Meine Haltestelle: Harald Becker pendelt als Fährmann mit der "Hal över" zwischen Osterdeich und Stadtwerder

Mit der Tide verändert sich sein Anleger

Mitte·Neustadt. Harald Becker ist seit Mitte Januar wieder mit "Hal över", der letzten bremischen Personenfähre, zwischen dem Ostertor und der Neustadt unterwegs. Seit über 18 Jahren bringt er seine Fahrgäste in der Saison vom Café Sand zum Osterdeich und vom Osterdeich rüber zum Stadtwerder. Seine Haltestelle, der Anleger, ändert seine Höhe. Mit der Tide geht es auf und ab.
31.01.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Kerstin Thompson

Mitte·Neustadt. Harald Becker ist seit Mitte Januar wieder mit "Hal över", der letzten bremischen Personenfähre, zwischen dem Ostertor und der Neustadt unterwegs. Seit über 18 Jahren bringt er seine Fahrgäste in der Saison vom Café Sand zum Osterdeich und vom Osterdeich rüber zum Stadtwerder. Seine Haltestelle, der Anleger, ändert seine Höhe. Mit der Tide geht es auf und ab.

Die Sielwallfähre verkehrt seit fast 300 Jahren, von kleinen Unterbrechungen abgesehen, auf der Weser und ist als Nahverkehrsmittel nicht mehr wegzudenken. Die Sielwallfähre heißt auch "Hal över", (,Hol über'), nach dem Ruf, der über Jahrhunderte hinweg den Fährmännern galt.

Kind einer Schifferfamilie

Wirklich zu Hause fühlt sich Harald Becker nur an Bord. Der 64-Jährige ist als Schifferkind aufgewachsen. "Mit nur einem Koffer in der Hand ist meine Familie mit mir 1950 aus der DDR abgehauen. Mein Vater hat auf dem Schiff angefangen und ich bin später in seine Fußstapfen getreten", sagt Harald Becker. "Meine Eltern hatten eine Wohnung an Bord des Binnenschiffes gehabt, auf dem sie arbeiteten und Stückgut transportierten, während wir Kinder im Schifferheim aufwuchsen. Mein Vater und meine Mutter waren immer auf dem Wasser unterwegs."

Aus dem Rheinland kamen die Beckers 1961 nach Bremen. Harald Becker machte eine Lehre als Binnenschiffer. "Ich habe für jeden Fluss ein Patent", sagt er. Ob Unterweser, Elbe, Weser Ems oder Rhein: Der Fährmann kennt die Strömungen. 1992 lernte Harald Becker rein zufällig eine Mitarbeiterin von "Hal över" kennen, der Gesellschaft für innovative Stadttouristik GmbH, die 1984 aus einer Bürgerinitiative entstand und die neben der Sielwall- beziehungsweise Ostertorfähre unter anderem noch die Schiffe "Oceana", "Hanseat", "Das Schiff 2", die "Punke" und die Hansekogge "Roland von Bremen" besitzt.

"Ich stand am Martini-Anleger und blickte auf das Schiff 2", erinnert sich Harald Becker. Da habe er die Mitarbeiterin von "Hal över" einfach spontan gefragt: "Kann ich das Ding mal fahren?" Die Frau habe geantwortet: "Da müssen Sie aber ein Patent haben." Und das hatte er. Und bekam zwar nicht das "Schiff 2", das besetzt war, aber die Sielwallfähre. "Ich will das noch machen, bis ich 99 bin", sagt der Fährmann. "Ich bin fröhlich und lustig zu den Leuten, das überträgt sich auf die Stimmung an Bord. Und Kinder bringen in den meisten Fällen schon gute Laune mit." Für die sei die Überfahrt ein Abenteuer, die liebten den Wellengang. "Wenn ich Kinder mit der Fähre übersetze, bitten die mich sofort, eine Runde extra zu drehen."

Harald Becker hat auch schon einen Mann gerettet. Aus dem Wasser? "Nein, vom Festland!", sagt er. "Der wollte zum Werderspiel und hat Auswärtsfans blöd angemacht, die ihn nun zu zehnt am Osterdeich auf der Spur waren." Der Verfolgte habe sich auf die Fähre geflüchtet, die Männer rannten ihm hinterher. "Aber ich habe, sobald er bei mir an Bord war, ganz schnell die Klappe dicht gemacht und bin vom Ufer losgefahren", erzählt der Fährmann. Dann habe er den jungen Mann beim Café Sand abgesetzt und nach einer Weile wieder mit rüber genommen, so dass er noch zum Fußballspiel kam.

Bei Werderspielen ist die Sielwallfähre ein beliebtes Transportmittel. Viele Autofahrer parken vor dem Kuhhirten und lassen sich dann übersetzen. Aber es gibt auch den direkten Wasserweg vom Café Sand zum Weserstadion. "Das mache ich mit der Punke", sagt Harald Becker. Dieses Fahrgastschiff für 48 Personen wird oft im Sommer zur Verstärkung der Sielwallfähre eingesetzt. "Die Punke ist länger und etwas schwieriger zu fahren", findet Harald Becker. Auf beiden Fähren sind die Gäste bunt gemischt: Jung und Alt, Gruppen, Familien, Singles und Pärchen, Touristen, und Kleingärtnerinnen. Viele haben ihr Fahrrad dabei. Naherholung, das Lichtluftbad und Sportvereine gibt es auf der linken Weserseite, Kneipen, Geschäfte, das Stadion, Kinos und Theater auf der rechten. Und für die Kreuzfahrten mit Harald Becker und Kollegen sogar Zehnerkarten.

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