Was aus den Geflüchteten aus Borgfeld wurde

"Mit dem Leben bin ich zufrieden"

Mustafa Mosavy war einer der Geflüchteten, die 2015 in einer Turnhalle in Borgfeld unterkamen. Vier Jahre später erzählt er, was er heute macht und wie er sich in Bremen fühlt.
15.12.2019, 19:39
Lesedauer: 4 Min
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Von Carolin Henkenberens
"Mit dem Leben bin ich zufrieden"

Mustafa Mosavy stammt aus Afghanistan und kam 2015 nach Bremen. Im Atelier Jules-Art verbringt der 20-Jährige oft seine Freizeit und malt.

Matthey

Herr Mosavy, warum sind Sie nach Deutschland gekommen?

Mustafa Mosavy : Diese Frage ist schwierig zu beantworten. (Er überlegt lange)

Wir können auch erst über etwas anderes reden.

Ich erkläre ein bisschen was dazu. Meine Stadt ist inmitten von Afghanistan und heißt Ghazni. Sie ist ethnisch-gemischt, vier, fünf Ethnien wohnen dort. Eine große Autobahn geht durch die Stadt, deshalb ist sie sehr wichtig und auch unsicher. Es gab immer Explosionen, Drogen. Ich wohnte dort als Minderjähriger allein. Ich musste meine Familie verlassen. Mehrmals wurde mir Drogenhandel angeboten. Die Dealer suchen nach solchen Jugendlichen, die das Geschäft voran bringen können, weil sie nicht von der Polizei kontrolliert werden. Einige zwingen sie. Diese Gefahr bestand auch für mich. Die Flucht war der einzige Weg, dem zu entkommen. In Afghanistan kommen jeden Tag Menschen um. Das macht mich sehr traurig.

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Das ist jetzt vielleicht ein harter Schnitt. Aber: Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie das erste Mal in Bremen in der Turnhalle in Borgfeld waren?

Ich war sehr hoffnungslos, als ich in Bremen ankam. Ich bin zu irgendeinem Heim gegangen, die haben mich abgelehnt und mir eine Adresse gegeben mit irgendeiner Einzelfahrkarte. Die haben mir gesagt: Geh da hin. Ich wusste nicht, in welche Straßenbahn ich einsteigen sollte. In der Turnhalle war es anders, wir kannten uns aus dem Bundesamt (Erstaufnahme-Stelle, Anmerkung der Redaktion), da haben wir uns kennengelernt.

Wie haben Sie diese erste Zeit in Bremen in Erinnerung?

Wenn ich sage, ich vermisse diese Zeit, würde ich mich nicht irren. Das liegt daran, dass alle neu hier waren. Aber eigentlich war diese Zeit sehr schlecht. Viele hatten diese schlechten Bilder der Flucht im Kopf. Die dachten, die Welt sei so böse wie die Menschen auf der Flucht. Ich habe heute viele Freunde, die aus Syrien kommen, oder aus Afrika, oder aus anderen Ländern. Damals war das nicht so. Damals waren Syrer in ihren eigenen Kreisen, Afrikaner auch und andere auch. Jetzt wohnen sie zusammen, sind Freunde. Das ist sehr interessant.

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Wo leben Sie heute, was machen Sie?

Seit einigen Monaten wohne ich in einer Wohnung in Gröpelingen und das ist schön. Ich gehe zur Schule, ich besuche das Gymnasium. Ich strebe das Abitur an, 2021.

Was ist Ihr Wunsch oder Ziel für die Zukunft?

Ich wollte immer Professor werden, Physikprofessor. Ich habe immer den Kosmos geliebt, liebe ihn immer noch. Habe viele Bücher gelesen, Dokumentationen gesehen. Ich liebe allgemein Planeten. Ganz am Anfang habe ich immer gesagt, ich will Journalist werden. Weil meine Schwester Journalismus studiert hat.

Gab es Schwierigkeiten für Sie in den vergangenen vier Jahren?

Es gibt immer Schwierigkeiten. Vor allem für uns gab es so viele Schwierigkeiten. Aber wir sind da irgendwie durchgekommen.

Was für Schwierigkeiten waren das?

In der Turnhalle zu wohnen. Es gab nur vier Toiletten für 100 Personen. Das ist einfach Wahnsinn. Oder wir haben keinen Schulplatz gehabt, mussten darauf warten. Wir haben uns immer Sorgen gemacht um unsere Zukunft. Danach, als wir einen Schulplatz hatten, haben wir uns Sorgen um die Sprache gemacht. Diese Schwierigkeiten haben jetzt auch viele. Viele können nicht so gut Deutsch sprechen, deshalb werden ihre Bewerbungen abgelehnt. Aber was ich gemacht habe, damit bin ich sehr zufrieden. Ich habe Deutsch gelernt, ich habe mir viel Mühe gegeben. Ich kann mich jetzt verständigen, gehe zur Schule, habe konkrete, exakte Ziele, die ich erreichen will. Mit dem Leben bin ich zufrieden.

Was machen Sie so in Ihrer Freizeit?

Ich habe Fußball gespielt, aber ich hatte drei Mal einen Bänderriss und einen Handbruch. Ich gehe zum Malen (Mal-Gruppe im Atelier Jules-Art, Anmerk. d. Red.) und am Wochenende bin ich oft am Sielwall. Da chille ich. Was ich noch sagen wollte: Wenn ich aus Bremen weg bin, in Hamburg oder in anderen Städten, und dann wieder am Bremer Bahnhof ankomme, dann – haaah – atme ich aus. Bremen ist wie ein Zuhause geworden. Das ist sehr schön. Das gibt Hoffnung und Selbstbewusstsein. Das ist nicht nur für mich so, das ist für ganz viele Flüchtlinge, die hier wohnen, so. Wir haben so ein Heimgefühl.

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Hatten Sie auch mal negative Erlebnisse, rassistische Beleidigungen zum Beispiel?

Es ist unmöglich, dass man das in vier Jahren nicht erlebt hat. In Bremen passiert das nicht so oft. Ich habe meistens in Stadtteilen gewohnt, in denen Flüchtlinge oder Ausländer wohnen. Aber ich habe das schon erlebt. Meistens im Zug. Einmal war da ein Mann mit seinem Hund, der hat mich beschimpft. Das schlimmste Erlebnis war, als ich einmal mit einem dunkelhäutigen Freund am Bahnhof war und jemand ihn Affe genannt hat. Er sagte, das sei normal für ihn. Das hat mich richtig traurig gemacht. Ich dachte, dieser Rassismus, den ich spüre, sei schlimm. Aber was ich da erlebt habe, war Millionen Mal schlimmer.

Viele Geflüchtete finden Angela Merkel gut, weil sie 2015 entschieden hat, die Grenzen für die Menschen auf der Balkanroute nicht zu schließen. Was denken Sie über sie?

Schwierige Frage. Die Politik ihrer Partei finde ich selbst nicht so schön. Was sie gesagt hat („Wir schaffen das“, Anmerk. d. Red.) fanden wir gut. Die Frage wäre, ob Deutschland es geschafft hat. Ich würde sagen, sie hatte recht. Deutschland war damals bereit und hat es geschafft zum großen Teil, nicht zu 100 Prozent, aber zum großen Teil.

Die Weihnachtszeit ist für viele Menschen in Deutschland eine besondere Zeit. Wie verbringen Sie die Feiertage?

Silvester ist besonders. Das ist sehr cool. Darauf warten meine Freunde und ich seit Monaten. Der Feiertag davor, am 24., wie heißt der noch mal?

Heiligabend.

Ja, genau. Die letzten Jahre war ich bei einer deutschen Familie eingeladen. Wir haben gesessen, geredet und Geschenke ausgepackt. Das ist natürlich das Beste. Und deutsches Essen gegessen, das war sehr lecker. Dieses Jahr bin ich bei einer anderen Familie eingeladen. Ich bekomme aber auch Besuch aus Schweden, deshalb weiß ich noch nicht, was ich mache.

Das Gespräch führte Carolin Henkenberens.

Info

Zur Person

Mustafa Mosavy (20)

kommt ursprünglich aus Afghanistan und lebt seit 2015 in Bremen. Nach seiner Ankunft hat er etwa vier Monate in der Sporthalle Am Borgfelder Saatland gelebt. Momentan ist er Schüler und will bald das Abitur absolvieren.

Info

Zur Sache

Was wurde aus ...?

Im Herbst 2015 kamen Hunderte Geflüchtete in Bremen in Turnhallen unter. Der WESER-KURIER hat am Beispiel der Notunterkunft in der Sporthalle am Borgfelder Saatland versucht herauszufinden, was aus den dort einquartierten jungen Männern geworden ist. Wie haben sie sich in Bremen eingelebt? Weitere Porträts folgen in loser Reihenfolge.

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