Naturschutzgebiet Eispohl in Lüssum Mit dem Bagger über die Heide

Andreas Nagler von der Bremer Umweltbehörde hat schweres Gerät geordert. An drei Stellen ist die Heide im Naturschutzgebiet Eispohl abgetragen worden – und zwar um ihre Zukunft zu sichern.
28.02.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Mit dem Bagger über die Heide
Von Jörn Hüttmann

Ein Bagger im Naturschutzgebiet? Ja, aber es sei nur nur zum Besten der Natur, sagt Andreas Nagler von der Bremer Umweltbehörde. Er hat schweres Gerät geordert, das Anfang der Woche an drei Stellen die Heide im Naturschutzgebiet Eispohl/Sandwehen abgetragen hat – und zwar um ihre Zukunft zu sichern.

Der erste Eindruck ist schockierend: Direkt am Eingang des Naturschutzgebiets Eispohl/Sandwehen ist der Boden eines Hügels aufgewühlt. Auf einer Fläche, so groß wie ein Volleyballfeld, steht keine Pflanze mehr. Ein Bagger hat sie samt der obersten Erdschicht abgetragen. „Sie wurde abgeplaggt“, sagt Andreas Nagler von der Umweltbehörde. Darunter kommt eine Sanddüne zum Vorschein. „Das war auch das Ziel – denn die Heide braucht den offenen Boden.“

Es ist eine von drei Stellen im Naturschutzgebiet, die Anfang der Woche im Auftrag der Umweltbehörde mit schwerem Gerät bearbeitet wurden. Damit soll der Fortbestand der letzten Bremer Heidefläche langfristig gesichert werden. Denn die Heide hat ein Problem. „Sie wächst zu“, erklärt Jürgen Niehaus, der als Naturschutzwächter für das Gelände zuständig ist.

Der Hintergrund liegt in der landwirtschaftlichen Geschichte der Region begründet. „Bauern ließen ihre Schafe hier weiden“, sagt Andreas Nagler. „Die haben die kleinen Pflanzen abgefressen.“ Außerdem plaggten die Bauern die oberste Bodenschicht ab, um sie als Streu für ihre Ställe zu benutzen. „Dadurch entstand ein besonders sandiger und nährstoffarmer Boden – die Voraussetzung für die Heide“, sagt Nagler. Diese Art der Landwirtschaft war Anfang des 20. Jahrhunderts noch so weit verbreitet, dass sich die Heidelandschaft zwischen Neuenkirchen, Schwanewede und Lüssum auf mehr als 2000 Hektar ausgebreitet hat.

„Die Heide ist eine Kulturlandschaft, die durch Menschen entstanden ist“, sagt Andreas Nagler. In Zeiten ohne Bauern und Schafe, muss die Umweltbehörde deren Aufgaben übernehmen. Deshalb bestellt die Behörde bei Bedarf einen Bagger. Denn die Heide und viele andere seltene Pflanzen- und Tierarten brauchen den lockeren Sandboden.

„Auf der Düne wächst zum Beispiel die Sandsegge und das Silbergras“, sagt Nagler. „Es sind Pionierpflanzen, die nachher von anderen verdrängt werden.“ Da aber genau diese Übergangspflanzen charakteristisch für die Heidelandschaft sind, muss der Wachstumskreislauf von Zeit zu Zeit auf null gesetzt werden.

So hat Nagler auch den Uferbereich des Katzenpohls abplaggen lassen, einer feuchteren Stelle, die bei starkem Regen zu einem richtigen Teich wird. „Hier haben wir an zwei Stellen etwas mehr vom Boden stehen lassen, damit sich die Pflanzen schneller wieder ausbreiten“, sagt Nagler. In der nassen Umgebung wachsen unter anderem der blau blühende Lungenenzian und der fleischfressende Sonnentau.

Die Aktionen des Baggers sind mit Akribie vorbereitet worden. „Wir achten darauf, dass wir nicht zu viel des Bodens abtragen, damit die Samen vor Ort bleiben“, erklärt Andreas Nagler. Aber es muss möglichst die komplette nährstoffreiche Humusschicht abgetragen werden. Denn dort können sich Moose und andere Pflanzen ausbreiten, die der Heide den Platz zum Wachsen nehmen. „Dafür nehmen wir etwa fünf Zentimeter des Bodens ab“, sagt Andreas Nagler.

„Alle zehn bis 15 Jahre tragen wir wieder ein Stück ab“, sagt Nagler. „Immer nach Bedarf.“ Dabei wird niemals das ganze Naturschutzgebiet auf einmal bearbeitet. „Das wäre viel zu teuer.“ Schon jetzt hat der Baggereinsatz rund 4.000 Euro gekostet. Außerdem lassen sich auf diese Art unterschiedliche Stadien der Heideentwicklung auf einem Gebiet vereinen, ergänzt Jörn Hildebrandt vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). „Das sorgt für eine größere Artenvielfalt.“

Darüber hinaus gibt es beim Einsatz des Baggers ein weiteres Problem. Bevor auf dem Naturschutzgelände Boden bewegt werden darf, muss der Kampfmittelräumdienst erst seine Erlaubnis geben, sagt Andreas Nagler. „Das gilt zwar für ganz Bremen, aber das Naturschutzgebiet gilt als besondere Gefahrenzone.“ In der Heide waren Flak-Batterien stationiert, die das benachbarte Tanklager Farge schützen sollten und selbst Ziel von Luftangriffen wurden. Bei der ersten der beiden Baggerstellen konnten die Spezialisten Entwarnung geben. Bei der dritten sei jedoch viel Metall im Boden gefunden worden, sagt Nagler.

Ob es sich wirklich um Blindgänger handelt, sei unklar. Aber die Kosten für eine Bergung hätte die Behörde nicht stemmen können. „Deshalb durften wir an diesem Punkt nicht so tief graben, wie wir eigentlich wollten.“ Deshalb bleiben solche Großaktion die Ausnahme. In der Zwischenzeit muss das Zuwuchern so gut es geht mit der Hand verhindert werden. „Damit haben wir eine Firma beauftragt“, sagt Nagler. Das fällt auch weniger auf als ein Bagger.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+