Bremen-Walle Mit Courage gegen Ausgrenzung

Das gesamte Schulzentrum Rübekamp schult die Aufmerksamkeit für Diskriminierung und präsentiert sie bei Projekttagen.
28.06.2018, 05:05
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Walle. Seit 14 Jahren darf sich das Schulzentrum Rübekamp „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ nennen. In diesem Jahr wurde diese Auszeichnung mit Projekttagen bekräftigt, wie sie die Schule noch nicht gesehen hat: mit so vielen Workshops, externen Referentinnen, Referenten und Teilnehmenden wie nie zuvor.

Nicht, dass die Jugendlichen das in diesem Jahr besonders nötig hätten. Die Gesellschaft, in der sie aufwachsen, allerdings bekanntlich schon. Die Schule verbindet mit ihrer Gemeinschaftsaktion die Hoffnung, dass die jungen Menschen mit ihrer eigene Sensibilität für jegliche Form von Diskriminierung ansteckend wirken.

Das ist jedenfalls der Wunsch von Ute Bitzer, die den Projekttag federführend organisiert hat. „Unsere Schüler erleben Vielfalt als Normalität. Wir haben zunehmend mehr Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Im schulischen Alltag gibt es keinerlei Berührungsängste“, berichtet die Lehrerin für Politik und Englisch. „Dennoch ist es wichtig, Anstöße zum Nachdenken zu geben und die Aufmerksamkeit zu schulen.“

In insgesamt 27 Workshops arbeiteten Hunderte von Jugendlichen der allgemeinbildenden und berufsbezogenen Bildungsgänge mit externen Experten zu den unterschiedlichsten Aspekten des Themas – und auf ganz verschiedene Art und Weise. Mit Vertretern des Gewerkschaftsbundes DGB konnten sie über Alltagsrassismus, Rechtspopulismus, Antisemitismus und Verschwörungstheorien diskutierten. Bei Caro Schulze von „Rat & Tat“, dem Bremer Beratungszentrum für sexuelle und geschlechtliche Orientierung und Identität, ging es um die Frage: „Was ist eigentlich normal?“. Mit Vertretern der Evangelischen Jugend nahmen sie sich das konservative Geschlechterbild in der Werbung vor, mit der linken Jugendgruppe „A Gauche“ beschäftigten sie sich mit geschlechterspezifischer Erziehung.

Workshop mit wenigen Worten

Doch auseinandersetzen kann man sich mit dem Thema durchaus nicht nur verbal. Der Workshop von Abiud A. Chinelo kam sogar mit ausgesprochen wenigen Worten aus. In der Pantomime-Werkstatt des Bremer Schauspielers und Theaterpädagogen studierte eine Gruppe von Jugendlichen das Stück „Prometheus“ ein. Der griechische Titan, der dem Göttervater Zeus das Feuer stahl, um es den Menschen zu bringen, und dafür grausam bestraft wurde, gilt als legendärer Rebell gegen Unwissenheit und Unterdrückung.

„Uns geht es aber auch um die Täter-Opfer-Thematik“, erklärt der Regisseur. „Ich habe noch nie mitbekommen, dass hier an der Schule jemand offen diskriminiert wird“, berichtet die 19-jährige Workshop-Teilnehmerin Stephanie. „Unsere Klasse besuchen auch einige geflüchtete Jugendliche“, erzählte Michelle, ebenfalls 19 Jahre. „Warum sollten wir sie ausgrenzen?“

Wer mochte, konnte auch am „Rap-Slam“-Workshop teilnehmen oder in der Lehrküche internationale Gerichte zubereiten. „Das Angebot ist so breit gefächert wie die Jugendlichen selbst. Wir wollten damit sicherstellen, dass alle Schüler einen Workshop finden, auf den sie wirklich Lust haben“, erklärt Ute Bitzer. Sie berichtet, dass sich manche der Referenten honorarfrei in den Dienst der Schule gestellt hatten: „Einfach, weil ihnen das Thema so am Herzen liegt.“ Dazu zählt zum Beispiel der Bremer Künstler Ronald Philipps. Er initiierte mit den Jugendlichen ein Foto-Projekt, das bald die gesamte Stadt erobern soll, verriet der Bildhauer und Digitalkünstler mit Atelier an der Louis-Krages-Straße, der sich für viele soziale und kulturelle Projekte engagiert.

„Mit Courage“ – das bedeutet aber auch: wissen, wie man sich im Notfall wehren kann. Zu diesem Zweck gab es in der Sporthalle einen Grundkurs in „Krav Maga“. Das moderne Selbstverteidigungssystem, das auf einfach zu erlernenden, aber effektiven Befreiungsgriffen beruht, entstand in den 1930er-Jahren in Budapest, erklärte Workshopleiter Dirk Oefele aus der Verdener Shimao WingTsun Academy. „Krav Maga wurde entwickelt, damit sich Juden gegen Angriffe auf der Straße schützen konnten“, sagt der Trainer.

Situationen, in denen sie sich einen wirkungsvollen Befreiungsschlag gewünscht hätten, kennen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus eigener Erfahrung nur zu gut, berichtet die 18-jährige Jasmin: „Vor allem in Clubs passiert es ständig, dass man angetanzt und begrapscht wird.“ Dorothea, 20 Jahre, erinnert sich an eine Situation, als sie mit dem Rad von einer Gruppe junger Männer blockiert und angepackt wurde und sich nicht zu helfen wusste. Der Workshop sei ein Training für das Selbstbewusstsein, so Dorothea: „Wir wissen jetzt, was wir tun können, damit wir solche Situationen vermeiden oder uns daraus lösen können.“

„Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist das nach eigenen Angaben größte Schulnetzwerk in Deutschland. An fast 2600 deutschen Schulen verpflichten sich mehr als 1,5 Millionen Schüler dazu, einzutreten, wenn andere ausgegrenzt, gemobbt oder bedroht werden. Das Netzwerk entstand 1988 in Belgien. 1995 begannen auf Initiative des Vereins „Aktion Courage“ die ersten deutschen Schulen, sich nachhaltig gegen Gewalt und Diskriminierung einzusetzen. Das Schulzentrum Rübekamp unterschrieb die Selbstverpflichtung im Jahr 2004. Als Schirmherr wurde der damalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf gewonnen. Die Koordination für die bislang 126 Bremer „Schulen ohne Rassismus“ leistet die Landeszentrale für politische Bildung.

Weitere Informationen

Nähere Informationen gibt es auf der Internetseite www.schule-ohne-rassismus.org.

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