Freimarkt für Fortgeschrittene (1) Mit den Werder-Handballerinnen beim Dosenwerfen

Dosenwerfen auf dem Freimarkt: Eine Herausforderung für Kinder - aber ein Klacks für die Handballerinnen des SV Werder? Wir haben in unserer neuen Serie „Freimarkt für Fortgeschrittene“ den Test gemacht.
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Mit den Werder-Handballerinnen beim Dosenwerfen
Von Kathrin Aldenhoff

Dosenwerfen auf dem Freimarkt: Eine Herausforderung für Kinder - aber ein Klacks für die Handballerinnen des SV Werder? Wir haben in unserer neuen Serie „Freimarkt für Fortgeschrittene“ den Test gemacht.

Es beginnt mit einer Provokation. „Ich mach das jetzt seit 27 Jahren. Und ich sag’ Ihnen: Die werfen daneben.“ Rabea Neßlage lächelt nur müde und entgegnet ironisch: „Ja klar, wir treffen keine einzige Dose.“ Der Mann, der da provoziert, ist Bernd Heine Junior. Seit er 18 Jahre alt ist, betreibt er Ballwurfbuden. Die junge Frau, die sich herausgefordert fühlt, ist Rabea Neßlage, Handballerin beim SV Werder, 2. Bundesliga.

In unserer neuen Serie gehen wir mit Profis auf den Freimarkt und lassen sie zeigen, was sie können. Wir gehen mit dem Fahrlehrer in den Autoscooter, mit dem Glückspielforscher an die Losbude und an diesem Tag mit zwei Handballerinnen vom SV Werder zum Dosenwerfen: Rabea Neßlage, 25, und Jennifer Börsen, 22. Sie sollen uns an Bernd Heines Wurfbude zeigen, wie man als Profiwerfer Dosen abräumt.

Kuscheltiere baumeln von der Decke, ein Junge kniet auf dem Tresen, sein Vater hält ihn an den Beinen fest, damit er nicht vornüberkippt bei der Wucht, die er in seinen Wurf legt. Eine junge Frau mit Sonnenbrille im Haar hat eine rote Plastikrose gewonnen, durch einen Lautsprecher tönt alle paar Sekunden eine Stimme, die den immer gleichen Satz sagt: „Einmal abgeräumt, freie Auswahl.“

Die Erwartungen sind hoch, vielleicht werfen die beiden Damen ja so gut, dass sie am Ende einen Teddybären nach Hause tragen dürfen. „Wahrscheinlich wären wir besser, wenn wir ein Kind für uns werfen lassen“, witzelt Rabea, bevor sie an den Stand tritt. Sie nimmt drei Bälle aus Schweins- und Rindsleder in die Hand, wirft sie ein paar Mal in die Luft. Jeder wiegt 100 Gramm. „Ich dachte die wären viel schwerer“, sagt Jennifer Börsen, und Rabea Neßlage sagt: „Ich glaub’ ich überleg’ mir erstmal eine Taktik.“ Eine gute Idee von der 25-Jährigen, Bernd Heine erklärt später: Beim Dosenwerfen komme es genau darauf an. Auf die Taktik. „Wenn ich anfange, oben abzuräumen, habe ich keine guten Chancen“, sagt der 44-Jährige. Das Problem: Die beiden Handballerinnen räumen gar nicht ab. Doch der Reihe nach.

Ein paar Würfe zum Einspielen, Bernd Heine steht hinter dem Tresen, zeigt noch mal auf die Dosen und sagt: „Dorthin müssen die Bälle, nicht daneben.“ Die beiden Handballerinnen sehen sich belustigt an. So schwer kann das doch nicht sein, meinen sie. „So meine Damen, wer fängt an?“, fragt Heine. Rabea Neßlage beginnt. Drei Runden à drei Bälle, so ist es vereinbart, zehn Dosen stehen auf dem Brett, es zählen nur die Dosen, die vom Brett fallen, nicht die, die nur umgeworfen werden.

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Der erste Wurf geht schon mal daneben. Rabea Neßlage bewegt die Schultern, die schicke enge Lederjacke schränkt die Wurffähigkeit ein wenig ein. Bernd Heine gibt noch einen Tipp: „Ich würde die Tasche auf jeden Fall ablegen“, sagt er und zeigt auf die kleine Umhängetasche, die der 25-Jährigen um den Körper baumelt. „Meinst du?“, fragt Rabea Neßlage und schüttelt den Kopf. „Ich lass mich hier nicht aus der Ruhe bringen!“ Sie behält die Tasche um.

Die Ergebnisse der ersten Runde: Bei Rabea bleiben fünf Dosen stehen, bei Jennifer sechs. Zweite Runde: sechs Dosen bei beiden. Dritte Runde: Bei Rabea bleiben acht Dosen stehen. „Die bleiben ja alle stehen“, ruft sie empört. „Ja wenn man so schlecht wirft“, entgegnet Bernd Heine und lacht. Die 25-Jährige grinst und wendet sich ab. „Das ist nicht mein Spiel“, sagt sie.

Jennifer Börsen rettet das Ansehen der beiden Sportlerinnen in der letzten Runde, da bleiben immerhin nur drei Dosen stehen. „Der soll uns das mal erklären“, sagt Rabea Neßlage, Jennifer Börsen nickt. Und da schwingt Bernd Heine schon die Beine über den Tresen und beginnt die Analyse: „Handballerinnen sind nicht darauf trainiert, das zu treffen, was im Kasten steht, sondern daran vorbeizuwerfen!“ Die beiden Sportlerinnen nicken, da hat er schon mal Recht. Aber jetzt solle er doch mal zeigen, wie ein Profi Dosen wirft.

Am Ende bleiben auch bei Bernd Heine Junior drei Dosen stehen. „Klappt auch nicht jedes Mal bei mir“, sagt der Budenbesitzer, zuckt mit den Schultern und gibt den beiden Sportlerinnen zum Abschied die Hand. Rabea Neßlage will den Misserfolg dann doch nicht auf sich sitzen lassen: „Komm doch mal zu uns in die Halle, dann siehst du, wie gut wir treffen!“

So ganz können sich die beiden den Misserfolg nicht erklären: Viermal die Woche Handballtraining, und Wurftraining ist da ein wesentlicher Teil. Ihr Urteil: „Unsere Leistung im Dosenwerfen ist ausbaufähig.“ Am Ende feiern die beiden Handballerinnen dann aber doch noch einen Erfolg auf dem Freimarkt. Am Stand von Thomas Schroer werfen die beiden auf bunte Clownfiguren aus Holz. „Da kommt es darauf an, mit Gefühl zu werfen“, sagt Jennifer Börsen. Mit dem Gefühl klappt es, sie hat alle fünf Clowns zum Umkippen gebracht.Zur Belohnung verleiht Thomas Schroer den beiden einen silbernen Cowboyhut. „Ein bisschen klein“, sagt Rabea Neßlage, und drückt den Hut auf den Kopf. „Ich glaube, das liegt daran, dass da eigentlich nur Kinder mitspielen“, sagt ihre Mannschaftskollegin und lacht. Egal. Die Hauptsache ist ja, dass sie beim nächsten Spiel wieder ins Tor treffen.

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