Kulturszene soll das Steintor beleben

Beirat Östliche Vorstadt setzt auf neue Kulturorte statt Leerstand

Auf der jüngsten Sitzung wurde ein einstimmiger Beschluss gefasst. Es soll eine Zusammenarbeit mit Immobilienbesitzern geben und auch eine Neuauflage des Kultursommers Summarum ist in Planung.
15.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Beirat Östliche Vorstadt setzt auf neue Kulturorte statt Leerstand
Von Sigrid Schuer
Beirat Östliche Vorstadt setzt auf neue Kulturorte statt Leerstand

2020 war pandemiebedingt das erste Jahr ohne Präsenz-Breminale am Osterdeich.

Christina Kuhaupt

Dina Koper und Christoph Ogiermann können sich empören: „So, wie es jetzt aussieht, werden wir gezwungen sein, aus unseren Atelierräumen im Fehrfeld, die wir verlassen müssen, nach Bremerhaven zu ziehen. In Bremen und ganz besonders im Viertel sind einfach keine Räume zu einem auch nur annähernd bezahlbaren Preis zu finden“. Dabei gebe es in Bremen inzwischen Leerstand zu Hauf. Aber oft frage die Eigentümer-Seite: „Was, Sie haben keinen festen Arbeitsvertrag?“ Und das war's dann mit der Anbahnung eines möglichen Mietvertrages. „Lieber werden die Gewerbe-Immobilien leer stehen gelassen, und die entgangene Miete wird einfach abgeschrieben“, kritisieren die bildende Künstlerin und der Komponist. „Dabei sind wir durchaus solvent und würden sogar große Räumlichkeiten kaufen. Denn wir können mit unserem Equipment nicht alle paar Monate von einer Zwischenlösung zur nächsten umziehen“, betont Koper. Ogiermann warnte ausdrücklich vor einer sich verschärfenden Verdrängung, wenn beispielsweise Berliner wegen der unbezahlbaren Mieten dort, nach Bremen ins Homeoffice umzögen.

Bürgerpark Operngala

Die Sopranistin Julia Bachmann war während des Kultursommers Summarum immer wieder gern gesehener Gast.

Foto: Petra Stubbe

Immobilien-Eigentümer mit ins Boot holen

Der Fall der Fehrfeld Studios, die seit Jahrzehnten von Kulturschaffenden vieler Sparten genutzt werden, ist symptomatisch für die Entwicklung in der Hansestadt. In der City und im Viertel explodierten zuletzt die Mieten, was die Leerstände beförderte. Und dann kam Corona. „Ganz klar, die Mieten sind auf diesem Niveau nicht mehr zu halten, das ist mittlerweile auch vielen Immobilien-Eigentümern klar“, räumte Karin Take von der Wirtschafts-Förderung Bremen (WFB) ein. Der Beirat Östliche Vorstadt hatte zu seiner jüngsten, virtuellen Sitzung die Künstlerszene eingeladen, um sich deren Situation und die Entwicklung neuer Kulturorte mit Schwerpunkt in der Östlichen Vorstadt schildern zu lassen. Es zeigte sich aber auch, wie wertvoll solche Sitzungen des Stadtteil-Parlaments sind, um hilfreiche Verbindungen zu schaffen. So versprach Take, in verschiedenen Locations noch einmal nachzufragen.

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Aus der virtuellen Runde kam so mancher Vorschlag, wie die Pusdorf Studios in Woltmershausen oder das Tabakquartier. Dort soll nach Auskunft der Kulturbehörde allerdings frühestens 2024 eine Entscheidung fallen. Koper und Ogiermann benannten das Problem, das bei vielen Objekten besteht: Mit Miet-Deponat und Makler-Courtage sind oft schon 10.000 Euro fällig. Ohne die Immobilien-Eigentümer werde es indes nicht gehen, unterstrich auch Beiratssprecher Steffen Eilers, dem sehr an einer lebendigen Kulturszene in der Östlichen Vorstadt gelegen ist. So möchte der Beirat eben auch diese mit ins Boot holen, so der einstimmige Beschluss. Dort heißt es weiter, dass in Zusammenarbeit mit dem Wirtschafts-Ressort nun ein Wettbewerb zur kreativen, temporären Nutzung des Leerstandes im Steintor durch neue Orte der Kultur und des Handels ausgeschrieben werden soll. Denn ein Problem, das schon länger schwelt, sind dort die oft undurchsichtigen Eigentums-Verhältnisse, räumten sowohl Helmut Kersting von der Linken als auch Karin Take von der WFB ein.

Neuauflage des Kultursommers Summarum in Planung

Ein Beispiel, wie gut und reibungslos es zwischen Eigentümern und Zwischennutzern laufen kann, ist das Urban Gardening-Projekt Rotkäppchens Garten auf dem Gelände des mittlerweile abgerissenen Rotkäppchen-Lokals. Der neue Eigentümer hat mit den Initiatoren bis Oktober 2021 einen Zwischennutzungs-Vertrag geschlossen. Mittlerweile sind aus dem Umfeld der Östlichen Vorstadt schon bis zu 200 begeisterte Hobby-Gärtner dabei, gerade auch Kindern und Jugendlichen den nachhaltigen Anbau von Obst und Gemüse näher zu bringen. Sobald das Wetter ein bisschen besser ist, soll in dem Pop-up-Gemeinschaftsgarten auch ein Kulturprogramm aufgelegt werden.

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Shayan Dabestani vom Rotkäppchen-Organisations-Team, der seit drei Jahren in der Hansestadt wohnt, hat sich nach eigenen Worten bereits über die ominöse Vermietungs-Monokultur im Steintor gewundert. In der Östlichen Vorstadt mittlerweile angekommen ist auch das freie Kunst- und Kultur-Kollektiv A-Raum, das durch die Vermittlung der Zwischenzeit-Zentrale den leer stehenden Handy-Shop am Dobben und das Jahre lang leer stehende Haus in der Humboldtstraße 94 bis August 2021 mit seinen Projekten bespielen kann. Zu Gast bei der Beiratssitzung war ebenfalls Renate Heitmann aus dem Leitungsteam der Bremer Shakespeare Company. Sie hatte im vergangenen Sommer die zündende Idee, den Kultursommer Summarum anzuschieben. Stand jetzt gebe es schon 200 Ensembles, die im Sommer 2021 auftreten wollen.

Info

Zur Sache

Die Breminale

Aus der Traum. Eine Breminale am Osterdeich in Präsenz von Tausenden Menschen wird es auch in diesem Sommer nicht geben. Breminale-Macher Esther Siwinski und Jonte von Döllen sind sich ihrer Verantwortung in Corona-Krisen-Zeiten sehr bewusst. Für den Fall der Fälle hatten sie gleich mehrere Pläne eines Modul-Konzeptes in der Schublade. Nun soll es ein dezentrales Open air-Festival werden. Ähnlich dem Hamburger Reeperbahn-Festival sollen über die Stadtteile verteilt verschiedene Freiluft-Locations bespielt werden. Sollten es die Inzidenzwerte zulassen mit Glück auch mit ein wenig Publikum. Sonst aber ist klar: Die diesjährige Breminale soll als Audio-Streaming-Festival, sozusagen als kostenlose Radionale vom 21. bis 25. Juli über die Bühne gehen.

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