Annette Wagner hat einen Film über die Arbeit der auf Demenzerkrankte spezialisierten Gerontologin gedreht Mit den Augen von Naomi Feil

Annette Wagner hat in der Reihe "Wissen um elf" ihren neuen Film über die Arbeit der Gerontologin Naomi Feil vorgestellt. Eine rege Diskussion schloss sich an.
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Von Christian Hasemann

Annette Wagner hat in der Reihe "Wissen um elf" ihren neuen Film über die Arbeit der Gerontologin Naomi Feil vorgestellt. Eine rege Diskussion schloss sich an.

Altstadt. Vielen Menschen ist der Umgang mit den Themen Alter, Demenz und Tod unangenehm. Die Bremer Filmemacherin Annette Wagner hat die berühmte Demenzexpertin Naomi Feil bei der Arbeit begleitet. Über ihren Film "Brücke in eine andere Welt" sprach Wagner in der Reihe "Wissen um elf" im Haus der Wissenschaft.

Die große Zahl der Zuhörer zeigte, dass es durchaus ein besonderes Interesse an dem Thema gibt. Pflegekräfte und Angehörige erleben im Umgang mit dementen Patienten Konflikte und Unsicherheit. Plötzliche Aggressionen, Stimmungsschwankungen und Kränkungen sind sehr belastend für die Familie und auch für das professionelle Pflegepersonal.

Einen Umgang auf Augenhöhe mit dementen Menschen zu ermöglichen und einen Zugang zu der Welt der Patienten zu suchen – das ist Kern der Arbeit von Naomi Feil. Der Stress für Betreute und Betreuer soll dadurch verringert werden. Feil setzt auf die Methode der sogenannten Validation, bei der Wertschätzung und Anerkennung im Vordergrund stehen.

Filmemacherin Annette Wagner begleitete die inzwischen achtzigjährige Fachfrau bei Workshops, wie sie sie für Angehörige und Pflegepersonal anbietet. Stationen waren unter anderem das Seniorenheim O’Land in Obervieland, das Klinikum Bremen-Mitte und das Hotel Munte.

"Im Klinikum Mitte haben wir einen Workshop mit jungen Pflegekräften gefilmt", sagt Annette Wagner, "sie waren der Meinung, sie hätten zu wenig Erfahrung mit Demenzkranken gemacht und wüssten nicht, wie sie sich in Konfliktsituationen verhalten und wie sie damit umgehen sollen."

Im Film wird deutlich, wie die Arbeit von Naomi Feil funktioniert. In Rollenspielen wird versucht, den Pflegekräften zu zeigen, wie sie mit verbaler Kommunikation, Gesang und behutsamem Körperkontakt versuchen können, Kontakt zu den Dementen aufzunehmen und Konfliktsituationen zu meistern. In einem anderen Beispiel aus einem Seniorenheim sahen die Zuschauer, wie Naomi Feil Kontakt zu einer dementen Frau aufbaut, die ihre eigene Tochter nicht mehr erkennt. Durch das Aufgreifen bestimmter Wörter, die die Patientin benutzt, und durch das Wiederholen dieser Wörter und behutsames Anfassen schafft sie es, dass sich die Patientin öffnet.

"Naomi Feil hat ein Kommunikations-Konzept entwickelt, das auf bestehende Bauteile aus der Entwicklungspsychologie zurückgreift", sagt Annette Wagner. Seit den Siebzigerjahren befasst sich die deutsch-amerikanische Gerontopsychologin mit der Versorgung dementer Menschen. Dabei sei es zu einem Paradigmenwechsel gekommen. "Man hat von dem Realitätsanspruch Abstand genommen – hin zu dem Versuch, in die Welt des anderen rüberzugehen", beschreibt Wagner die Arbeit unter den geänderten Vorzeichen.

"Die Welt, in der sich die desorientierten Menschen befinden, ist für uns nicht greifbar", fährt Wagner fort. "Man kann auch sagen: Der Verstand ist in einem anderen Aggregatzustand." Ziel der Validation sei es daher, nicht ständig zu beschwichtigen, zu beruhigen und zu korrigieren, sondern den anderen Menschen in seiner eigenen Realität anzuerkennen. Oder wie es Naomi Feil ausdrückt: "In den Schuhen des anderen gehen."

Besonders schwer auszuhalten war ein Ausschnitt des Filmes, in dem Naomi Feil versucht zusammen mit einer Pflegerin Zugang zu einer Patientin im letzten Stadium der Demenz zu bekommen. Über viel Körperkontakt und basalen Berührungen versuchen die Pflegerin und die Gerontopsychologin Kontakt zu der brüllenden Patientin herzustellen. Dieser Ausschnitt zeigt nicht nur die Arbeitsmethoden der Expertin, sondern macht auch deutlich, was für eine schwere und anerkennungswürdige Arbeit von den Pflegekräften in Heimen geleistet wird.

Wagner macht aber auch die Grenzen der Validation deutlich. "Durch die Berührungen werden alte Erinnerungen geweckt. Berührungen der Mutter, des Vaters oder auch eines Partners", sagt die Filmemacherin. "Allerdings müssen es der Berührende und die Berührte auch mögen, auf diese Weise angefasst zu werden." Nicht jede möchte schließlich in den Arm genommen werden, längst nicht jeder verbindet mit Berührungen etwas Schönes. "Bei Personen, die eventuell körperlich missbraucht wurden oder keine guten Beziehungen zu ihren Eltern hatten, wird so ein Körperkontakt keine guten Erinnerungen wecken", sagt Annette Wagner.

Das Konzept von Naomi Feil ist seit Jahrzehnten unverändert, während inzwischen auch einige andere, viel versprechende Ansätze existieren. "Es gibt Versuche, die Beziehungsebene auf eine freundschaftliche Ebene zu bringen", sagt Annette Wagner.

Die Diskussion nach ihrem Vortrag war rege. Der Tenor war, dass es weiter nötig sei, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Eine Frau aus dem Publikum sagte: "Die Menschen haben Berührungsängste, sie wollen damit nicht in Kontakt kommen. Aber wir müssen in kleinen Schritten weiterkommen."

Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5 (Nähe Dom): Öffentliche Tagung der Mommsen-Gesellschaft und der Universität Bremen am Donnerstag und Freitag, 4. und 5. Oktober, über Gesundheit und Krankheit im Altertum. Vorträge unter anderem zu antiker Chirurgie, Krankheitsbildern in der bildenden Kunst, psychopathologischen Phänomenen und zur religiösen Dimension von Gesundheit und Krankheit. Mehr zum Programm: www.geschichte.uni-bremen.de.

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