt: Marco Heuberg bittet zur Messe „Alte Reklame – Moderner Wohnkult“ in Schuppen eins

Mit Comics fing alles an

Bremen. „Knipp statt Kaviar“ steht auf der Fußmatte. „Individuell statt uniform“ sagt Marco Heuberg.
12.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Mit Comics fing alles an
Von Anke Landwehr
Mit Comics fing alles an

Messe für historische Werbung/moderne Wohnkultur - Treffen mit dem Veranstalter Marco Heuberg

Frank Thomas Koch

„Knipp statt Kaviar“ steht auf der Fußmatte. „Individuell statt uniform“ sagt Marco Heuberg. Und stapft dann mal voran in den dritten Stock. Bosse überholt ihn. „Nur noch ss-wei Treppen“, kräht der Knirps, hopst die restlichen Stufen hoch und voilà: „Dassis unsre Wohnung.“ Triumphierend dreht sich der Dreijährige im Kreis. Das ist sein Zuhause, er ist stolz darauf und es ist, wie sein Vater schon angekündigt hat, nicht nullachtfünfzehn.

Links in der Ecke steht ein alter Spielautomat, in dem jetzt nicht mehr Kugeln fliegen, sondern Fische schwimmen. Ein Aquarium. Wie originell. Rechts, im offenen Durchgang zur Küche, wacht Superman in Lebensgröße mit starrem Blick aus knallblauen Augen. „Den hat mir meine Freundin mal zum Valentinstag geschenkt“, sagt Marco Heuberg. Die Freundin heißt Kerstin, wohnt auch hier und ist die Mutter seines Sohnes Bosse, der jetzt stolz seine „Drachenschuhe“ vorführt. Die, die ihm noch passen, und die, die eine Nummer größer sind. Für später.

Margarine mit h

Überall, auch im Bad, hängen alte, emaillierte Werbeschilder, die Küche ist geradezu damit tapeziert. Über dem Dunstabzug tippt das „Rahma“-Mädchen mit dem Zeigefinger auf ein quadratisches Stück Pflanzenmargarine. „Von diesen Schildern gibt es nur noch drei Stück“, sagt Heuberg. Sie müssen vor 1926 entstanden sein, weil in diesem Jahr das „h“ aus dem Markennamen verschwand; es erweckte fälschlicherweise den Eindruck, als würde hier tierisches Fett angeboten.

Das sind so Geschichten, wie sie sich um viele Schilder ranken. Der Zeigefinger sollte der werten Kundschaft seinerzeit offenbar häufig den Weg zum einzig wahren Produkt weisen. Auf einem Schild hält eine junge den ihren mahnend unter das Kinn einer älteren Frau. „Aber Tantchen“, steht da, „man wäscht doch mit Persil“. Zu jener Zeit, Mitte der 1920er-Jahre, sei das fast einem Skandal gleichgekommen, erzählt Heuberg: Eine erfahrene Hausfrau, die von einem jungen Ding belehrt wird.

Um die 50 Schilder jeglicher Größe hängen in der Familienwohnung. Obwohl Heuberg mit historischen Werbeträgern handelt, würde er sich von diesen Stücken nicht trennen wollen. Um keinen Preis? „Hmm, na ja . . .“ , er kratzt sich am Kopf, „. . . kommt drauf an.“

Vor den Schildern waren die Comics, damit fing alles an. Der kleine Marco lag krank im Bett, da tröstete ihn die Mutter mit der Lieblingsliteratur seiner zwei älteren Brüder. Das war der Moment, in dem es um ihn geschehen war. Jahre später, 1993, würde er zu den Gründern der Bremer Comic-Mafia gehören. Das Unternehmen hat einen Laden an der Friedrich-Ebert-Straße mit fünf Vollzeitbeschäftigten und betreibt von hier aus einen Versandhandel. Heuberg (45) ist einer der Chefs. „Wir sind der zweitgrößte Comic-Laden Deutschlands. Im Augenblick haben wir 180 000 Artikel sofort verfügbar.“ Während er das sagt, beugt er sich weit über den aus Bauholz gezimmerten Tisch. Rechts davon steht die schwarze Küchenzeile, links fällt der Blick durch eine raumhohe Fensterfront auf eine Seitengasse des Buntentorsteinwegs.

180 000 Artikel. Das sind freilich nicht nur Comics von 1900 bis heute, das sind auch Hörspiele, Kassetten, Schallplatten und Groschenhefte. Jerry Cotton, Kommissar X, Perry Rhodan, Pabel Western oder auch die „Hausbücherei der frischen Resi“. Was immer sich dahinter verbergen mag, es ist bestimmt kein Liebesroman. „Die führen wir nicht, die will niemand haben“, erzählt Heuberg. Die Kundschaft besteht ganz überwiegend aus Jägern und Sammlern, aus Männern also. Die wollen kernigen Lesestoff, ihn aber nicht unbedingt lesen.

„Comics“, sagt Heuberg, „gelten manchen heute als gute Geldanlage.“ Für Erstausgaben im Top-Zustand würden in Deutschland bis zu 10 000 Euro ausgegeben. In den USA investierten Sammler in Erstausgaben von Batman oder Superman bis zu eine Million Dollar. Die Klientel der Bremer Comic-Mafia wohnt im deutschsprachigen Raum, alle acht Wochen werden gedruckte Kataloge mit Neuheiten an 4000 bis 5000 Adressaten geschickt.

Seitpferd als Sitzmöbel

Vor etlichen Jahren schon hat Heuberg sein privates und geschäftliches Interesse erweitert. „Wir spezialisieren uns auf das, was nicht mehr hergestellt wird.“ So kam er – für ihn zwangsläufig – auf historische Werbeschilder. Zunehmend liebäugelt er auch mit Möbelklassikern, von denen es bereits Beispiele in der Wohnung gibt: Einen Eames Chair samt Fußhocker und einen filigranen Butterfly-Chair, wie er 1939 von Ferrari-Hardoy, Kurchan und Bonet entworfen worden ist. Und irgendwann, das haben Heuberg und Kerstin Lichtenberg schon beschlossen, werden sie das niedrige, weiße Sideboard mit dem alten, hellgrauen Röhrenfernseher entsorgen und dort ein neues Möbel aus Turngeräten hinstellen. „Das ist ganz groß im Kommen“, versichert Heuberg. Diese Seitpferde beispielsweise, über die sich ganze Schülergenerationen gequält haben, eigneten sich ganz vorzüglich als Esstischbänke.

Am Sonntag, 14. Juni, wird dieser Trend noch keine Rolle spielen, wenn Heuberg und zwei weitere Veranstalter zur Messe „Alte Reklame – Moderner Wohnkult“ in den Schuppen eins bitten. „Das ist die perfekte Umgebung für unser Pilotprojekt“, sagt Heuberg und kommt fast ein bisschen ins Schimpfen, als er die üblichen Antikmärkte in Bremen geißelt. „Die sprechen nur Leute über 65 an, das ist frustrierend.“

Im Schuppen eins hingegen würden um die 60 Anbieter aus dem In- und Ausland „verschiedenste Design- und Sammlerstücke mit dem Potenzial zum Kultobjekt“ präsentieren. Angekündigt werden Klassiker von Designern wie Verner Panton, Vico Magistretti und Wilhelm Wagenfeld, angesagtes Industriedesign von Kaiser Idell oder Kandem, historisches Spielzeug und historische Emailleschilder, Flipper- und sonstige Automaten, Tanksäulen und Musikboxen. „Wenn die Sache läuft, werden wir weitere Messen veranstalten, in München, Leipzig und Wien“, so Heuberg.

Von Bosse, dem plietschen Kerlchen, ist nichts mehr zu sehen und zu hören. Vielleicht ist er spielen gegangen. Mit seinem Vater spielt er manchmal Memory nach Art des Hauses: Marco Heuberg blättert in Katalogen mit historischen Blechschildern und Bosse sagt, welche er davon an anderer Stelle schon gesehen hat.

Alte Reklame – Moderner Wohnkult: Sonntag, 14. Juni, 10 bis 16 Uhr, Schuppen eins in der Überseestadt, Konsul-Smidt-Straße 26.

Marco Heuberg (oben) und einige seiner Schätze.

FOTOS: KOCH

MONTAGE: STV

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