Pendler-Test Mit dem Rad von Bremen nach Hamburg

Bremen. Von Bremen nach Hamburg, auf sieben unterschiedlichen Wegen - so hatten sich WESER-KURIER-Reporter vor ein paar Wochen auf den Weg gemacht, unter anderem mit Auto, Motorrad, Bus und Bahn - allerdings nicht mit dem Fahrrad. Das hat Hannjörg Kirsch jetzt gemacht.
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Mit dem Rad von Bremen nach Hamburg
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Da fehlt noch was, hat er sich gedacht. Von Bremen nach Hamburg, auf sieben unterschiedlichen Wegen, mal mit dem Auto, mal mit dem Motorrad, mal mit Bus und mal mit Bahn. So hatten sich unsere Reporter vor ein paar Wochen auf den Weg gemacht, ein Test, wie schnell und bequem man die gut 120 Kilometer bewältigt. Hannjörg Kirsch wollte es noch genauer wissen, er fuhr mit dem Fahrrad los.

Kirsch, muss man wissen, ist ein sehr gewissenhafter Mensch. Da wird nicht mal eben das Fahrrad gesattelt, und ab geht’s Richtung Elbe. Kirsch hat die Karten studiert, eine Route ausbaldowert und sich vorher bei der Bahn erkundigt, wann es mit dem Zug von Hamburg zurück in die Heimat geht.

Zwei Stempel zum Beweis

Er hat auch Beweise gesammelt für seine Tour, sonst könnte ja jeder kommen. Also zeigt er nun in seinem Reihenhaus in Brinkum zwei Zeitungen her, sie sind vom 4. Oktober und tragen oben rechts beide einen Stempel. In Oyten hat er ihn sich bei Papier Meyer geholt, mit Unterschrift und Uhrzeit, es war 8 Uhr 40. In Rotenburg half Zeitschriften Lange: 10 Uhr 46.

„Danach habe ich damit aufgehört“, sagt der 67-Jährige. Und zieht jetzt trotzdem noch einen weiteren Beweis aus der Tasche: das Foto. Ein Bild vom Hamburger Rathaus, im Vordergrund steht sein Fahrrad, es ist eindeutig seins, er hat es gerade noch vorgeführt, es heißt „Silbermöwe“ und hat 27 Gänge. „Ich hab’s mir zum 60. Geburtstag gekauft, 2000 Euro, so viel wie für meinen Gebrauchtwagen.“ Das Bild mit dem Rad vorm Rathaus ist mit einem maschinellen Datum versehen: 04/10/2010.

Kirsch also mit Fahrrad in Hamburg, das ist nun bewiesen. Aber wie war das genau, wie lange hat er gebraucht, und was hat er erlebt?

Der Mann ist Frühaufsteher, um 5.40 Uhr ist für ihn die Nacht zu Ende, er will es so, auch am Tag der Tour. Nach dem Frühstück ging’s los, da war es 7.08 Uhr, Kirsch hat das genau notiert. Durch die Leester Marsch zuerst Richtung Arsten und Weserwehr. Von dort durch Hastedt zur Sebaldsbrücker Heerstraße und weiter nach Oyten. In Oyten-Bassen dann die Überraschung: keine Brücke mehr, einfach abgebaut. „Ich wollte eigentlich über die Autobahn, um den Wümme-Radweg zu erreichen“, erzählt Kirsch. Das ging nun nicht: Baustelle, Brücke weg, die A 1 bekommt neue Fahrbahnen.

Sein Weg führte fortan bis kurz vor Hamburg stur an der B 75 entlang: Sottrum, Rotenburg, Scheeßel, Tostedt. Zwischendurch eine Viertelstunde Pause, da hatte er in gut dreieinhalb Stunden 57 Kilometer geschafft. Das Wetter okay, kein Regen, nur der Wind störte ein bisschen. Der Radweg an der Bundesstraße ließ sich prima befahren, und der Autoverkehr – „hat überhaupt nicht gestört“, sagt Kirsch.

Durchs Land mäandern und die schönsten Wege wählen, das kam sowieso nicht in Frage. Kirsch wollte Strecke machen, so wie vorher die Reporter. Die Pausen – am Mittag zum Beispiel in Tostedt, wo sich der Radler eine Krabbensuppe genehmigte und danach noch eine Portion Wildbratwürstchen mit Sauerkraut und Salzkartoffeln, „sehr gut“ steht im Protokoll – hat er aus seiner Fahrzeit minutengenau herausgerechnet.

Kilometer 100 war um 14.31 Uhr in Buchholz erreicht, direkt neben dem Möbelhaus Kraft. Eine knappe Stunde später passierte Kirsch die Landesgrenze zur Freien und Hansestadt Hamburg, und nun wurde es kompliziert, ein Gewirr von Straßen, Wegen und Brücken. „Am Bahnhof in Harburg half mir ein älterer Herr weiter, und in Wilhelmsburg war es ein ortskundiger Radfahrer, er sagte, ich soll einfach hinter ihm herfahren, und das hab’ ich getan“, berichtet Kirsch.

So kam er schließlich zum Ziel – nach exakt 133 Kilometern und 7.03 Stunden reiner Fahrzeit war der Rathausplatz in Hamburg erreicht. Eine sehr ordentliche Leistung für jemanden, der 67 ist. Kirsch hat allerdings Übung im Radfahren. Als er noch bei Airbus war, ließ er irgendwann auch im Winter das Auto stehen und fuhr von da an das ganze Jahr über mit dem Rad zur Arbeit.

Eine Gewohnheit, die der Ingenieur nach seiner Pensionierung beibehalten hat. Jeden Tag in der Woche setzt er sich nach dem Frühstück aufs Rad, immer die gleiche Strecke, 13 Kilometer, nicht mehr und nicht weniger. Manchmal fährt er auch längere Touren, zuletzt von Bremerhaven nach Cuxhaven. Oder im vergangenen Jahr an der Saale entlang.

Trotzdem: Kaputt, sagt Kirsch, kaputt war er schon nach dem Hamburg-Trip. Gar nicht mal am Tag selbst, da ging es noch. Am Abend – nach der Zugfahrt zurück und der knappen Stunde mit dem Rad vom Bahnhof bis nach Brinkum – hat er sich zur Belohnung ein Glas Weißbier gegönnt, sein Fazit in diesem Moment: „Anstrengend, aber schön.“ So anstrengend, dass er sich am nächsten Tag schrecklich matt fühlte. Die Tour, nun war sie eine Tortur.

Sieben Stunden und drei Minuten, das ist sein Ergebnis, und es muss sich nun messen lassen. Wie war das noch mal beim Test der Reporter?

Der Sieger saß im ICE

So war’s, dass die Autofahrer und der Motorradfahrer alle um die drei Stunden bis nach Hamburg brauchten, ob auf A 1, A 27, B 75 oder irgendwelchen Landstraßen. Die beiden Bahnfahrer in Metronom und ICE benötigten fast die gleiche Zeit, allerdings für Hin und Zurück. Der Sieger im Wettbewerb saß im ICE, was man eigentlich vermuten musste, wenn man sich verlassen könnte. Aber ist auf die Bahn Verlass?

Der arme Mann im Linienbus war geschlagene neuneinhalb Stunden unterwegs, „eine Odyssee kreuz und quer durch kleine Dörfer“, wie die Kollegen in ihrem Artikel schrieben. Neuneinhalb Stunden sind zweieinhalb mehr als sieben. Hannjörg Kirsch, der achte Teilnehmer am Rennen zwischen Weser und Elbe und als einziger nicht motorisiert, ist also Siebter geworden. Vorletzter und nicht Letzter. Glückwunsch!

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